Unsere neue Gastautorin Sakeena schreibt über Stuttgart, Stadtbilder, Sommerhitze, U-Bahnerlebnisse, Menschen im Wackelmodus und die kleinen guten Dinge, die einen Tag retten. Grafikdesignerin, Beobachterin, Stadtkind, Mutter mit Hang zu Glitzer und Existenzhumor – wie in ihrem ersten Artikel, ein Besuch beim Umsonst & Draußen Stuttgart.

Ein Freund aus Berlin ist extra runtergefahren, um beim Festival zu helfen. Ein Jahr ist er schon weg aus Stuttgart – lange genug, dass man vergisst, wie jemand aussieht. Also entschied ich mich für den Sonntag. Besseres Lineup, klarer Fall: No Sports als Abschluss, ein kleines Licht an einem Sommertag, mit der Art Hitze, die ein Steamer gerne zum Garen benutzt.
Ich wollte eigentlich eine Freundin mitnehmen. Ging nicht. Kein Geld mehr für Fahrkarten, zu schwül für eine Fahrradtour. Stattdessen wollte sie aufs Feld, zwei Sonnenblumen holen: eine für sich, eine für die Nachbarin, die mit staubigen AFD-Parolen vom Balkon aus das ganze Haus voll schreit, wie ein kaputter Laubbläser.
Meine Freundin glaubt, die Frau sei einfach allein – und deshalb so laut, so wütend, so verloren. Ich fand ihr Vorhaben mutig. Hoffnung ist ein zartes Ding. Möge der Glitzergott der kleinen guten Dinge ihr beistehen.
Also fuhr ich allein. Mein Kontostand sah genauso traurig aus wie ihrer. Gehalt immer noch nicht da. Unsichere Zeiten für die Branche, unsichere Zeiten für mich. Ich nahm die U?Bahn nach Vaihingen, dankbar für das D-Ticket und gleichzeitig mit dieser Existenzangst im Bauch, die sich anfühlt wie ein Stein, den man schluckt und der sich nur hartnäckig verdauen lässt.
Unterwegs stiegen weitere U&D-Besucher ein – klar erkennbar am bunten Festivalrucksack. Die kleine Masse schob mich wie eine träge Sommerbrise aufs Gelände. Hinter der Hauptbühne fand ich meinen Kumpel sofort. Wir begrüßten uns wie Babe und Johnny im Sprung – na gut, nur fast. Ich traue seinen nicht ganz so sportbegeisterten Ärmchen keine berühmte Hebefigur zu. Es wurde eine Umarmung, die sich ein bisschen nach Wiedersehen und ein bisschen nach „Wir halten uns gegenseitig fest“ anfühlte.
Dann traf uns von hinten eine Glitzerbombe. Zwei Bekannte hatten uns entdeckt. Mein Berliner Freund sah plötzlich aus wie eine Discokugel, die schon bessere Nächte gesehen hat. Ich musste lachen, er weniger. Er hielt einen Vortrag darüber, dass Yachten und Kreuzfahrtschiffe tonnenweise Glitzer im Lack verwenden – angeblich zum Schutz vor Salzwasser und für den unsterblichen New-Look. Unser Glitzer dagegen sei harmlos und löse sich im Wasser auf. Kinderwerkstatt?Glitzer halt. Die unschuldigste Form von Glitzer, die es gibt.
Erst mal einen Rotwein-Slushie mit Gehirnfrost auf diese funkelnde Begrüßung.
Mein Handy vibrierte: Die Sonnenblume war erfolgreich geliefert. Ich schickte ein stilles Gebet. Und wanderte weiter mit der Glitzerkugel über das Gelände – direkt in die Arme einer alten Schulkameradin. Über zwanzig Jahre nicht gesehen.
Und plötzlich steht sie da, Backstage, mit No-Sports-Merch, ähnlichem Werdegang wie ich und einem Chef im KI?Rausch. Unsichere Zeiten auch für sie. Unsichere Zeiten für alle, die irgendwas mit Kreativität machen und dabei noch Miete zahlen müssen.
Kurz darauf lief ich einem ehemaligen Kollegen über den Weg. Er war mit Frau und zwei seiner drei Kinder da. Die Frau versuchte vergeblich, den Hörschutz an die Kinder zu kriegen, während die Band Tarot ihr bestes Heavy Metal in die Abendluft schickte.
Trotzdem erstaunlich friedlich alles. Kein wildes Gebänge, nur Sommerträgheit und Festivalleichtigkeit. Die Art Leichtigkeit, die entsteht, wenn alle zu platt sind, und einfach nur Musik genießen wollen.
Ich traf an diesem Tag viele Menschen wieder, die ich ewig nicht gesehen hatte. Und allen ging es so lala. Alle am Wackeln, alle am Kämpfen. Manche denken ans Auswandern – so wie ich. Manche ans Heiraten. Einer machte sogar einen Antrag auf der Hauptbühne. Und sie sagte sogar ja. Glitzer. Manchmal gewinnt die Romantik gegen die Realität, und sei es nur für fünf Minuten.
Backstage trudelten langsam No Sports ein. Bestellten Bühnenbier mit und ohne Alkohol. Schön, die Band nervös zu sehen, mit diesem typischen Backstage?Humor, der immer ein bisschen nach Proberaum riecht und nach dem Versuch, die Welt mit Musik zusammenzuhalten.
Dann ging der Gig los. Die Ska-Liebhaber vor der Bühne wurden dichter, die ersten tanzten sofort zum groovigen Beat. Ansteckend. Einfach wow. Zwischendrin eine gute Ansprache von Frontmann Mark: Aufstehen. Zusammenstehen. Und dann folgte natürlich „Stay Rude Stay Rebel“, was für noch mehr und gute Laune sorgte.
Das war wirklich Glitzer auf dem Boden der Tatsachen – einem Boden, der sich gerade oft wie Lava anfühlt. Und trotzdem tanzen wir drauf, weil es Glitzer gibt. Sogar umsonst und draußen.
