Zukunft des Wittwer-Baus: Jetzt ist wieder alles offen

Seit im vergangenen Herbst bekannt wurde, dass Wittwer-Thalia nach fast 60 Jahren seinen Standort am Schlossplatz verlassen wird, ging es rund um den Wittwer-Bau zunehmend hoch her. Im März 2026 schien die Sache dann entschieden: Das Gebäude an der Königstraße 30/32 sollte abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, lediglich Teile der Untergeschosse und des Erdgeschosses sollten erhalten bleiben.

Danach wurde die Debatte in Stuttgart immer emotionaler. Es ging um Architektur, Stadtgeschichte, Erinnerungen und vor allem um die Frage, warum an dieser prominenten Stelle ausgerechnet der Abriss die Antwort sein sollte.

Ein halbes Jahr später sieht die Lage bemerkenswert anders aus. Die Stadt hat einen Realisierungswettbewerb für die Zukunft des Wittwer-Baus gestartet und dabei den Spielraum deutlich geöffnet. Neun Teams aus Architektur und Landschaftsplanung, darunter zwei aus Stuttgart, sollen sich mit dem Gebäude und seinem Umfeld beschäftigen. Im März 2027 berät das Preisgericht über die Entwürfe.

Und plötzlich ist wieder ziemlich viel möglich. Erhalt, Teilerhalt, Umbau oder Neubau sind ausdrücklich Teil der Aufgabenstellung. Aus dem im Frühjahr noch kommunizierten Abrissprojekt ist damit ein offener Wettbewerb geworden, der unterschiedliche Varianten zulässt.

Das passt zur Intensität, mit der Stuttgart in den vergangenen Monaten über das Haus diskutiert hat. Es gab mehrere öffentliche Veranstaltungen, die Architektenkammer griff das Thema auf und im Juli beschäftigte sich der Städtebaubeirat mit den Planungen. Der Wittwer-Bau wurde damit von einem anstehenden Immobilienprojekt zu einer grundsätzlichen Diskussion darüber, wie Stuttgart mit seiner Nachkriegsarchitektur und seinen zentralen Stadträumen umgehen möchte.

Der Ort liefert dafür genügend Stoff. Das Gebäude steht an der Königstraße 30/32 zwischen Schlossplatz, Kunstmuseum und Kleinem Schlossplatz und gehört zu den prägenden Geschäftsbauten aus der Phase des Stuttgarter Stadtumbaus der 1960er Jahre. Seit 1967 sitzt hier Wittwer. Die Buchhandlung hat die legendären Freitreppen, den alten Kleinen Schlossplatz und dessen komplette Transformation erlebt und gehört für Generationen zum Inventar der City.

Ende 2027 sollen die bisherigen Mieter das Gebäude verlassen. Wittwer-Thalia zieht einige hundert Meter weiter in den neuen Flagship-Store im Patio an der Ecke Königstraße und Schulstraße. Auch Ochs’n Willi und die weiteren Nutzer müssen ihre bisherigen Flächen räumen.

Beim Wettbewerb geht es allerdings nicht allein um das Haus. Die Teams sollen den gesamten Stadtraum zwischen Kunstmuseum, Königstraße und Kleinem Schlossplatz betrachten. Die Topografie, Zugänge und öffentlichen Flächen gehören ebenso zur Aufgabe. Ein eigener freiraumplanerischer Ideenteil beschäftigt sich mit der Frage, wie dieser zentrale Abschnitt der Innenstadt künftig genutzt und gestaltet werden kann.

Damit wird es auch für die Freiflächen interessant. Schon in den bisherigen Planungen spielte eine Veränderung des Bereichs zwischen Kunstmuseum und Wittwer-Bau eine Rolle. Nun kann dieser Stadtraum gemeinsam mit dem Gebäude neu gedacht werden.

Und natürlich bleiben unsere eigenen Pläne fürs Wittwer-Haus bestehen. Ein gigantischer Mövenpick-Freundschaftsbecher über mehrere Stockwerke, die alten Schlossplatz-Freitreppen mitten im Gebäude, ein riesiger Skatepark, der Kleine Schlossplatz von früher, Pauls Boutique und das Switzerland als Bar-Revival sowie Ochs’n Willi auf sämtlichen Etagen wären weiterhin anschlussfähige Entwürfe.

Im März 2027 wissen wir zumindest, welche Ideen die neun Planungsteams für diese prominente Ecke haben. Nach Abrissbeschluss, monatelanger Debatte und nun wieder geöffnetem Wettbewerb ist vor allem eines neu: Die Zukunft des Wittwer-Baus ist längst nicht mehr so entschieden, wie sie im Frühjahr noch aussah.

Facts: Zukunft Wittwer-Bau Stuttgart

Adresse: Königstraße 30/32, Stuttgart-Mitte
Baujahr/Ära: Geschäftsbau aus dem Stuttgarter Stadtumbau der 1960er Jahre
Wittwer am Standort: seit 1967
Thalia-Übernahme: 2018
Auszug: spätestens Ende 2027 geplant
Neuer Thalia-Standort: Patio, Ecke Königstraße/Schulstraße
Planung Frühjahr 2026: Abriss und Neubau, Teile der Untergeschosse und des Erdgeschosses sollten erhalten bleiben
Aktueller Stand: Realisierungswettbewerb mit offenem Ergebnis
Teilnehmer: neun Teams aus Architektur und Landschaftsplanung, davon zwei aus Stuttgart
Mögliche Varianten: Erhalt, Teilerhalt, Umbau oder Neubau
Wettbewerbsgebiet: Wittwer-Bau plus Umfeld zwischen Königstraße, Kunstmuseum und Kleinem Schlossplatz
Preisgericht: März 2027
Ziel: Gesamtkonzept für Gebäude, Nutzung und öffentlichen Raum

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