
Wer durchs Stuttgarter Rathaus schlendert, stößt früher oder später auf ein technisches Relikt mit Stil: den Paternoster. Drei Stück sind es insgesamt, und der im Marktplatzflügel läuft seit 1956 unermüdlich im Kreis. Zwölf Kabinen, keine Knöpfe, kein Halt, nur rein und raus im Loop. Klingt nach Abenteuer, ist aber Alltag im Rathaus. Und: komplett öffentlich befahrbar. Für alle.
Die Bezeichnung Paternoster stammt vom katholischen Rosenkranz, weil die Aufzugskabinen wie Gebetsperlen aneinander aufgereiht sind. Meditativ ist die Fahrt im Kreis zwar nicht ganz, oder je nach Sichtweise, aber definitiv IMMER ein Erlebnis.
Oldschool mit Charme
Als das Rathaus 2004 umgebaut wurde, stand der Paternoster auf der Kippe. Ersatz durch moderne Aufzüge? War kurz Thema, aber der damalige OB Wolfgang Schuster machte sich stark für den Erhalt. Zu Recht, denn ohne die Paternoster würde im Rathaus etwas fehlen. Zur Wiedereröffnung gab’s sogar eine kleine Party. Im Jahr 2015 stand der Lift nochmals auf der Kippe, zumindest für die Öffentlichkeit, und hat auch diese Krise “überlebt”.
Der Aufzug selbst wurde technisch modernisiert. Schutzklappen an den Einstiegen sorgen für Sicherheit. Bei einer Neigung von 30 Grad stoppt die Anlage automatisch. Trotz Retro-Look ist der „Beamtenheber“, wie solche Aufzüge liebevoll genannt werden, also keine Gefahrenquelle. Nur das Ein- und Aussteigen erfordert etwas Übung. Wer zu zögerlich ist, landet schnell in einer unbeholfenen Pirouette.
Öffnungszeiten für euren Loop-Ride
Der Paternoster im Stuttgarter Rathaus ist montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr sowie freitags bis 15 Uhr in Betrieb. Einfach hingehen, einsteigen, auf- und abfahren, so viel und lange ihr wollt – bzw bis 17 Uhr. Aktenordner von Leitz mitnehmen fürs Feeling.
Paternoster in Stuttgart & Deutschland
Stuttgart ist kein Einzelfall. Deutschland ist weltweit Paternoster-Hotspot. Die erste Anlage hierzulande wurde 1886 in Hamburg gebaut. Mitte der 1930er gab’s in Deutschland fast 700 Stück, die meisten in der Hansestadt. Und auch der weltweit höchste Paternoster drehte hier seine Kreise – zuerst im Kölner Hansahochhaus, später dann im Stuttgarter Tagblatt-Turm.
Heute sind noch rund 250 Anlagen in Betrieb, obwohl seit 1974 keine neuen Paternoster mehr gebaut werden dürfen. Die Retro-Aufzüge sind Kultobjekte – fast schon mechanische Denkmäler.
Stuttgart hat noch ein paar weitere Anlagen versteckt, meist in Verwaltungsgebäuden, teilweise öffentlich befahrbar. Der im Rathaus bleibt aber der Klassiker. Wer mitfährt, spürt: Hier rollt nicht nur Technik. Hier dreht Geschichte ihre Runden.
