Finale: Moby verwandelt die Jazz Open in einen Mega-Rave

Outdoor concert with a packed crowd watching a live band on a large stage and two big screens showing a guitarist in white shirt against an orange backdrop.

Als „Feeling So Real“ durch den Schlossplatz jagt, verschieben sich endgültig die Koordinaten dieses Ortes. Zwischen Neuem Schloss und Königsbau pulsiert ein Meer aus Menschen, elektronische Beats rollen und grollen über das Pflaster, die gewaltigen LED-Wände leuchten im Takt der Musik auf und tauchen die historischen Fassaden in immer neue Bildwelten.

Der letzte Abend der Jazz Open verabschiedet sich nicht mit leisen Zwischentönen, sondern mit einer kollektiven Ekstase. So elektronisch, so kompromisslos und so ravig klang dieses Festival wohl noch nie. Konsens: Mega. Danke an alle.

Die Jazz Open Stagetimes werden wieder schwäbisch pünktlich eingehalten, um exakt 20.45 Uhr betritt Moby mit „Bodyrock“ die Bühne. Der erste Beat setzt ein und innerhalb weniger Sekunden erreicht die Energie auf dem Schlossplatz eine stabile Flughöhe.

Moby legt direkt seinen Durchbruchsklassiker „Go“ nach. Für den berühmten „Woodtick Mix“ griff er auf ein Sample aus Angelo Badalamentis „Laura Palmer’s Theme“ aus der Kultserie Twin Peaks zurück. Und im Anschluss loopt der New Yorker selbstironisch den berühmten Eminem-Diss “And Moby? Nobody listens to Techno!”

Erster Megamoment, bei dem manche Gäste natürlich an die ganzen Facebook-SuperJATZZZER denken mussten, die bei jedem Jazz Open Konzert drukien müssen “WAS HAT DAS MIT JAZZ ZU TUN?”: Moby blickt über den ausverkauften Schlossplatz und fragt augenzwinkernd, ob den Veranstaltern eigentlich bewusst gewesen sei, welche Musik er überhaupt spiele. Ein Festival mit dem Namen Jazz Open erscheine dafür zunächst nicht unbedingt naheliegend.

Die Erklärung liefert er unmittelbar hinterher. Seine musikalische Laufbahn begann an der Jazzgitarre. Schon als Kind studierte Richard Melville Hall Standards und orientierte sich an Jazzgrößen wie Larry Carlton. Wer ihn später immer wieder selbst zur Gitarre greifen sieht, erkennt schnell, dass diese Ausbildung bis heute sein gesamtes musikalisches Denken prägt. It’s all about Jazz!

Gerade diese Vielseitigkeit verleiht dem Konzert seine besondere Dynamik. Moby wechselt permanent zwischen Gitarre, Percussion und Mischpult, während seine hervorragend eingespielte Band elektronische Klangflächen, Rockgitarren, Streicher und Soulgesang zu einem einzigen großen Spannungsbogen verbindet.

Die Sängerinnen verleihen „Why Does My Heart Feel So Bad?“, „Natural Blues“ und einem brutalen David Bowie-Cover von „Heroes“ maximal emotionale Tiefe, wenige Minuten später schieben druckvolle Beats das gesamte Set wieder Richtung Clubnacht.

Parallel entfaltet sich auf den gewaltigen LED-Wänden eine Bildsprache, die den musikalischen Spannungsbogen fortsetzt. Galaxien gleiten über die Leinwände, abstrakte Formen verwandeln sich in Naturaufnahmen, Tiere erscheinen als Verweis auf Mobys jahrzehntelanges Engagement für den Tierschutz, grafische Sequenzen reagieren unmittelbar auf Rhythmus und Dynamik. Bühne, Licht und Visuals fusionieren zu einer Erzählung.

Zu den berührendsten Momenten des Abends zählt die Hommage an Jane Goodall, die im Oktober 2025 im Alter von 92 Jahren verstorben ist. Die legendäre Primatenforscherin und UN-Friedensbotschafterin begleitete Moby über viele Jahre als Inspiration und Freundin.

Während Fotografien, Tieraufnahmen und Naturbilder über die LED-Wände ziehen, verändert sich die Atmosphäre auf dem Schlossplatz spürbar. Der elektronische Puls tritt für einen Moment in den Hintergrund und öffnet Raum für Erinnerung, Dankbarkeit und den Respekt vor einem außergewöhnlichen Lebenswerk. Gerade dieser Kontrast verleiht dem Konzert zusätzliche Tiefe, was von den Gästen sehr honoriert wird.

Besonders eindrucksvoll gelingt Moby der ständige Wechsel der musikalischen Ebenen. „In This World“ entfaltet hymnischen Pop, „Flower“ erhält ein ausgedehntes Gitarrensolo und bewegt sich überraschend weit in Richtung Bluesrock, ehe „Disco Lies“ den Platz wieder vollständig auf die Tanzfläche zurückholt. Genregrenzen verlieren an diesem Abend jede Bedeutung. Alles fließt selbstverständlich ineinander plus politische Botschaften, Donald is the worst President ever, tosender Applaus.

Large outdoor concert crowd facing a red-lit stage at dusk with a historic building backdrop

Schon lange vor dem Finale stehen praktisch alle Besucher. Sitzplätze existieren nur noch theoretisch auf dem Lageplan. 7000 Menschen tanzen gemeinsam durch die Stuttgarter Nacht, manche vielleicht wie zuletzt vor 20, 30 Jahren, die Kinder, das Leben, in den 90ern war sowieso alles besser, diesdas, egal, heute sind wir mal wieder IN DER STADT! Früher waren wir öfters auf der Pferderanch, jetzt müssen wir halt das Pferd von unserem Kind finanzieren.

Mit „Feeling So Real“ erreicht dieser Abend schließlich seinen natürlichen Endpunkt. Noch einmal erinnert Moby an Love Parade, Mayday und den deutschen Techno, der ihn in den frühen Neunzigern nachhaltig prägte.

Der Schlossplatz antwortet mit einem gewaltigen Chor aus Jubel, Bewegung und Euphorie. Der Geist der elektronischen Musikkultur ist an diesem Abend definitiv anwesend. Anders bei manch anderen Jazz-Open-Konzerten scheint sich hier kaum szenefremdes Publikum eingefunden zu haben. Die Menschen kennen diese Musik, ihre Geschichte und wissen genau, was zu tun ist, wenn ein Beat droppt – nämlich los steppen.

Nach dem letzten Beat erscheint auf den LED-Wänden ein schlichtes „Danke Stuttgart“. Die Impulso Tenors betreten überraschend die Bühne und interpretieren die „Ode an die Freude“ als bewegenden Schlusspunkt eines Festivals, das in zwölf Tagen über 75.000 Besucherinnen und Besucher anzog und nahezu vollständig ausverkauft war.

Und wer kommt nächstes Jahr? Jamie Cullum! Bis dahin grüße an alle JAATTTZZZER.

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