
Der eigentliche Höhepunkt hebt sich Lenny Kravitz bis ganz zum Schluss auf. “Let Love Rule” wächst an diesem Abend weit über einen Konzertabschluss hinaus. Kravitz zieht sich Schritt für Schritt zurück, überlässt die Hook dem Publikum und plötzlich singt der gesamte Schlossplatz mit einer Stimme. Tausende Menschen tragen den Song durch die warme Julinacht, bevor der New Yorker samt Band noch einmal einsteigt – und dann von der Bühne geht. Es sind diese letzten Minuten, die den Abend veredeln und noch lange nachhallen.
Dabei hatte das Konzert längst seine eigene Dramaturgie entwickelt. Die Jazz Open bauen auf dem Schlossplatz jedes Jahr ihr eigenes Universum. Zwischen den Brunnen und Schlosshof vermengen sich West-Altbau und Reihenhausgürtel, Kreativszene und Vorstandsetage, DINKs und Paaren, die Lenny Kravitz bereits auf CD gekauft haben, als Streaming noch maximal utopische Science-Fiction war.
Viele tragen, warum auch immer, die inzwischen superkultigen blauen Sparda-Bank-Hüte, die sich fast unbemerkt zum inoffiziellen Erkennungszeichen des Festivals entwickelt haben und den Schlossplatz in ein sanftes Blau tauchen.
Kravitz selbst benötigt keine große Eröffnung. Er kommt sehr sehr pünktlich wie angekündigt um 20:45 Uhr auf die Bühne und spielt einfach los. Stimme und Gitarre sitzen vom ersten Moment an.
Bei seinen Ansagen wirkt er sehr entspannt, das obligatorische Stttttgaaaart fällt, manchmal leicht drüber, etwas high, immer charmant, er knuddelt freudig entzückt die Dolmetscherin für Gebärdensprache, die seitlich auf der Bühne steht. Am Anfang fällt ihm kurz das Micro auf den Boden, es gibt leichte Rückkopplungen, merkt aber niemand, der Bühnentechniker hechtet nach vorne und korrigiert das.
Entscheidend ist jedoch seine musikalische Klasse. Seit Jahrzehnten bewegt er sich mühelos leicht zwischen Rock, Soul, Funk und Blues, Vorbild u.a, der große Prince. Seine Stimme besitzt nach wie vor enorme Ausdruckskraft, wechselt zwischen rauem Rockdruck, warmen Soulfarben und den hohen Falsettpassagen, die seine Songs unverwechselbar machen.
Dabei gibt er seiner Band Raum und genau daraus entsteht die besondere Qualität dieses Konzerts. Allen voran Craig Ross, seit den frühen Neunzigern sein musikalischer Weggefährte, “sein Bruder”, wie Kravitz ihn angekündigt, und längst eine Institution innerhalb der Band. Seine Gitarrenarbeit prägt den Sound von Kravitz seit Jahrzehnten. Die Soli wirken treiben Songs wie “Always On The Run”, “Fly Away” oder “Are You Gonna Go My Way” mit beeindruckender Präzision nach vorne.
Am Schlagzeug sitzt Jas Kayser, gerade einmal 30 Jahre alt und dennoch mit einer Präsenz, als würde sie diese Bühne seit Jahrzehnten kennen. In ihrer Energie und ihrer Körpersprache erinnert sie stellenweise an Cindy Blackman Santana, die viele Jahre Kravitz’ Band prägte und durch das legendäre Video zu “Are You Gonna Go My Way” selbst Musikgeschichte schrieb.
Kayser übernimmt diese Rolle mit eigener Handschrift. Präzision, Dynamik und Spielfreude verschmelzen bei ihr zu einer bemerkenswerten Einheit – das Publikum feiert sie frenetisch.

Kurz nach 22 Uhr verändert sich die Atmosphäre spürbar, der finale Hitblock steht an, nicht dass es davor an Hits gemangelt hätte, aber der Impact dreht sich nochmals immens. Aus einem hervorragenden Konzert wird ein Ereignis.
Als schließlich “Are You Gonna Go My Way” erklingt, explodiert der Platz bis die Ränge hoch. Dieses Gitarrenriff besitzt längst den Status eines Jahrhundertsongs. Generationen verschwinden in diesem Moment hinter derselben Melodie. Menschen Anfang zwanzig feiern neben Besuchern, die Kravitz schon hörten, als MTV den Musikalltag bestimmte. Kaum ein Rocksong entfaltet auch nach über dreißig Jahren noch eine derartige Wucht.
Bemerkenswert war auch, dass der Abend seine eigene Zeitrechnung entwickelte. Eigentlich endet bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz um exakt 22.30 Uhr. Kravitz spielte einfach weiter. Erst gegen 22.45 Uhr verließ die Band endgültig die Bühne. Es kam nicht mal die Polizei. Let Love Rule.
Auch organisatorisch liefern die Jazz Open stabil. Der Schlossplatz um die Brunnen wird zur Food-Drinks-Hangout-Aera. Die Bierstände liefen ohne größere Wartezeiten und die luxuriösen Toiletten gehören weiterhin zu den angenehmsten Begleiterscheinungen eines Festivals.
Am Ende bleibt das Bild eines Musikers, der keine Nostalgie verwaltet. Lenny Kravitz spielt seine Klassiker mit derselben Überzeugung wie einst, umgeben von einer herausragenden Band, die jedem Song neue Nuancen verleiht. Der Schlossplatz antwortete mit einem Chor, wie man ihn nur selten erlebt. Genau darin lag die Magie dieses Sommerabends bei den Jazz Open. Fly away!

