Stuttgart verneigt sich vor einem ihrer ganz Großen. Walter Schultheiß ist gestorben, 101 Jahre alt, und mit ihm verschwindet eine Stimme, die zum Klang dieser Stadt gehört hat wie das Echo zwischen Neckar und Kesselrand.
Walter Schultheiß sprach Schwäbisch wie andere Musik machen. Nicht aufgesetzt, nicht erklärend, sondern fließend, selbstverständlich, mit dieser feinen Ironie, die nie verletzte und oft tröstete. Sein Humor kam nicht von außen, er wuchs aus Beobachtung, aus Nähe, aus dem genauen Blick auf die Menschen.
Bekannt wurde er früh, ab den Sechzigern, im Radio, auf der Bühne, später im Fernsehen. Die Straßenkehrer Sketche machten ihn zum vertrauten Begleiter vieler Nachmittage und Abende. Danach kamen Hörspiele, Serien, Filme, Rollen, die bis heute nachwirken. Ob in Schwäbische Geschichten, Köberle kommt, Der Eugen oder als Vermieter Rominger im Bienzle Tatort, Schultheiß spielte Figuren, die man kannte oder zu kennen glaubte. Vielleicht, weil sie uns ähnlich waren.
Die Bühne blieb sein Zuhause. Besonders die Komödie im Marquardt in Stuttgart. Jahr für Jahr kehrte er zurück, stand dort bis ins hohe Alter, konzentriert, wach, mit einer Präsenz, die nichts beweisen wollte. Man saß im Publikum und wusste, warum man Theater liebt.
Geboren 1924 in Tübingen, begann sein Weg noch im Schatten des Krieges. Schauspielunterricht in Stuttgart, erste Engagements, dann ein Leben zwischen Proben, Auftritten und Studios. Über siebzig Jahre lang an seiner Seite seine Frau Trudel Wulle. Gemeinsam auf der Bühne, gemeinsam im Leben. Ihr Tod im Jahr 2021 hinterließ eine spürbare Lücke. Dennoch blieb er dem Spiel treu, leise, würdevoll, ohne großes Aufheben.
Neben dem Schauspiel schrieb Walter Schultheiß Texte und Gedichte, zeichnete, malte. Immer mit einem feinen Gespür für Zwischentöne. Er lebte zuletzt in Wildberg, im Kreis seiner Familie, bei seinem Sohn, dessen Frau und den beiden Enkelinnen. Dort ist er am 22. Dezember 2025 gestorben und wurde im kleinen Kreis beerdigt.
Viele Auszeichnungen haben seinen Weg begleitet. Sie stehen in Urkunden und Archiven. Was bleibt, ist etwas anderes. Erinnerungen an Abende vor dem Fernseher. An Theaterbesuche. An Sätze, die man noch hört, obwohl der Raum längst leer ist.
Walter Schultheiß war ein Stuttgarter von Weltformat. Einer, der nie laut sein musste, um gehört zu werden. Einer, der bleibt. In dieser Stadt. In ihrer Sprache. In ihrem Gedächtnis.
Und natürlich dürfen auch an dieser Stelle nicht sein legendären Worte fehlen: „Saufsch, stirbsch. Saufsch net, stirbsch au. Also saufsch.”

