Die Liebe der Stuttgarter zu ‚ihrer’ Band Die Nerven brauchte erstmal Zeit. Nun beschließt die Stuttgarter Post Punk-Band mit ihrem Auftritt in der Stuttgarter Oper das (Konzert)jahr bombastisch. Die Geschichte einer der bedeutsamsten Bands dieser Stadt von unserem Gastautor Fabian aka der liebe Merzy, unsere Konzert-Koryphäe.

Stuttgart und Die Nerven – das war zunächst keine Liebe auf den ersten Blick. Die Stuttgarter fremdelten erstmal einige Zeit (wie so oft) in den frühen Jahren der Band, obwohl der Funke zeitgleich in anderen Städten schon längst übergesprungen ist und der Spiegel 2014 von der besten Platte des Jahrzehnts sprach. Kollektive Begeisterung – nur eben zuhause nicht.
Die Schwaben brauchen Zeit, heißt es immer, sind dann aber treu. Die Band, die vor 15 Jahren in den Waggons und im Komma begann, ist heute für ihr Homecoming Konzert an Weihnachten in der Stuttgarter Oper geladen. Der Auftritt wirkt wie eine Versöhnung mit der alten Zeit.
Es ist es nicht das erste Mal für Die Nerven an diesem Ort, bereits im Rahmen der sog. Littmann Sessions spielte die Band letztes Jahr im Sommer (bewusste Tocotronic-Referenz) hier, heute aber im Hauptprogramm.
Diese Pop bzw. U-Musik-Konzerte ankern allmählich in der Oper, letztes Weihnachten spielten an selber Stelle das geheimnisvolle Rap-Duo Yung Kafa & Kücük Efendi (heute gibt es sie bereits nicht mehr), viele der damals anwesenden Kids hatten sich rausgeputzt, viele von ihnen sicher das erste Mal hier.
Die Oper macht mit ihrer Berücksichtigung und Wahrnehmung auf (regionalen) Pop alles richtig, das Haus, diesen Raum und den Blick für Popmusik zu öffnen. Kollaborationen mit u.a. PeterLicht, Schorsch Kamerun oder Maeckes bestätigen dies.

Und auch die Einlassmusik stimmt heute. Statt der bei Opernbesuchen üblichen herrlichen Warmspielkakophonie aus dem Orchestergraben lassen Die Nerven ihr Publikum kurz vor Beginn am niederschmetternd schönen „Always trying to work it out“ von Low über die Anlage teilhaben.
Es passt auch irgendwie – es ist nicht allein die überbordende Sadness die der amerikanischen Slowcore-Band innewohnt oder die im nächsten Moment umso traurigere Gewissheit, dass Gründungsmitglied Mimi Parker vor drei Jahren gestorben ist. Es ist vor allem in diesem Kontext deshalb passend, da Low 1999 eines der besten Weihnachtsalben ever veröffentlicht haben. Langsam schleppend, subversiv, düster, rauschend, sad und wunderschön. Im Großen und Ganzen ließe sich so mitunter das (Früh)werk von Die Nerven beschreiben. Ein Weihnachten der anderen Art, wie es heute im Opernhaus zelebriert wird.
Besonders auch deshalb, da ihr heutiges Konzert in zwei Sets aufgeteilt wird, „Die frühen Jahre“ und „Das Jetzt“ umfassen immerhin 6 (!) Alben und geben einen chronologischen Einblick in das beachtliche Werk der ja, immer noch jungen Band.
Dabei ist das nicht mal alles, ihr Album „Asoziale Medien“, ein roher, wilder Brocken, eine 2012 erschienene Zustandsbeschreibung, findet in der Ankündigung weder Erwähnung noch wird es im Set berücksichtigt. Fast so, als müsste man sich dafür schämen. Muss man nicht, auch wenn Max Rieger das heute dargebotene Frühwerk direkt zu Beginn selbstironisch abschätzig kommentiert. („Nachher wird’s besser“) Doch an der Intensität der frühen Stücke, die teilweise zehn (!) Jahre nicht zu hören waren, hat sich nichts geändert.

Der langsam und verträumt startende Opener „Unersättlich“, ein ungewöhnlich langer und beinah vergessener Juwel und der folgende brachiale Zweiminüter „Schrapnell“, gegensätzlicher könnten die beiden Songs der „Fluidum“-Platte nicht sein, katapultieren direkt in diese Zeit, obgleich die Situation bizarrer nicht sein könnte, eben diese Stücke im prunkvollen Opernsaal zu hören.
Es wirft einen zurück ins legendäre Wägele am Nordbahnhof, ins Komma, sozusagen die beiden Wiegen der Nerven, an denen ihre ersten Konzerte stattfanden. In den Keller Klub und unten ins Schocken, als die Songs noch frisch waren und die Band in Stuttgart zugegebenermaßen noch verkannt, obwohl es in Berlin, München und Hamburg längst funktionierte und für große Begeisterung sorgte.
Seinerzeit bereits früh beeindruckt und fasziniert von dieser außergewöhnlichen Band, notierte der Autor dieses Texts 2012 und 2013 enthusiastisch in seinen Blog, die Band existierte damals ca. 2 Jahre: „Man bekommt das, was man erwartet: Sensationellen, wütenden Noise-Punk mit Hang zur textlichen Verzweiflung und rauschenden Melancholie. Konzerte mit Zähneknirschen, bewusstem Anecken und demonstrativer Scheissegal-Haltung, kurz, brachial und laut. Eigenwillig, anti, provokant, jung und wütend. Es soll ein bisschen ankotzen.“
Es war eine andere Zeit, eine andere Band, fürwahr wandelte sich auch die Band selbst über die Jahre. Doch wer hätte damals gedacht, im Keller, im Komma, dass diese Songs 10 Jahre später mal im Opernhaus zu hören wären?

Auch das heute wie 2014 kompromisslos ungestüme „Hörst du mir zu?“, damals nicht selten in einer gnadenlos hypnotisierenden dreiundzwanzigminütigen (!) Version live dargeboten ist wie alle anderen Songs an diesem Abend bombastisch in Szene gesetzt, wo ginge das besser als in der Oper?
Der rohe Kern dieser frühen Stücke ist teils gewichen, sie kommen nun sanfter daher, Schreie werden zu einem Flüstern, ein Spiel mit der Stille, eingewoben in die Gegenwart. Alles umhüllt in einen fantastischen, glasklaren Sound, hebt es die Songs nochmal auf eine andere Ebene. Nur „Irgendwann geht’s zurück“, das ausgesprochene Highlight der Platte „Fluidum“, das in seiner schonungslosen Gleichgültigkeit die Tristesse und Aussichtslosigkeit einer ganzen Generation und Zeit ausdrückt, wie es kaum eine Band damals konnte, fehlt in diesem kurzweiligen Rundumschlag.
Nicht einmal das erwartbare Dreigespann „Eine Minute schweben“, „Angst“ und „Der letzte Tanzende“, übrigens allesamt ebenso aus den frühen Jahren, oft meist zum Schluss auf Konzerten der Band zu hören, haben es ins Set geschafft. Vielleicht auch, weil dies kein übliches Konzert ist – und beide Sets in strenger Reihenfolge, strikt voneinander getrennt verlaufen, aber somit Platz für seltene Ausreißer und Raritäten ist.

Denn völlig unironisch ist der letzte Song vor der Pause ein wahres Geschenk und Highlight des Abends, das auf den ersten Blick vermutlich gar nicht so erscheint, als die Band tatsächlich ihre fantastische Interpretation von „Ein Stern (… der deinen Namen trägt)“ spielt.
Dieser bereits zwölf Jahre alte Aprilscherz, den Die Nerven auf ihrer berüchtigten „Kartoffel EP“ 2013 für nur 24 Stunden online zur Verfügung stellten, ist ein Meisterwerk: Der Nik P.-Song, der in der Version von DJ Ötzi Anfang der Nullerjahre komplett durch die Decke ging, wird von der Band gespenstisch reduziert dargeboten, dass er durch Mark und Bein geht.
Als wären die hier gesungenen Worte erstmals keine Hülsen, so, als stamme er von ihnen selbst, als er sich gegen Ende in erschütternder Schönheit immer mehr aufbaut und der „Stern, der deinen Namen trägt, alle Zeiten überlebt und über unsere Liebe wacht“ zum bedrohlich leuchtenden Himmelskörper wird.
Dieses Cover eines Covers macht all das aus, was im Kern eine gelungene Interpretation eines Songs ausmacht und im Zweifel die Originale übertrifft: Hier gibt er dem Song eine Seele, eine Substanz und eine völlig neuen reizvollen Twist, da er „von innen nach außen gedreht wird und auf beeindruckende Weise all die im Subtext bei Volksmusik und Schlager ja auf erschreckende Art vorhandene, aber nie offen ausgesprochene Depression & Verzweiflung in das Lied zurückprügelt“ wie es Christian Ihle in der taz treffend beschreibt.
Es ist vielleicht das Äquivalent zu „Sommerzeit Traurigkeit“, ein weiteres frühes, superrares und ebenso sensationelles Cover der Nerven (derzeit für schlappe 170 Euro auf Discogs erhältlich), das ganz zum Schluss, wenn auch nur subtil dann doch ein Platz in diesem Konzert erhält: Aus einer Ikea-Tasche verschenken Kevin, Max und Julian die zum Song passenden „Lana“-Shirts, werfen sie ins Publikum und beschließen diesen Abend und das (Konzert)jahr furios.
Ach, Weihnachten könnte doch immer so schön sein.


Tolles Konzert & toll geschrieben ?