Calwer Straße in Stuttgart: Gastro-Lifestyle-Boom in der City

Bis in die 1970er Jahre hinein fuhren hier Autos. Man muss sich das heute bewusst vor Augen führen, weil es kaum noch vorstellbar ist. Wo jetzt Gläser im Licht schimmern und Menschen dicht an dicht stehen, rollte Verkehr durch die Innenstadt. Die Calwer Straße war eine enge Blechpassage, nicht Bühne . Stuttgart hat sie Stück für Stück zurückerobert und ihr jene Bestimmung gegeben, die sie heute so selbstverständlich ausstrahlt.

Beliebt war sie seit der Verkehrsberuhigung schon immer. Doch was sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat, vor allem seit der Pandemie, besitzt eine neue Qualität. Die Calwer Straße hat eine gastronomische Stringenz angenommen, die in dieser Dichte und mit diesem Erfolg zuvor kaum denkbar war. Zwischen Rotebühlplatz und Langer Straße schmiegt sich ein “Gastro-Konzept” ans nächste, ohne Bruch, ohne Zufall, als wäre es ein KURATIERTER Masterplan.

An einem Samstagmittag wird diese Entwicklung greifbar. Stuttgarter:innen treffen auf Neigfahra-People, Agentur auf Atelier, Worker auf Erben, Wochenendflirt auf langjährige Freundschaft. Man steht draußen, man bleibt draußen. Aus den Ärmen wachsen Vino- und Biergläser, die immer voll sind. Gespräche verweben sich zu einem mächtigen Stadtsound, Gläser kreisen immer wilder, das ist also, das GUTE LEBEN. Alltag in der Calwer Straße.

Das Line-up liest sich aktuell wie ein innerstädtisches Manifest: BrunnerWalthers, die neue Dinkelacker-StehschänkeDean & David, die Kessler SektbarMaison Karl mit Artisan Cheesecake, HuginnThe NoshDas Weber, die Isabella Glutenfreie Pâtisserie. In naher Zukunft kündigt sich mit dem Steakhouse The ASH weiterer Zuwachs an. Terrasse reiht sich an Terrasse, jede voll besetzt (egal welche Temperaturen), jede mit eigener Handschrift, und doch ergibt alles ein geschlossenes Bild.

Diese extreme Verdichtung kam nicht über Nacht. Sie hat sich über Jahre aufgebaut, eher unmerklich, mit einem neuen Konzept hier, einer mutigen Umnutzung dort, einer Terrasse, die plötzlich zum Magneten wird. Heute wirkt es, als sei es immer so gedacht gewesen. Eine Innenstadt, die nicht primär über Handel funktioniert, sondern über Begegnung und Genuss.

Man kann das bewerten, wie man will. Zu teuer, zu snobby, zu aufgesetzt, zu viel OP im Gesicht oder eben: genau im Puls der Zeit. die Calwer Straße ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein städtischer Raum verwandelt, wenn Angebot und Atmosphäre ineinandergreifen. In der sogenannten Gegenwart investieren Menschen ihre Ressource aktuell lieber in Gastro-Food, in Wein, in Momente unter freiem Himmel als in das hundertste Hemd, den nächsten Pulli oder die x-te Jeans.

Die Calwer Straße ist nicht nur ein Hotspot geworden, sie ist ein Versprechen darauf, dass Innenstadt mehr sein kann als Frequenz und Quadratmeter. Sie ist Bühne, Treffpunkt, Flaniermeile und Genusszone in einem.

Und während die Gläser im Abendlicht aufblitzen, versteht man ein wenig, selbst wenn man nur auf schneller Durchreise ist und nirgends anhalten will, warum diese Straße heute so selbstverständlich funktioniert. Sie hat ihren Rhythmus gefunden.

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