Bilder für die Ewigkeit, ein echtes Momentum, ein Stück Stadtgeschichte – call it what you want, aber am vergangenen 1. Mai ist in der Steinstraße etwas sehr Großes in Stuttgart passiert. Zum Abschied haben der 1. Stock powered by Hotel Central zur Blockparty eingeladen, und die Straße verwandelte sich durch unterschiedlichste Menschen und Szenen in ein riesiges Meer aus Stuttgart-Liebe. Ein Beitrag unserer Autorin Aycin über diesen epischen Tag.

Eine Blockparty, so sagt das Netz, entsteht und verbreitet sich aus dem Wunsch nach Solidarität und Gemeinschaft. Für den 1. Mai organisierte das Team Hotel Central den Abschied vom 1. Stock, der im Rahmen einer Blockparty stattfand. Auf der Timeline standen unter anderem das Rap-Trio Junge Arbeiter und die Betty Ford Boys. So viel zu den Hard Facts, die ihr bestimmt bereits kennt.
Welche Stimmung am Freitag herrschte? Dieser Abend war ein Peak von Solidarität und Gemeinschaft, dessen Bilder mir in die letzten Tage immer wieder vor Augen kamen. Das Zusammenkommen unterschiedlicher Generationen und Kulturen – Stuttgartern eben – , das zudem von meinem persönlichen Herzschlag Hip-Hop begleitet wurde, sorgte nicht nur für Gänsehaut.

Es war ein Abholen aus den Gedanken und teilweise den Zweifeln, die man in letzter Zeit mit sich trug. Es war ein Spiegel, der uns bereichert, der uns erinnert, der unterstrichen werden sollte:
Ein Event mit zahlreichen (jungen) Menschen, die u.a. das Parkhaus in ein Tribüne verwandelten und die Zeilen des Rap-Kollektivs der Jungen Arbeiter Wir sind alle Brüder und Schwestern. Wir haben alle ein Herz mitgröhlten.
Wahrscheinlich ihr erstes Konzert dieser Art, vielleicht ihr erstes Event überhaupt, definitiv aber mit großer Freude dabei gewesen – und das for free. Mitten ins Herz traf es dann spätestens alle Anwesenden, als sie ihren Song Stuttgart performten, der live mit einer Zurna – einem traditionellen Blasinstrument- lauthals die Zeilen begleitete:
“Wir sind Stuttgart. Der Kessel brennt. Wir haben die Deutschen, wir haben die Kanacks, die am Band oder auf Bau, wir stehen hier zusammen und schmeißen alle Na… raus.”

Question: Wie on point kann die Abendsonne an einem 1. Mai untergehen? Es war die Summe von alledem: Beats, Halay (google es einfach, wenn du immer noch nicht weißt, was es bedeutet), Breakdance, diese Rap Zeilen – die reinste Form des Hip-Hops, die reinste Form von Solidarität. Listen! Understand! Feel it!
Und diesen Vibe nahm nicht nur die 3. Generation, wie sich auch das Kollektiv nennt, mit. Oh nein.
Das Publikum bestand aus unterschiedlichen Generationen, zwischen denen auch Stuttgarts Kulturszene mit ihren DJs und Gastronomen anwesend war, die mit ihrem Kessler in der Hand in Erinnerungen an den 1. Stock schwelgten, sich auf die Betty Ford Boys freuten und gleichzeitig mit großer Freude ihre Köpfe zum Beat bewegten- 0711 pur.

Vielleicht bist du der Meinung, dass ich übertreibe. Mag sein. Ist mir egal. Mein Gastarbeiter-Herz schlägt am 1. Mai eben schneller, wenn ich die junge Generation als Macher erlebe, und meine pädagogische Pulsader drehte völlig durch, als ein ehemaliger Schüler auf mich zurannte und laut meinen Nachnamen schrie:
SIE HIER?! Er erzählte voller Freude, wie geil es war! Er erfreute sich besonders an dem Song Stuttgart, und ich erinnerte mich an die Zeiten, als ich so alt war wie er. Was wir damals fühlten, als wir hörten: Es ist nicht, wo du bist, es ist, was du machst- herzlich willkommen in der Mutterstadt.
Als wir hörten: Esperanto – ein schnell erlernter Lingo zur Verständigung der Nationen.
Schade, dass es abgebrochen wurde, sagten die Jungs und verließen friedlich den Platz in alle Richtungen.

Am nächsten Tag versuchte ich, diese Eindrücke zu verarbeiten, und ein friedliches Erinnern setzte sich in mir fest. Solche Bilder erinnern uns. Ich holte mir ein Bild zurück, das ich weggedrückt hatte, das ich vergessen wollte, das uns weggenommen wird.
Das Bild, wer ich bin, sah ich am Freitag wieder klarer. Jenes authentische Stadtbild, das meine Identität, mein Frieden, meine Heimat ist. Es ist dieser Generationen – Clash, Kulturen – Clash. Es sind die Beats, die Zeilen, die Zurna, Dexy’s Fenerbahce-Trikot, mein mehrsprachiger Inner Circle- der Schmelztiegel.
Es ist ein Fest der Kulturen, bei dem es nicht nur um des isch abor n leckerer Hummus geht. Es sind die authentischen Begegnungen und Bilder im Leben. Unser Stadtbild. Unsere Bereicherung. Unser 0711. Es ist die Flagge gewesen. Die einzige Flagge, die wirklich jeden auf diesem Platz verband.
Feste wie dieses dürfen nicht verloren gehen! Gemeinschaft und Solidarität dürfen nicht verloren gehen. Sonst verlieren wir diese Bilder im Kopf, weil wir uns nicht begegnen. Danke, Stuttgart. Du bist nicht nur mein Geburtsort.


