Stuttgarter Beton-Liebe: Neue Stadtbahn-Haltestelle Staatsgalerie

Stuttgart hat eine neue Haltestelle Staatsgalerie. Drei Meter höher, rund 30 Meter weiter westlich und mit einer ordentlichen Portion Sichtbeton steht sie jetzt dort, wo künftig Stadtbahn, neuer Hauptbahnhof und der gesamte Stuttgart 21 Kosmos ineinandergreifen sollen.

Die alte Staatsgalerie wurde am 9. Mai 1972 eröffnet. Knapp fünf Jahrzehnte später hatte man ihr dieses Baujahr durchaus angesehen. Jetzt ist Schluss, die Station hat ausgedient und macht Platz für den nächsten Bauabschnitt des neuen Hauptbahnhofs.

Der Neubau wurde am Wochenende eröffnet, leider ohne „Hells Bells“ wie damals beim Fassi, dafür mit reichlich Beton. Wer sich beim ersten Besuch fragt, weshalb hier wirklich sehr viel Beton auf wirklich noch mehr Beton trifft, bekommt von der Architektur eine klare Antwort: Das ist Absicht.

Die Haltestelle stammt wie der neue Stuttgarter Hauptbahnhof aus dem Architekturbüro Ingenhoven. Beide Bauwerke sollen bei Material, Oberfläche und Farbgebung eine gemeinsame Sprache sprechen. Das sogenannte ganzheitliche Gestaltungskonzept verbindet Staatsgalerie und Tiefbahnhof gestalterisch miteinander. Die Haltestelle liefert damit bereits einen ziemlich konkreten Vorgeschmack auf die Architektur nebenan.

Auf rund 120 Metern Länge und etwa 30 Metern Breite entstand ein massiver Baukörper mit geschwungenen Betonflächen und einem markanten Schalendach. Jeder Betonierabschnitt und jede Fuge wurden über ein 3D Modell festgelegt. Für die gekrümmten Wände waren eigens angefertigte Schalungen und vorgebogene Bewehrungen notwendig.

Der Neubau war keine freiwillige Schönheitskur für die alte Station. Die bisherige Stadtbahntrasse kollidierte um rund drei Meter mit der neuen Bahntrasse von Stuttgart 21. Deshalb musste die Staatsgalerie verschoben und gleichzeitig höher gelegt werden.

Seit 2014 wurde an der neuen Station gearbeitet. Dafür mussten Leitungen verlegt, Gebäude und Betriebsräume abgerissen, die B14 mehrfach umgebaut und bestehende Tunnel während des laufenden Stadtbahnbetriebs angepasst werden. Eine der komplizierteren Stellen lag direkt in der Willy Brandt Straße, wo eine Tunnelwand geöffnet werden musste, während nebenan weiterhin Stadtbahnen unterwegs waren.

Rund 100 Millionen Euro stammen für die Verlegung aus dem Finanzierungstopf von Stuttgart 21.

Fertige Haltestelle, unfertiges Umfeld

Wer aktuell aus der neuen Staatsgalerie steigt, landet weiterhin mitten im großen Stuttgarter Baustellenpanorama. Die endgültige städtebauliche Wirkung der Station dürfte sich deshalb erst zeigen, wenn auch ringsherum irgendwann der letzte Bauzaun verschwunden ist.

Die Zugänge wurden zunächst teilweise provisorisch angelegt. Erreichbar ist die Station unter anderem über den Bereich des Mittleren Schlossgartens sowie über Querungen am Gebhard Müller Platz.

Auch verkehrlich war mit der Eröffnung noch längst nicht alles erledigt. Zum Start galt weiterhin das sogenannte „Netz 2018“ mit veränderten Linienführungen. Die früher vorhandene Stadtbahnverbindung zwischen Staatsgalerie und Hauptbahnhof musste für Stuttgart 21 unterbrochen werden. Neue Tunnel sollten diese Lücke später wieder schließen.

Damit steht die neue Staatsgalerie ziemlich exemplarisch für Stuttgart in diesen Jahren: Ein Teil ist fertig, daneben wird weitergebaut und das endgültige Gesamtbild existiert zunächst vor allem in Plänen und Visualisierungen.

Architektonisch liefert die Station jedenfalls schon einmal einen ersten realen Ausschnitt jener Welt, die rund um den neuen Hauptbahnhof entstehen soll. Viel Beton, große Öffnungen, geschwungene Flächen und eine Gestaltung, die Staatsgalerie und Bahnhof als zusammengehörendes Ensemble versteht.

Wie man das alles findet, darf Stuttgart natürlich selbst entscheiden. Die Kommentarspalten kennen dieses Verfahren schließlich spätestens seit 2010

0 replies on “Stuttgarter Beton-Liebe: Neue Stadtbahn-Haltestelle Staatsgalerie”