
Zehn Jahre sind vergangen, seit sich an der Hauptstätter Straße ein unscheinbarer Raum in ein kleines Wunder verwandelte. Die Romantica, liebevoll längst die “Glitzerperle” genannt, ist ein Kosmos aus Klang und Körper, ein urbanes Refugium für alle, die das Außergewöhnliche suchen.
Ein Ort, an dem sich Identitäten lösen, Rhythmen verbinden und Nächte zu Erinnerungen verdichten. Hier geht es nie um Glanz, immer um Atmosphäre. Nicht um Namen, sondern um Nähe.
Dabei war all das so nie geplant. Marco Schreieck und Femke Bürkle kamen zur Romantica wie die weltberühmte Jungfrau zum Kinde. Ein Notartermin, ein abgesprungener Investor, ein Versprechen, das plötzlich ernst wurde.
Was als stille Teilhaberschaft gedacht war, wurde über Nacht zum Fulltime-Job. Sie hatten keine Club-Konzession (die kam erst später), wenig bis kein Startkapital, keine Blaupause. Nur ein Raum mit Geschichte und die vage Idee, dass aus dem Ganzen vielleicht etwas Besonderes werden könnte.
Diesen Ort gab es schon zwei Jahre lang zuvor als Nightlifespot. Die ehemalige Animierbar wurde bis zur Übergabe von Team Supersupply aka Janusch und Heiko betrieben. Der damals junge Kaytranada, heute längst Weltstar, war u.a. an einem Abend zu Gast. Der finale Flow hat für die erste Romantica-Version gefehlt, dazu kam einiges an Behördenärger.
Genau da, in dieser seltsamen Grauzone zwischen Sisha-Lounges, leerstehenden Spielotheken und Taubenkot auf Beton, wo die Stadt ihr doch sehr wildes Gesicht zeigt, andere sagen, der schönste Duftbaum Stuttgarts, wuchs unter Femkes udn Marcos Händen eine Instanz. Ohne Ankündigung, ohne Absicht, aber mit Hingabe.

Die Romantica ist kein Ort des Spektakels. Sie ist ein Ort der Intensität. Hundert Menschen passen hinein, wenn es voll ist. Manchmal auch ein paar mehr. Doch gerade diese Enge schafft Nähe, Verbindlichkeit, ein Gefühl von Gemeinschaft. Die elektronische Musik ist handverlesen, jenseits des Stroms, wie der Laden viel mehr unter der Erde anstatt High-Life-Insta-Festival.
Große Bookings sucht man vergeblich, dafür spielen hier jene, die sonst übersehen werden. Talente von nebenan, sorgfältig kuratiert und mit einer Bühne versehen, die nicht größer sein muss, um groß zu wirken.
Es ist diese Mischung aus Ehrlichkeit und Eleganz, aus Spontanität und Detailversessenheit, die der Romantica ihre Seele verleiht. Der Klang ist klar und druckvoll, die Lichter schmeicheln dem Raum, nie grell, immer genau genug, alles konstant gepflegt und optimiert, ein Club ist eben ein G’schäft, gell.
Dass all dies direkt unter dem Stuttgarter Ordnungsamt geschieht, ist eine jener ironischen Wendungen, wie sie nur das echte Leben schreibt. Während andere längst aufgegeben hätten, halten Bürkle und Schreieck ihren Laden am Laufen. Fünf Tage die Woche. Mit einem kleinen, eingeschworenen Team. Und einem unermüdlichen Willen, auch in schwierigen Zeiten (Stichwort Pandemie) nicht zu resignieren, sondern weiterzumachen.
Denn Clubs sind mehr als Orte zum Tanzen. Sie sind soziale Architekturen. Die Romantica ist ein Schutzraum für queere Identitäten, für Lebensentwürfe jenseits der Norm, für Menschen, die sich ausprobieren oder einfach fallenlassen wollen. Wo sonst ein Mann in Latex und über siebzig regelmäßig mittanzt, ist das Versprechen einer offenen Gesellschaft nicht nur Theorie, sondern gelebte Praxis.
In einer Zeit, in der das Nachtleben vielerorts verflacht, kommerzialisiert oder verdrängt wird, bleibt die Romantica ein kulturelles Kleinod. Ein Jahrzehnt Romantica bedeutet zehn Jahre Improvisation, Mut, Scheitern, Wiederaufstehen und immer wieder im Zentrum: die Musik.
Es ist eine stille Heldengeschichte, abseits unserer Boiler-Room-Backstage-Pass-Ära (Boiler gab’s zwar im Romantica auch schon, aber mit Polizei), gerade deshalb als Kontrast so wichtig und vielleicht gerade deshalb so viel größer ist als der Raum, in dem sie spielt.
Romantica
Hauptstätterstraße 40
Dienstag 23:30 – 04:30
Donnerstag 23:30 – 05:30
Freitag 23:59 – 08:00
Samstag 23:59 – 08:00
Sonntag 23:30 – 04:30






