
Es gibt Orte in Stuttgart, die jeder kennt, aber kaum jemand wirklich nutzt. Räume, die sich durch den Alltag der Stadt schlängeln wie kleine Glasbeton-Nebenadern. Einer dieser Orte liegt mitten im Zentrum, direkt am Rotebühlplatz. Ein Durchgang, der eher wirkt wie ein vergessenes Fragment der Stadtarchitektur als wie eine echte Passage.
Das Portal Richtung Breite Straße und Hirschstraße gehört zu diesen Stuttgarter Zwischenräumen. Ein Stück Stadt, das irgendwie immer da ist, aber selten betreten wird.
Der Auftakt wirkt noch erstaunlich lebendig. Am Eingang stehen die üppigen Auslagen des herrlichen Schreibwarenladens Schreibfant, ein kleines Kuriositätenkabinett aus Karten, Heften und Papierfantasien. Hier beginnt der Weg. Danach verändert sich die Atmosphäre abrupt.

Man läuft hier tatsächlich über dem Dach des C&A. Eine seltsame Perspektive, die man so kaum wahrnimmt, wenn man draußen durch die Stadt läuft. Links die gläsernen Fassaden des Kaufhauses, rechts einzelne Türen, hinter denen Büros und kleine Gewerbeeinheiten verschwinden. Ein E-Scooter lehnt an der Wand, irgendwo flackert Neonlicht.
Der Gang bahnt sich still durch das Gebäudeensemble, wahrscheinlich, sehr sicher wird hier gerne auch mal uriniert. Ein kurzer Meta-Tunnel, halb Einkaufswelt, halb architektonisches Relikt aus einer anderen Phase der Innenstadtplanung.

Dann öffnet sich der Raum plötzlich. Am Ende der Passage spannt sich ein kleines Panorama der Breiten Straße auf. Stuttgart taucht wieder auf. Einzelhandel, Bewegung, Stadtleben. Hier sitzen Läden wie Geschwisterliebe oder der Still Thrifting Store, kleine inhabergeführte Shopping-Inseln im Konsumgleichstrom der Innenstadt.
Und dann kommen die Treppen. Wer hier hinuntergeht, landet in einem ganz anderen Habitat der Stadt. Unten liegen die Eingänge zu legendären Nachtorten wie Schocken, Proton oder der Anderthalb Bar.




Der Abstieg ist leicht verwirrend. Die Treppen verschachteln sich, der Weg verzweigt sich kurz wie ein kleines Labyrinth. Wer ihn kennt, geht selbstverständlich hindurch. Wer ihn zum ersten Mal nutzt, bleibt kurz stehen und sortiert die Richtung.
Ein kurzer Durchgang, kaum hundert Meter lang. Und doch ein kleines Stück Stuttgart, das zwischen Büroetagen, Kaufhausdach und Clubtreppen eine eigene Dramaturgie entfaltet. Mitten in der Innenstadt. Aus unserer Reihe: Stuttgarts mystische Geheimgänge.
