Beton, Raum, Vision: Das legendäre Terrassenhaus in Zuffenhausen

Exterior of a large concrete multi-level parking garage with a spiraling ramp and dark stormy clouds overhead

Mitten im Stuttgarter Norden steht eine Wohnanlage, die auch mehr als fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Faszination verloren hat. Das Terrassenhaus Tapachstraße in Zuffenhausen gehört zu den außergewöhnlichsten Architekturprojekten der Stadt und fasziniert gerade im 21. Jahrhundert noch mehr.

Schon beim ersten Blick, bei der Anfahrt auf diesen Riegel, wird klar, dass hier etwas monumental ANDERS ist. Gewaltige Ebenen schieben sich übereinander, Treppenhäuser wachsen wie Türme in die Höhe, lange horizontale Linien ziehen sich durch die Anlage. Das Ensemble besitzt eine Präsenz, die man in Stuttgart kein zweites Mal findet. Fast wirkt es, als hätte jemand eine Zukunftsvision der frühen siebziger Jahre mitten zwischen die Wohngebiete des Stuttgarter Nordens gesetzt.

Modern multi-story apartment building with stepped terraces and potted plants against a cloudy sky.

Entstanden ist die Anlage zwischen 1969 und 1971 nach Plänen der Stuttgarter Architekten Faller und Schröder. Die Idee dahinter war ebenso ambitioniert wie faszinierend: Die Vorzüge eines Einfamilienhauses sollten mit den Qualitäten einer verdichteten Wohnform verbunden werden. Private Außenbereiche, großzügige Terrassen und viel Grün sollten auch dort möglich sein, wo viele Menschen auf vergleichsweise kompakter Fläche leben.

Das Ergebnis war seiner Zeit weit voraus.

Schon kurz nach der Fertigstellung wurde deutlich, dass hier etwas Besonderes gelungen war. Der Paul-Bonatz-Preis, der Hugo-Häring-Preis und ein internationaler Architekturpreis folgten innerhalb weniger Jahre. Die Tapachstraße entwickelte sich zu einem viel beachteten Beispiel für neue Formen des Wohnens und fand weit über Stuttgart hinaus Beachtung.

Row of modern townhouses with angular skylight-like roofs and a large tree on the left under a cloudy sky.

Bis heute lässt sich nachvollziehen, weshalb die Anlage eine solche Resonanz ausgelöst hat.

Die Wohnungen liegen nicht einfach übereinander. Sie ziehen sich Ebene für Ebene zurück und schaffen dadurch die charakteristischen Terrassen, die dem Gebäude seinen unverwechselbaren Ausdruck verleihen. Von vielen Bereichen aus öffnet sich der Blick über die Anlage hinweg in die Umgebung. Gleichzeitig entstehen geschützte Freiräume mit einem Maß an Privatheit, das man bei großen Wohnanlagen nur selten findet.

Besonders spannend ist das Wechselspiel zwischen Architektur und Natur. Sichtbeton prägt das Erscheinungsbild. Gleichzeitig sind Terrassen, Innenhöfe und Freiflächen fester Bestandteil des Konzepts. Pflanzen, Bäume und Gärten durchziehen die Anlage und verleihen den massiven Baukörpern eine überraschende Leichtigkeit.

Concrete stairway and ramp within a small campus-like building complex, under a dark, cloudy sky.

Wer durch das Terrassenhaus läuft, erlebt ständig neue Perspektiven. Wege verzweigen sich, Treppen verbinden unterschiedliche Ebenen, Blickachsen öffnen sich zwischen den Baukörpern. Die Anlage wirkt nie statisch. Sie verändert sich mit jedem Standort und jeder Bewegung.

Concrete multi-level parking garage with an external spiral staircase in the foreground and parked cars beneath a cloudy sky, daytime setting.

Interessant ist dabei auch der Blick aus den 2020er Jahren auf dieses Projekt. Viele Menschen würden beim ersten Besuch vermutlich nicht sofort den Wunsch verspüren, hier einzuziehen. Die massiven Betonflächen, die verwinkelten Wege, die ungewöhnlichen Ebenen und die fast labyrinthartige Struktur wirken zunächst befremdlich.

In einer Zeit, in der Neubauten oft mit hellen Visualisierungen, großen Glasflächen und austauschbarer Wohlfühlästhetik vermarktet werden, erscheint die Tapachstraße beinahe wie das Gegenteil dessen, was heute unter attraktivem Wohnen verstanden wird. Manche würden das Ensemble auf den ersten Blick vielleicht sogar als Strafe empfinden.

Long concrete parking-deck walkway with repeating columns, tiled ground, and trees to the left; a '97 C' sign on the beam.

Je länger man sich jedoch mit der Anlage beschäftigt, desto stärker verschiebt sich die Perspektive. Hinter dem rauen Erscheinungsbild offenbart sich eine erstaunlich differenzierte Wohnlandschaft mit großzügigen Freiräumen, viel Grün und einer räumlichen Qualität, die heute nur noch selten entsteht.

Gerade darin liegt eine ihrer großen Qualitäten. Das Terrassenhaus wurde nicht allein als Gebäude entworfen, es wurde als Landschaft gedacht. Die Grenzen zwischen Architektur, Freiraum und Alltag verschwimmen. Wohnen wird hier nicht auf Grundrisse reduziert, sondern als Teil einer größeren räumlichen Erfahrung verstanden.

Concrete parking structure interior with stairwell and ramp, daylight visible through an opening to trees outside.

Viele Wohnprojekte der späten sechziger und frühen siebziger Jahre wirken heute wie Zeugnisse einer vergangenen Epoche. Die Tapachstraße hat sich dieser Entwicklung weitgehend entzogen. Die Architektur besitzt noch immer eine bemerkenswerte Aktualität. Themen wie verdichtetes Bauen, gemeinschaftliche Strukturen, private Freiräume und die Verbindung von Stadt und Natur beschäftigen Planer heute genauso wie damals.

Natürlich hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Der Beton erzählt von Jahrzehnten gelebter Stadtgeschichte. Genau darin liegt jedoch ein Teil des Reizes. Die Anlage wirkt nicht museal, sondern lebendig. Sie wird genutzt, bewohnt und kontinuierlich weitergeschrieben.

Long outdoor walkway along a teal-framed building, with windows on the right and parked cars on the left street.

Das Terrassenhaus in Zuffenhausen ist ein Stück gebaute Zukunft aus einer Zeit, in der Architektur neue Wege suchte und Wohnraum als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wurde. Mehr als fünfzig Jahre später zeigt die Anlage noch immer, wie visionär Wohnungsbau sein kann – auch wenn es sich einem zunächst nicht erschließen mag.

Angular concrete staircases in a modern building, viewed from above with intersecting landings and walls.

Zwischen den Terrassen, Treppen und Wegen entsteht eine Architektur, die sich nicht in wenigen Sekunden erschließt. Sie entfaltet ihre Qualität Schritt für Schritt. Vielleicht ist genau das ihr größter Luxus in einer Gegenwart, die vieles sofort verstehen möchte.

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Slanted, tiered apartment building with balconies on a steep slope, set beside trees under a dark, cloudy sky menacing the scene.
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