Stuttgart und seine Motz-Zettel: Großstadtkultur auf DIN A4

Zettel gehören zur Großstadt wie Ampeln, Altglascontainer und die ewige Frage, wem eigentlich der Platz vor der Haustür gehört. Auch Stuttgart besitzt eine ausgeprägte Zettelkultur, die sich über Haustüren, Laternen, Bänke, Garagentore und Hauswände verteilt.

Eine kleine Kunstform für sich, mal witzig, mal garstig, mal böse oder zynisch und gelegentlich derart bizarr, dass man sich beim Lesen fragt, wie sehr sich Menschen durch alles und jeden gestört fühlen können.

Die Themen kommen direkt aus dem urbanen Zusammenleben. Am Hölderlinplatz dürfen Menschen ausdrücklich „rumhängen, trinken, essen, quatschen“, ihren Müll sollen sie anschließend allerdings wieder mitnehmen.

Ein paar Straßen weiter wird ein Hundehalter aufgefordert, seinen Hund doch bitte vor der eigenen Haustüre pinkeln zu lassen. Anderswo folgt die grundsätzliche Erinnerung, dass eine Hauswand keine „Kot- oder Urinstelle“ sei. Selbst die Mittagsruhe einer Kita bekommt ihren eigenen Aushang samt detaillierter Gebrauchsanweisung für Eltern, Nachbarn und Paketboten.

Darin steckt ein ziemlich schönes Stuttgarter Sittengemälde. Wo das persönliche Gespräch ausfällt, übernimmt DIN A4 die Kommunikation. Der Ton reicht von freundlicher Bitte über gereizte Belehrung bis zur schriftlichen Eskalationsstufe, bei der Großbuchstaben, Unterstreichungen und mehrere Ausrufezeichen bereits den kompletten Gemütszustand des Absenders dokumentieren.

Gerade diese stilistische Bandbreite macht Zettel zur Großstadtkultur. Manche Menschen investieren in Typografie, Pfeile und rote Schrift, andere vertrauen auf Kugelschreiber, Klebeband und die Kraft eines mehrfach unterstrichenen „DANKE“.

Einige Botschaften sind nachvollziehbar, andere unfreiwillig komisch und manche offenbaren vor allem, wie erstaunlich klein der persönliche Radius werden kann, in dem bereits ein Hund, ein Fahrrad, ein Paketbote oder ein Gespräch auf einer Parkbank als Zumutung empfunden wird.

So hängen überall in Stuttgart kleine analoge Kommentarspalten des Stadtlebens. Es geht um Müll und Hunde, Parkplätze und Hausflure, Nachtruhe und Nachbarn, also um die alltäglichen Kollisionen einer Stadt, in der viele Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen. Jeder Zettel ist dabei ein kleines Artefakt seiner unmittelbaren Umgebung und manchmal eine erstaunlich genaue Vermessung menschlicher Gereiztheit.

Das Netz kann warten. Stuttgart kommentiert weiterhin auf Papier, mit Tesa, Gaffa und Kugelschreiber. Eine kleine Auswahl.

Überall liegen und hängen Zettel und Notizen und ich liebe Zettel und Notizen.

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