Stuttgart 21: Nopper spricht von Fiasko und Hiobsbotschaft

Construction site at Stuttgart Hauptbahnhof with a red banner that says'Herzlich willkommen am Hauptbahnhof Stuttgart' and the DB logo, cranes in the background.

Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper findet deutliche Worte. Sollten sich die jüngsten Berichte bestätigen, sei die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 auf Ende 2031 eine „Hiobsbotschaft für Stuttgart und für das Projekt Stuttgart 21“.

Die Idee hinter dem Projekt bleibe großartig, die Ausführung entwickle sich dagegen – ÜBERRASCHUNG – zu einem Fiasko. Die Deutsche Bahn müsse endlich Transparenz schaffen, Verantwortung übernehmen und die Belastungen für die Menschen in Stadt und Region reduzieren.

Mit dieser Einschätzung steht Nopper nicht allein. Nur kommt sie für viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter reichlich spät.

Denn die Zweifel an Stuttgart 21 sind keineswegs erst 2026 entstanden. Sie begleiten das Projekt seit Jahrzehnten. Während Politik und Bahn über Jahre hinweg von einem Musterprojekt sprachen, blickten viele Menschen auf eine Baustelle, deren Zeitpläne regelmäßig kassiert wurden, deren Kosten explodierten und deren Versprechen immer wieder an der Realität zerschellten.

stuttgart 21 wird noch später fertig als gedacht
Stuttgart 21 – Eröffnung Ende 2031?

Wer erinnert sich nicht an die selbstbewussten Botschaften der frühen Projektjahre? Stuttgart 21 sei das „bestgeplante Projekt Deutschlands“. Oder gar des ganze Planetens? Von einer Jahrhundertchance war die Rede. Vom „Neuen Herz Europas“.

Oder never forget die berühmte Magistrale Paris – Bratislava, und sollte S21 nicht gebaut werden, wird Stuttgart ABGEHÄNGT und es fährt nie wieder ein Zug in den Kessel – IN DIE SECHSTGRÖßTE STADT DES LANDES. Es gab leider nur Menschen, die das alles geglaubt haben.

Kritische Stimmen wurden häufig als Fortschrittsverweigerer behandelt, obwohl viele ihrer Fragen heute aktueller wirken als je zuvor.

Crowded outdoor protest or event with colorful umbrellas in foreground and smoky haze in the background amidst trees and tents/dress code mostly dark hoodies.

Dabei gehört auch zur Geschichte des Projekts, dass der Konflikt weit über eine gewöhnliche Infrastrukturdebatte hinausging. Der 30. September 2010, der sogenannte Schwarze Donnerstag, hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingebrannt.

Im Schlossgarten wurden Gegner des Projekts von der Polizei mit Wasserwerfern und Pfefferspray zurückgedrängt und verletzt. Die Bilder dieses Tages gingen weit über Stuttgart in die gesamte Welt hinaus und machten deutlich, welche gesellschaftliche Sprengkraft Stuttgart 21 bereits damals entwickelt hatte.

Legendär bleibt auch jener Satz aus den Anfangsjahren, wonach man schon „den Kopf in den Gully stecken müsse“, um überhaupt etwas von der Baustelle mitzubekommen. Sechzehn Jahre später prägt die Baustelle ganze Stadtquartiere, bestimmt Wegeführungen, Verkehrskonzepte und die Entwicklung zentraler Flächen mitten in Stuttgart.

Die aktuelle Verzögerung trifft deshalb nicht nur den Bahnbetrieb. Sie trifft die gesamte Stadtentwicklung.

Mit der nun diskutierten Inbetriebnahme Ende 2031 rückt auch das Rosensteinquartier weiter in die Ferne. Jene riesigen Flächen zwischen Hauptbahnhof, Nordbahnhof, Europaviertel und Neckar, die einst als Symbol einer neuen Stadt angekündigt wurden, bleiben weiterhin Bahngelände. Wohnungen, Parks, Schulen und öffentliche Infrastruktur existieren vorerst weiterhin auf Präsentationsfolien, Wettbewerbsentwürfen und politischen Visionen.

Besonders bemerkenswert ist dabei, dass selbst Frank Nopper inzwischen offen von einem Fiasko spricht. Das Wort kommt nicht von langjährigen Projektgegnern. Es kommt aus dem Rathaus.

Die Verantwortung dafür allein bei der aktuellen Bahnführung abzuladen, greift allerdings zu kurz. Die Ursachen reichen weit zurück. Über Jahre wurde Stuttgart 21 von politischen Entscheidungsträgern in Bund, Land und Kommune, die CDU immer an der Pro-Front, als alternativloses Zukunftsprojekt verkauft. Warnungen wurden klein geredet, Risiken relativiert und Zeitpläne verteidigt, die sich heute als reine Wunschvorstellungen entpuppen.

Die Deutsche Bahn trägt einen erheblichen Anteil an dieser Entwicklung. Ebenso jene politischen Akteure, die das Projekt über viele Jahre begleitet, verteidigt und vorangetrieben haben. Ausbaden dürfen die Folgen heute vor allem die Fahrgäste, die Anwohner und, natürlich, die Steuerzahler. Auch interessant: Über die weiteren Mehrkosten wird aktuell gar nicht mehr gesprochen – wie viele Milliarden werden es noch?

Urban construction site with large cranes over a curved road, buildings on the left, and a blue sky with dramatic clouds in the background.

Und so bleibt von den großen Versprechen derzeit vor allem ein bemerkenswerter Kontrast. Auf der einen Seite stehen Begriffe wie Jahrhundertprojekt, Zukunftsbahnhof und Neues Herz Europas. Auf der anderen Seite steht eine Baustelle, die seit 2010 das Zentrum Stuttgarts prägt und deren Fertigstellung inzwischen in die 2030er Jahre rückt.

Während die Deutsche Bahn nun erneut Transparenz verspricht, erinnern sich viele Stuttgarter noch gut an die vergangenen Jahre. An immer neue Eröffnungstermine. An immer neue Kostensteigerungen. An immer neue Erklärungen, warum diesmal alles anders werden soll.

Frank Nopper fordert nun Klarheit und Offenheit von der Deutschen Bahn. Eine berechtigte Forderung. Viele Menschen in Stuttgart hätten diese Transparenz allerdings schon vor zehn oder fünfzehn Jahren gerne gesehen.

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