Kassetten, Knoblauch, Mutterstadt: “Station Paradiso” in der Staatsoper Stuttgart

Theater stage with oversized washing machines stacked to resemble a cityscape, a blue bus on the left, and performers in blue and yellow costumes; a 'Pause' sign visible on a prop.
Alle Bilder: © Matthias Baus

Keine Ahnung, ob sich das so ziemt, aber wäre es mir mit Rosalía vor ihrer aktuellen opernartigen Show “Lux” passiert, würde ich es auch hier rein schreiben: Wir sind schon ziemlich früh in der Oper – schwänzen aber die Einführungsveranstaltung – und so fällt mein Blick aus dem Treppenhaus zwischen ersten und zweitem Rang auf den Balkon der Gastronomie-Rotunde auf ein sehr schönes Bild: Sara Glojnaric sitzt ganz alleine auf einer Bank und raucht noch eine Kippe vor der Vorstellung.

Die junge kroatische Komponistin hat die Musik zu “Station Paradiso – Eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause” geschrieben, das heute Abend uraufgeführt wird. Ganz ehrlich? Ich tät wahrscheinlich auch rauchen in so einen Moment, wenn die monatelange Arbeit endlich vor Premierenpublikum gezeigt wird. Dabei bin ich gar keine Raucherin und sowieso kommen später am Abend nochmal Zigaretten vor und in der Oper sagt man in so einem Moment “Toi toi toi”.

Stage scene with two blue bus-like sets facing inward, performers in colorful outfits seated and posing on both sides, a circular screen showing a road in the center.

Drinnen im Saal ist der Vorhang bereits geöffnet. Goran Juric steht mit schwarzen Flügeln an einem DJ Pult und sieht aus wie eine Mischung aus Jonathan Meese (R.I.P. Brigitte!) und “ist das etwa schon wieder Lars Eidinger?”

Auf dem Plakat zur Oper ist eine Schallplatte zu sehen, die dreht sich auf dem Plattenteller und einer großen runden Leindwand, aber eigentlich geht es um Kassetten. Die ließen sich nämlich viel einfacher als LPs im Autoradio abspielen. Oder auf dem Weg durch ganz Europa im Fernreisebus nach Italien, Kroatien, nach Anatolien.

Von dort kamen die erste Generation Gastarbeiter*innen ab den 50er Jahren nach Stuttgart und ganz Deutschland, wo es viele Arbeitsplätze gab und das Versprechen auf ein besseres Leben. Aus der Landeshauptstadt reisen ihre Kinder jetzt zurück in die Vergangenheit, in die Heimat, zu den in Erinnerungen verklärten Sehnsuchtsorten. Zur Familie, die sich in den Ferien dort wieder versammelt, zu den Häusern, die dort mit dem hart verdienten Geld gebaut wurden, zu großen Erwartungen und (nicht) erfüllten Träumen.

Theater stage with a woman in a pale yellow gown standing under a large orange sign that reads EINREISE.

Immer begleitet von der Musik der Eltern. Und die Kassette mit dieser Musik ist die Busfahrkarte für den durch über die nicht enden wollenden Autobahnen düsenden Omnibus, in den alle am Busbahnhof eingestiegen sind. Natürlich ist es der gute Bus vom Daimler, der mit den bequemen Sitzen. Die Mitreisenden erzählen nach und nach ihre Geschichten, die Geschichten der Eltern, die Geschichte unserer Stadt Stuttgart.

Der Bandsalat aus den Kassetten zieht sich durchs Bühnenbild, bei dem mal wieder nicht an Material gespart wird. Von oben senken sich Videoleinwände mit nicht enden wollenden Zahlenreihen ins Bild herab. Auf den Tafeln wird aufgezählt, wer wann, von wo auf Wunsch der Politik über Jahrzehnte hinweg einreiste und zu unser aller Glück für immer blieb.

Travelers with suitcases at a neon-lit terminal under a PARADISO sign; a woman in a yellow top, a man with boxes, and a woman in a pale gown stand near orange chairs.

Von rechts nach links rollte eine komplette Küche über die Bühne. Und zum Gesang der drei Tanten – die selbstverständlich alle Mari(j)a heißen – schwimmen in einem Topf fünf mächtige Knoblauchzehen im Olivenöl und der ganze Publikumsraum wird mit dem köstlichen Duft dieser Basis für die beste Tomatensauce gefüllt.

An jeder Grenze auf der Bustour durchs (inzwischen vermeintlich grenzenlosen) Europa, benötigte man im Reisepass einen riesigen Stempel, der ebenfalls von der Bühnendecke schwebt. Die bereits erwähnten Zigaretten werden selbstverständlich am Zoll vorbei geschmuggelt.

Der großartig wilde Tanz von Diana Haller vor einem aus dem alten Jugoslawien wieder auferstandenen glitzernden Riesen-Tito endet mit einem echten Feuerwerk. Die Orchestermusik ist treibend, kantig und laut, wie die riesigen Waschmaschinen, die aus dem Bühnenboden auftauchen. Alles umrandet von Lichtbändern, die bunte Farbe wechseln und blitzen, dazu erscheinen im Hintergrund immer wieder graue Bilder von Autos und Straßen.

Theater cast around a long table on stage, wearing vintage clothing, with a large orange circular backdrop and a PARADISO sign behind them.

Ihr lest es schon: Bei “Station Paradiso” passiert super viel. Stellenweise weiß ich nicht, wo genau wir jetzt in der Geschichte sind und wo ich gerade hin schauen soll. Der Bus hätte für meinen Geschmack auch ein paar Runden weniger von den wackeren Statist*innen herum geschoben werden können. Aber es gibt so viel zu singen, über die Arbeitsmigrant*innen und ihre Kinder!

Ich tue mich tatsächlich schwer mit der gesungen Alltagssprache (Libretto von Tanja Šljivar), so dass ich mir selbst zuflüstern muss, dass Mozart ja auch in der Sprache geschrieben hat, die damals tatsächlich gesprochen wurde! Die Kostüme leuchten in warmem Orange und Gelb wie die im regnerischen Stuttgart so sehr vermisste Sonne des Südens. Der Busfahrer, der auch der DJ ist, trägt natürlich eine speckige schwarze Lederjacke, was auch sonst?

Stage performance: a man in a suit and orange vest holding a steering wheel, in front of a giant circular screen showing a highway scene.

Er ist es auch, der bei jedem Zwischenstopp nochmal mit dem Tempo-Taschentuch von Hand nachpolierten Bus, alle wieder wohlbehalten in die Landeshauptstadt zurück bringt. Die paradiesische, versöhnliche Geschichte von den Gastarbeiter*innen endet an einer langen Tafel, an der alle gemeinsam sitzen: Menschen, egal woher, in Stuttgart, getragen von Musik, Essen und Gemeinsamkeiten, die längst zu uns allen gehören und nicht nur zu denen, die sie ursprünglich mit hier her gebracht haben.

Station Paradiso – Eine Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause
am 14.,17. und 24. Mai und 01., 06., 11. und 21. Juni 2026 in der Staatsoper Stuttgart


Ein großes Begleitprogramm mit viel Musik findet unter anderem im Stadtpalais Stuttgart statt – dort spielen am 16.05. bei der “Party Paradiso” DJs und die Jungen Arbeiter auf der Freitreppe!

Die Playlist zur Busfahrt durch Europa gibt es bei Spotify:

A stage performance: a man wearing a red glitter mask and suit stands facing a line of performers in matching red sequin costumes, under purple lighting.
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