Führerstand durch die Unterwelt: S-Bahn-Magie in der Wendeanlage Schwabstraße

Stuttgart hat viele bekannte Bühnen und Plätze nnd dann gibt es diesen unfassbaren Ort, der sich jeder Inszenierung entzieht und trotzdem ein Gravitationszentrum im urbanen Netzwerk ist: die Wendeanlage Schwabstraße.

Ein neues Video zeigt eine komplette Führerstandsfahrt durch diese unterirdische Schleife. Eine Cab Ride auf der Linie S6, aufgenommen im frühen Morgen, wenn der Kessel noch im Halbschlaf liegt und die Stadt sich wie eine Eiskristallkulisse sortiert. Zwei gekuppelte Einheiten der Baureihe 423 gleiten durch Beton, Kabeltrassen und Signalblitzen. Perspektive Fahrerstand, nur Tunnel, Technik und dieser soulig federnde Rhythmus der Schienen.

Der Moment, den sonst niemand sieht

Wer regelmäßig mit S4, S5 oder S6 unterwegs ist, kennt die Ansage an der Schwabstraße. Bitte alle aussteigen, unsere Zugfahrt endet hier. Türen auf. Menschenstrom raus. Dann schließt sich das Kapitel für die Fahrgäste. Der Zug rollt weiter, unsichtbar, hinein in die Wendeanlage.

Dort unten mäandert er durch ein Geflecht aus Gleisen, Weichen, Signaltechnik. Eine Chiffre aus Stahl und Algorithmus, die das Rückgrat der S-Bahn Stuttgart bildet. Hier drehen die Linien S4, S5 und S6, um wieder Richtung Bietigheim, Marbach oder Weil der Stadt aufzubrechen. Für den Alltag ist das ein logistisches Vehikel, für die Stadt ein Stück Ingenieurskunst aus den späten 1970er Jahren, für uns mystisches Panoptikum.

Stuttgart unter Strom

Die Kamera im Führerstand öffnet diesen Resonanzraum. Man sieht, wie sich der Vollzug in die Schleife legt, wie die Gleise sich verzweigen, wie das System atmet.

Dass eine solche Führerstandsfahrt öffentlich zugänglich ist, wirkt wie ein kleiner Blick hinter die Leitplanke der Stadt. Man versteht die Wechselwirkung zwischen Oberfläche und Untergrund, zwischen urbanem Leben und den Prozessen, die es tragen. Wer hier zuschaut, bekommt eine neue Sensorik für die S-Bahn Stuttgart.

Mystik aus Beton

Mystisch ist an diesem Ort weniger das Licht als die Tatsache, dass er im Alltag unsichtbar bleibt. Ein Scheinriese im Untergrund. Man fährt täglich darüber hinweg, ohne ihn je zu betreten. Es sei denn, man verpasst den Ausstieg, bleibt sitzen, döst weg und wird am Ende von der Realität eingeholt.

Und spätestens nach dieser Fahrt durch die Wendeanlage Schwabstraße schaut man bei der nächsten Ansage anders auf die geschlossenen Türen.

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