
tuttgart hat sich ein großes Ziel gesetzt: Bis 2035 soll die Landeshauptstadt klimaneutral werden. Der Weg dorthin beginnt allerdings nicht bei einer einzelnen Maßnahme, sondern bei vielen Stellschrauben, die ineinandergreifen.
Mit der neuen Klimastrategie zeigt die Stadt erstmals verständlich, wo Stuttgart bereits Fortschritte erzielt hat, welche Bereiche den größten Einfluss auf das Klima besitzen und an welchen Stellen in den kommenden Jahren besonders viel passieren muss.
Schon heute fällt die Bilanz bemerkenswert aus. Gegenüber 1990 sind die Treibhausgas-Emissionen bereits um 55 Prozent gesunken. Bis 2035 soll dieser Wert auf 85 Prozent steigen.
Gleichzeitig sorgt genau dieses Ziel derzeit für Diskussionen. Denn der Gemeinderat hatte 2022 beschlossen, dass Stuttgart bereits 2035 vollständig klimaneutral werden soll. Die nun vorgestellte Klimastrategie geht dagegen davon aus, dass eine Reduktion der Emissionen um 85 Prozent bis dahin realistisch erreichbar ist.
Die Klimaneutralität bleibt zwar offiziell das langfristige Ziel, nach Einschätzung der Stadtverwaltung wird sie bis 2035 jedoch voraussichtlich nicht vollständig erreicht werden.
Drei Bereiche entscheiden über den Erfolg
Die Klimastrategie konzentriert sich auf drei große Themen: Strom, Wärme und Verkehr. In diesen Bereichen entstehen die meisten Treibhausgase und genau hier sieht die Stadt die größten Möglichkeiten, Emissionen dauerhaft zu reduzieren.
Strom: Mehr Sonnenenergie für Stuttgart
Auf den ersten Blick klingt es widersprüchlich, doch der Stromverbrauch wird in den kommenden Jahren voraussichtlich leicht steigen. Der Grund dafür ist die zunehmende Elektrifizierung. Wenn Autos elektrisch fahren und Wärmepumpen Öl und Gas ersetzen, wächst automatisch auch der Bedarf an Strom.
Deshalb setzt Stuttgart auf einen kräftigen Ausbau der Photovoltaik. Immer mehr Dächer sollen Sonnenenergie produzieren. Gleichzeitig profitiert die Stadt davon, dass der Strommix in Deutschland Schritt für Schritt klimafreundlicher wird und erneuerbare Energien einen immer größeren Anteil übernehmen.
Wärme bleibt die größte Herausforderung
Während sich beim Strom bereits deutliche Fortschritte abzeichnen, gilt die Wärmeversorgung als schwierigster Baustein der Klimastrategie.
Ein großer Teil der Gebäude wird weiterhin mit fossilen Energieträgern beheizt. Genau hier möchte die Stadt ansetzen. Der Wärmeverbrauch soll sinken, Gebäude energetisch saniert werden und deutlich mehr Wärmepumpen zum Einsatz kommen. Parallel soll die klimaneutrale Fernwärme ausgebaut werden.
Gerade in diesem Bereich zeigt sich jedoch, wie anspruchsvoll der Umbau ist. Sowohl beim Ausbau der Wärmepumpen als auch bei der Fernwärme liegt Stuttgart derzeit hinter dem ursprünglich geplanten Tempo. Nach Einschätzung der Verwaltung reichen die bisherigen Fortschritte nicht aus, um die angestrebten Zielwerte bis 2035 vollständig zu erreichen.

Verkehr soll Schritt für Schritt klimafreundlicher werden
Auch im Verkehr setzt Stuttgart auf mehrere Entwicklungen gleichzeitig. Elektrofahrzeuge werden künftig eine immer größere Rolle spielen. Gleichzeitig sollen mehr Menschen Bus und Bahn nutzen, mit dem Fahrrad unterwegs sein oder Wege zu Fuß zurücklegen.
Dafür investiert die Stadt in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, neuer Radverbindungen, attraktiver Fußwege sowie einer besseren Vernetzung unterschiedlicher Mobilitätsangebote.
Nicht alles liegt in der Hand der Stadt
Viele Entwicklungen lassen sich kommunal nur begrenzt steuern. Entscheidungen des Bundes, der Europäischen Union, Energieversorger, Unternehmen und privater Gebäudeeigentümer beeinflussen den Erfolg ebenso.
Deshalb konzentriert sich Stuttgart auf Bereiche, in denen die Stadt selbst unmittelbar handeln kann. Dazu gehören unter anderem der Ausbau der Stadtwerke, klimaneutrale städtische Gebäude, neue Wärme- und Energienetze, Investitionen in die Mobilitätsinfrastruktur, schnellere Genehmigungen sowie Beratungs- und Förderangebote für Bürgerinnen und Bürger.
Genau an diesem Punkt setzt auch die politische Diskussion an. Kritiker sehen in der neuen Klimastrategie eine Abkehr vom ursprünglichen Klimafahrplan aus dem Jahr 2022, der einen vollständigen Ausgleich der Emissionen bis 2035 vorsah.
Andere verweisen auf die wirtschaftliche Entwicklung, den schleppenden Ausbau einzelner Maßnahmen sowie den begrenzten Handlungsspielraum einer Kommune. Hinzu kommt die angespannte Haushaltslage der Stadt, die den finanziellen Spielraum für zusätzliche Investitionen in den kommenden Jahren weiter einschränken könnte.

Klimaneutral bedeutet nicht emissionsfrei
Auch im Jahr 2035 werden voraussichtlich noch Treibhausgase entstehen. Manche Prozesse lassen sich technisch kaum vollständig vermeiden.
Für diese verbleibenden Emissionen entwickelt Stuttgart eine sogenannte Negativ-Emissionsstrategie. Dabei geht es um Verfahren, die Kohlendioxid dauerhaft aus der Atmosphäre entfernen und speichern. Gleichzeitig bleibt das wichtigste Ziel, den eigentlichen Ausstoß von Treibhausgasen so weit wie möglich zu reduzieren.
Zwischen Anspruch und Realität
Die neue Klimastrategie zeigt deutlich, dass Klimaschutz längst nicht nur ein Umweltprojekt ist. Energieversorgung, Gebäude, Mobilität und Infrastruktur verändern sich Schritt für Schritt und prägen die Entwicklung der Stadt in den kommenden Jahren. Stuttgart hat auf diesem Weg bereits sichtbare Fortschritte erzielt und die Emissionen seit 1990 um mehr als die Hälfte reduziert.
Gleichzeitig markiert die Strategie einen Kurswechsel. Während der Gemeinderat weiterhin am Ziel der Klimaneutralität bis 2035 festhält, bewertet die Verwaltung eine Reduktion der Treibhausgase um 85 Prozent inzwischen als realistisch erreichbare Größenordnung.
Ob darüber hinaus weitere Maßnahmen, neue Technologien oder zusätzliche Investitionen die verbleibende Lücke schließen können, dürfte die politische Debatte in Stuttgart noch über viele Jahre bestimmen.
Facts
Ziel: Klimaneutralität bis 2035
Emissionen seit 1990: Bereits um 55 Prozent reduziert
Prognose für 2035: Rund 85 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen gegenüber 1990
Schwerpunkte: Strom, Wärme und Verkehr
Photovoltaik: Deutlicher Ausbau der Solarenergie auf Gebäuden
Wärme: Mehr Wärmepumpen, energetische Sanierungen und klimaneutrale Fernwärme
Verkehr: Mehr Elektromobilität sowie Ausbau von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr
Politische Debatte: Die Verwaltung hält eine Reduktion um 85 Prozent bis 2035 derzeit für realistisch, während der Gemeinderatsbeschluss weiterhin Klimaneutralität bis 2035 als Ziel vorsieht.
Monitoring: Die Klimastrategie soll jährlich aktualisiert und öffentlich dokumentiert werden.
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