
Der Nesenbach ist eines dieser mystischen Stücke Stuttgart, hoch verehrt, oft zitiert, fest verankert in der Geschichte der Stadt und trotzdem seit Generationen kaum zu sehen. Er fließt unter Straßen, Häusern und Plätzen durch den Kessel und gehört damit zu Stuttgart, ohne im Alltag wirklich aufzutauchen.
Seit Ende August 2026 ändert sich das zumindest an einer Stelle: In der Nesenbachstraße läuft Quellwasser auf rund 90 Metern wieder offen durch eine neue Bachrinne und bringt den alten Stadtbach zurück ins sichtbare Stuttgart.
Gespeist wird die Rinne mit Wasser aus Quellen oberhalb von Heslach. Die neue Leitung verbindet die Quellfassungen mit der bereits bestehenden Bachwasserleitung vom Marktplatz bis zum Eckensee.
Ein Bach, der Stuttgart über Jahrhunderte geprägt hat
Der Nesenbach spielte für Stuttgart lange eine zentrale Rolle. Sein Wasser wurde zur Versorgung der Stadt genutzt, zum Waschen und als Löschwasser. Früher führte der Bach deutlich mehr Wasser, weil zahlreiche Quellen in ihn einflossen. Mit der zunehmenden Bebauung verschwand er nach und nach unter Straßen und Häusern und wurde schließlich in einen Kanal verlegt.
Jetzt wird dieser unterirdische Teil der Stadtgeschichte zumindest abschnittsweise wieder sichtbar. Neben der neuen Rinne in der Nesenbachstraße ist auch eine weitere Ausleitung in der Möhringer Straße in Heslach fertiggestellt. Dort soll das Wasser auf rund 100 Metern offen fließen, aktuell befindet sich die Anlage noch im Probebetrieb.
4,1 Kilometer neue Bachwasserleitung unter Stuttgart
Für das Projekt wurden die drei Quellfassungen von Elsenbach, Heidenklingenbach und Nesenbach ertüchtigt. Im bestehenden Nesenbachkanal entstand außerdem auf 4,1 Kilometern Länge eine eigene Bachwasserleitung.
Das Quellwasser fließt damit getrennt vom Abwassernetz Richtung Innenstadt und trifft am Marktplatz auf die bereits vorhandene Leitung. Von dort geht es weiter in den Eckensee. In einem späteren Bauabschnitt soll die Verbindung bis zu den Seen im Unteren Schlossgarten ergänzt werden.
Damit verändert sich nicht nur das Bild an einzelnen Straßen. Die Stadt will mit dem Projekt zugleich das Kanalnetz entlasten, weil sauberes Quellwasser künftig nicht mehr als sogenanntes Fremdwasser im Abwassersystem landet. Zusätzlich soll das Wasser langfristig die Qualität der Parkseen im Unteren Schlossgarten verbessern.

Wasser zurück ins Stadtbild
Der sichtbar gemachte Nesenbach hat außerdem einen klimatischen Effekt. Offenes Wasser kann durch Verdunstung zur Abkühlung im innerstädtischen Raum beitragen. Gerade in dicht bebauten Bereichen bekommt der Bach damit wieder einen sichtbaren Platz im Stadtgefüge.
Für Stuttgart ist die neue Rinne trotzdem vor allem ein bemerkenswertes Detail im Stadtbild. Ein Bach, der über Generationen unter Asphalt und Gebäuden verschwunden war, taucht wieder auf und bekommt zumindest stellenweise seinen Platz zurück.
Das Gesamtprojekt ist mit rund 5,8 Millionen Euro veranschlagt. Auf den jetzt abgeschlossenen Bauabschnitt entfallen rund 3,25 Millionen Euro. Der Gemeinderat hatte die Bachwasserleitung im April 2024 beschlossen. Das Land Baden-Württemberg übernimmt ein Viertel der tatsächlich entstandenen Planungs und Baukosten.
Facts
Ort: Nesenbachstraße, Stuttgart-Süd
In Betrieb seit: 25. August 2026
Sichtbarer Abschnitt: rund 90 Meter in der Nesenbachstraße
Weiterer Abschnitt: rund 100 Meter in der Möhringer Straße, aktuell im Probebetrieb
Wasser: Quellwasser aus Elsenbach, Heidenklingenbach und Nesenbach
Neue Bachwasserleitung: 4,1 Kilometer im bestehenden Nesenbachkanal
Verlauf: von den Quellfassungen bis zum Marktplatz, anschließend weiter zum Eckensee
Perspektive: spätere Versorgung der Seen im Unteren Schlossgarten
Gesamtkosten: rund 5,8 Millionen Euro
Aktueller Bauabschnitt: rund 3,25 Millionen Euro
Beschluss des Gemeinderats: 25. April 2024
Förderung: Das Land Baden-Württemberg übernimmt ein Viertel der tatsächlich entstandenen Planungs und Baukosten
Ziele: Entlastung des Kanalnetzes, sichtbares Bachwasser im Stadtbild, Verbesserung der Wasserqualität der Parkseen und ein Beitrag zum Stadtklima
