Stuttgart 21: Die Eröffnung rutscht wohl auf Ende 2031

Construction site with tall yellow cranes over a fenced area and curved glass structures under a cloudy sky at sunset/sunrise.

Stuttgart 21 schreibt das nächste Kapitel einer Geschichte, die inzwischen länger dauert als manche politische Karriere. Laut übereinstimmenden Medienberichten soll der neue Tiefbahnhof nicht wie zuletzt vorgesehen Ende 2026 eröffnet werden.

Selbst das zwischenzeitlich diskutierte Negativszenario einer Inbetriebnahme im Jahr 2030 scheint inzwischen überholt. Mehrere Medien berichten übereinstimmend, dass aktuell von einer vollständigen Eröffnung Ende 2031 ausgegangen wird.

Die neuerliche Verschiebung soll das Ergebnis einer umfassenden Überprüfung sein, die Ende 2025 innerhalb der Deutschen Bahn angestoßen wurde. Dabei zeigte sich offenbar, dass die Herausforderungen deutlich größer sind als bislang kommuniziert.

Lange galten Schwierigkeiten mit dem japanischen Technologiekonzern Hitachi als zentrale Ursache der Verzögerungen. Die aktuellen Berichte zeichnen jedoch ein wesentlich komplexeres Bild.

Im Mittelpunkt steht demnach der sogenannte Digitale Knoten Stuttgart, der den gesamten Bahnknoten mit dem europäischen Zugleitsystem ETCS ausstatten soll. Das Projekt gilt als eines der wichtigsten Digitalisierungsprojekte im deutschen Bahnnetz und scheint die Verantwortlichen seit Jahren vor erhebliche Herausforderungen zu stellen.

Hinzu kommen laut den Berichten Schwierigkeiten bei der Planungssteuerung, Probleme im Technikgebäude sowie verschärfte Anforderungen an die Sicherheit kritischer Infrastruktur. Auch das Notstromkonzept des neuen Bahnhofs muss offenbar neu bewertet werden. Aus dem Umfeld des Projekts ist sogar von gravierenden Versäumnissen bei Planung und Risikomanagement die Rede. (NEVER FORGET DAS BESTGEPLANTE PROJEKT ALLER ZEITEN!)

Für Reisende soll die Situation dennoch schrittweise besser werden.

Die Bahn plant inzwischen eine gestaffelte Inbetriebnahme. Bereits Ende 2027 sollen erste Bereiche über den sanierten Bonatzbau zugänglich werden. Dadurch könnten die berüchtigten Umwege zu den Gleisen verkürzt werden.

Ende 2028 soll dieser Bahnhofsteil vollständig nutzbar sein. Die Flughafenanbindung ist derzeit für Ende 2030 vorgesehen. Erst Ende 2031 würde dann der eigentliche unterirdische Durchgangsbahnhof seinen Betrieb aufnehmen.

Besonders gravierend sind die Folgen für die Stadtentwicklung.

Stuttgart 21 war nie nur ein Bahnprojekt, denn bekanntlich bilden die frei werdenden Gleisflächen Stadt die Grundlage für das Rosensteinquartier, eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Deutschlands (aka Immobilienspekulationsprojekt, wie es gerne genannt wird). Tausende Wohnungen, neue Parks, Schulen, soziale Infrastruktur und ganze Stadtbausteine hängen unmittelbar daran, dass die alten Gleisanlagen irgendwann tatsächlich verschwinden.

Mit jeder weiteren Verschiebung rückt auch diese Zukunft weiter in die Ferne. Solange der bestehende Kopfbahnhof und die dazugehörigen Gleisfelder benötigt werden, können große Teile des Areals nicht entwickelt werden. Laut den aktuellen Berichten dürfte ein Baubeginn im Rosensteinquartier nun wohl erst Mitte der 2030er Jahre realistisch werden.

Was einst als städtebaulicher Aufbruch für das 21. Jahrhundert angekündigt wurde, entwickelt sich zunehmend zu einer Vision auf Wiedervorlage. Die gigantische Fläche zwischen Nordbahnhof, Europaviertel, Schlossgarten und Neckar bleibt damit noch viele Jahre ein Zwischenraum aus Bahninfrastruktur, Baustellenlogik und Zukunftsplänen.

Für Stuttgart bedeutet das vor allem eines: Die Baustelle bleibt Teil des Stadtbilds.

Seit 2010 prägt sie den Alltag rund um den Hauptbahnhof. Ganze Generationen von Studierenden, Pendlern, Reisenden und Berufseinsteigern kennen den Bahnhof praktisch nur als Provisorium. Der berühmte Stuttgarter Fernwanderweg vom Arnulf-Klett-Platz zu den Gleisen hat längst Kultstatus erreicht und gehört inzwischen fast so selbstverständlich zur Stadt wie der Fernsehturm oder die Stäffele.

Vielleicht liegt genau darin die eigentümliche Ironie dieses Projekts. Als die ersten Bagger anrollten, wurde noch über eine Eröffnung in den 2010er Jahren diskutiert. Inzwischen steuern wir auf die 2030er zu.

Einige der besonders enthusiastischen, älteren Stuttgart-21-Befürworter aus den Anfangsjahren dürften die Fertigstellung womöglich gar nicht mehr erleben. Viele von ihnen wohnen nicht in Stuttgart, fahren kaum oder nie Bahn und mussten die Dauerbaustelle nie Tag für Tag ertragen und sowieso waren sie ja nur rein ideologisch dafür. Die Menschen in Stuttgart dagegen leben seit sechzehn Jahren mit Bauzäunen, Umleitungen und Provisorien.

Für sie ist Stuttgart 21 längst kein Verkehrsprojekt mehr. Es ist ein eigenes Kapitel negative Stadtgeschichte, dessen Schlussseite offenbar noch einmal ein gutes Stück weiter nach hinten verschoben wurde – und wer weiß, wann da jemals überhaupt ein Zug fährt.

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