
Es gibt Auszeichnungen, die weit über den Moment ihrer Verleihung hinausreichen. Die Bürgermedaille der Landeshauptstadt Stuttgart gehört dazu. Sie wird nur in Ausnahmefällen vergeben und steht für ein Lebenswerk, das die Stadt dauerhaft geprägt hat.
Mit Werner Schretzmeier und Eric Gauthier ehrt Stuttgart in diesem Jahr zwei Persönlichkeiten, deren Wirken die kulturelle Entwicklung der Landeshauptstadt über Jahrzehnte entscheidend beeinflusst hat.
Die Bürgermedaille ist nach der Ehrenbürgerwürde die zweithöchste Auszeichnung, die Stuttgart vergeben kann. Seit ihrer Einführung im Jahr 1970 gelten außergewöhnlich hohe Maßstäbe. Über die Verleihung entscheidet der Gemeinderat in nicht öffentlicher Sitzung mit einer Zweidrittelmehrheit. Gleichzeitig ist die Zahl der lebenden Trägerinnen und Träger begrenzt.
Die Auszeichnung wird deshalb nicht regelmäßig verliehen, sondern ausschließlich an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um Stuttgart und seine Bürgerinnen und Bürger verdient gemacht haben. In ihrer Geschichte tragen sie nur wenige Dutzend Menschen, darunter prägende Namen aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Dass sich nun Werner Schretzmeier und Eric Gauthier in diese Reihe einfügen, erzählt auch ein Stück jüngerer Stadtgeschichte.
Als Werner Schretzmeier 1985 gemeinsam mit Gudrun Schretzmeier und Peter Grohmann das Theaterhaus gründete, entstand ein Kulturort, der sich bewusst für unterschiedlichste Ausdrucksformen öffnete. Schauspiel, Musik, Tanz, Kabarett und gesellschaftliche Debatten fanden hier von Beginn an ihren Platz.
Aus dieser Idee entwickelte sich eines der bedeutendsten Kulturhäuser Deutschlands. Jedes Jahr besuchen mehrere Hunderttausend Menschen das Theaterhaus am Pragsattel, dessen Programm heute weit über Stuttgart hinaus Aufmerksamkeit erfährt.

Eric Gauthier hat diese Entwicklung um eine internationale Dimension erweitert. Mit Gauthier Dance etablierte er eine Kompanie, die weltweit gastiert und zugleich fest mit Stuttgart verbunden bleibt. Seine Choreografien, das COLOURS International Dance Festival sowie Projekte in Schulen, Pflegeeinrichtungen und sozialen Einrichtungen haben den zeitgenössischen Tanz für ein breites Publikum geöffnet und Stuttgart als wichtigen Standort dieser Kunstform sichtbar gemacht.
Die Verleihung der Bürgermedaille würdigte deshalb nicht allein zwei beeindruckende Karrieren. Sie richtete den Blick ebenso auf das Theaterhaus als kulturelle Institution und auf die vielen Menschen, die diese Entwicklung über Jahrzehnte begleitet haben.
Werner Schretzmeier selbst verstand die Ehrung ausdrücklich als Auszeichnung für das gesamte Haus, für seine verstorbene Ehefrau Gudrun Schretzmeier, Mitgründer Peter Grohmann sowie für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Künstlerinnen und Künstler und Unterstützer.
Neben der Freude über die Ehrung fand auch ein nachdenklicher Ton seinen Platz. Schretzmeier erinnerte daran, welche Bedeutung Kultur, Bildung und soziale Arbeit für das Zusammenleben in einer Stadt besitzen und appellierte, diesen Bereichen auch künftig den notwendigen Stellenwert einzuräumen.
Mit Werner Schretzmeier und Eric Gauthier erweitert Stuttgart den Kreis der Trägerinnen und Träger einer Auszeichnung, die nicht für einzelne Erfolge verliehen wird, sondern für jahrzehntelanges Engagement und den nachhaltigen Einfluss auf das Leben einer Stadt. Die Bürgermedaille würdigt in diesem Fall zwei Persönlichkeiten, deren Handschrift sich tief in die kulturelle Identität Stuttgarts eingeschrieben hat.
Facts
Verleihung: 17. Juli 2026
Auszeichnung: Bürgermedaille der Landeshauptstadt Stuttgart
Geehrte: Werner Schretzmeier und Eric Gauthier
Bedeutung: Zweithöchste Auszeichnung der Stadt nach der Ehrenbürgerwürde
Einführung: 1970
Vergabe: Wahl durch den Gemeinderat mit Zweidrittelmehrheit in nicht öffentlicher Sitzung
Besonderheit: Maximal 30 lebende Trägerinnen und Träger gleichzeitig
Anlass: Würdigung der langjährigen Verdienste um das kulturelle und gesellschaftliche Leben Stuttgarts
