Wann UNESCO Welterbe? 50 Jahre Arnulf-Klett-Passage

Fünfzig Jahre Arnulf-Klett-Passage! Ein halbes Jahrhundert unter der Erde, unter dem Puls des Arnulf-Klett-Platzes, unter den Schritten einer Stadt, die nie innehält. Wer in dieses Level hinabsteigt (oder von S-U-Bahn-Rolltreppen hinauf geschoben wird), taucht ein in ein Habitat aus Rot und Orange, Neonröhren und Richtungspfeilen, in ein Panoptikum aus Pendlern, Nachtschwärmern, Schichtarbeitern, Schülern, Verirrten, Verliebten. Wann endlich UNESCO-Welterbe?

Seit ihrer Eröffnung im Frühjahr 1976 ist die Passage ein Begriff in Stuttgart und weit darüber hinaus. Benannt nach Arnulf Klett, dem Oberbürgermeister mit drei Jahrzehnten Amtszeit, trägt sie die Gravitas einer Epoche im Namen und die Aufbruchsrhetorik der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Beton.

Damals galt sie als die modernste unterirdische Einkaufspassage der Bundesrepublik, 93 Millionen D-Mark schwer, getragen von Bund, Land und Stadt. Eine kleine Revolution war die Möglichkeit, bis 22 Uhr zu öffnen. Stuttgart übte schon damals Kingsize-Gegenwart.

In ihren ersten Jahren strahlte die Klett-Passage vor Eleganz. Die Lichtbänder an der Decke wirkten wie ein Arpeggio aus Fortschrittsglauben, die klaren Linien wie ein Versprechen auf eine Turbo-Moderne, die Stuttgart selbstbewusst in die Zukunft tragen wollte.

In den Schaufenstern präsentierten sich inhabergeführte Fachgeschäfte, Modeboutiquen mit federnden Stoffen, Ledertaschen mit Gravitas, Schuhe mit dandyhaftem Schnitt. Hier wurde flaniert, nicht nur passiert. Die Passage war Laufsteg und Lebensader zugleich, eine unterirdische elegante Welt, die sich bewusst vom Provisorium abhob.

Heute ist sie vor allem eines: Durchgang und Drehscheibe. 22 Geschäfte, mehr Fast Food Bäckertüte für (gestresste) Menschen on the run anstatt High Fashion, eingebettet in eine Infrastruktur, die Hauptbahnhof, Fußgängerzone, S-Bahn und Stadtbahn verknüpft.

Zwischen Stadtbahn und Regionalverkehr wechseln täglich mehr als 12.000 Menschen das Gleis, die Zahl der Passanten mäandert je nach Zählung zwischen 150.000 und 300.000 am Tag. Das ist kein Ort, das ist ein Strom. Ein Energiestrom, der zirkuliert, eine Netzwerk-Ökonomie aus Schritten und Blicken.

Und doch umweht die Klett-Passage etwas Mystisches. Das Rot-Orange, das sich wie eine Chiffre der Siebziger in die Netzhaut eingebrannt hat, wirkt wie ein Ornament, das sich weigert zu zerinnen. Geliebt wie gehasst.

Für manche ist sie Transitraum mit Tunnelblick, für andere Resonanzraum und Erinnerungsarchiv. Hier wurden Verabredungen getroffen, Karrieren begonnen, Abschiede inszeniert. Hier hat sich eine Stadt im Untergrund gespiegelt.

Natürlich trägt die Passage ihre Webfehler offen zur Schau. Inzwischen gilt sie für viele als “No-Go-Area”, das Narrativ der runtergerockten, urinbefleckten Dark Zone hält sich hartnäckig. Zwischen Ideenkitsch der Siebziger und Sicherheitsdebatten der Gegenwart oszilliert die Diskurslage. Ist sie Relikt oder Ressource? Scheinriese oder schlafendes Gravitationszentrum?

Mit der geplanten Verkehrsberuhigung der Schillerstraße und des Arnulf-Klett-Platzes steht ihre Funktion zur Disposition. Die Stadt und die SSB prüfen eine Erneuerung, ein unterirdisches Fahrradparkhaus wird erwogen. Doch die Timeline liest sich wie ein Parforceritt durch Brandschutz, Baustellenlogik und Stuttgart-21-Flächenmanagement.

Frühestens 2028 könnte eine Neugestaltung beginnen, die Verkehrsberuhigung erst ab 2031 greifen. Bis dahin bleibt die Passage im Schwebezustand, halb Denkmal, halb Baustelle im Wartestand.

Was also tun mit diesem Untergrund-Mythos? Runterreißen und glattziehen wäre eine Säuberungspolitik ohne Bewusstsein für Identität. Alles lassen wie es ist, wäre nostalgischer Narzissmus. Vielleicht braucht es eine kluge Legierung aus Respekt und Erneuerung. Die Ornamente der Siebziger bewahren, die Lichtachsen neu orchestrieren, Sicherheit und Ästhetik nicht als Gegensätze verhandeln, sondern als Wechselwirkung.

Die Arnulf-Klett-Passage ist kein Instagram-Spot (oder vielleicht doch?), sie ist Stuttgart in seiner abgerockten funktionalen Alltäglichkeit. Sie ist Scharnier und Schicksalspunkt, Transit, Themenpark und Survival Camp zugleich. Fünfzig Jahre Untergrund sind kein Makel, sondern eine Manifestation urbaner Intensität.

Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, ob sie UNESCO-Welterbe wird. Vielleicht ist die Frage, ob wir lernen, ihren Wert als Teil unserer eleganten Welt neu zu lesen. Die Klett-Passage ist kein Fehler im System, sie ist sein Unterbau. Und Stuttgart wäre ohne dieses rot-orange Skelett ein Stück weniger Stuttgart.

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