Zu Weihnachten von meiner Schwester bekommen, jetzt erst gelesen: Die Autobiografie von John Peel, legendärer BBC-Radio-DJ und musikalischer Türöffner über Jahrzehnte hinweg. Das Buch stammt zwar aus dem Jahr 2006, aber inhaltlich ist es ein echtes Zeitdokument – und immer noch lesenswert.
John Peel war einer der wichtigsten Musik-Influencer des 20. Jahrhunderts, lange bevor es das Wort überhaupt gab. Er entdeckte und spielte Bands, bevor sie irgendjemand kannte. Von Pink Floyd bis The White Stripes, von Joy Division bis Jeff Mills. Genregrenzen interessierten ihn nicht. Was gut war, kam auf den Plattenteller.
Die Autobiografie besteht aus zwei Teilen: Der erste stammt von ihm selbst, der zweite wurde nach seinem Tod 2004 von seiner Frau Sheila vervollständigt. Peel starb mit 65 an einem Herzinfarkt, mitten in der Arbeit am Buch. Was bleibt, ist eine spannende, persönliche Chronik eines Menschen, der Popkultur nicht nur erlebt, sondern aktiv mitgestaltet hat.
Stilistisch ist das Ganze nicht ganz ohne. Die Struktur ist chronologisch, aber mit Rückblenden durchzogen. Zu Beginn braucht man ein wenig Geduld – viele Figuren, viele Anekdoten, ein etwas sperriger Erzählfluss. Aber wer sich darauf einlässt, wird mit trockenem Humor, ehrlicher Reflexion und überraschend offenen Einblicken belohnt.
Ein besonders dunkles Kapitel: Peels Schulerfahrungen im englischen Internat. Er beschreibt Übergriffe unter Schülern in einer nüchternen, fast beiläufigen Sprache. Erst Jahrzehnte später sprach er mit seiner Frau darüber. Die Szene wirkt krass, aber nie sensationsheischend.
Neben Musik zieht sich auch Peels Faszination für Amerika durch das Buch. In den 60ern lebte er dort, schüttelte bei einer JFK-Wahlkampftour die Hand des späteren Präsidenten, sprach kurz mit ihm und bekam sogar Fototipps. Die Bilder davon – inklusive Lyndon B. Johnson – zählten zu seinen größten Schätzen.
Noch verrückter: Am Tag des Kennedy-Attentats fuhr Peel spontan nach Dallas, schlich sich in die Pressekonferenz, bei der Lee Harvey Oswald als Täter präsentiert wurde. Es existiert angeblich ein Filmclip, auf dem sowohl Peel als auch Jack Ruby zu sehen sind – ja, der Jack Ruby, der Oswald erschoss. Forrest Gump-Vibes in real life.
Auch seine Mutter bekommt ein Kapitel: distanziert, eher kühl. Sie bevorzugte seine Brüder und hatte eine Affäre mit dem Schauspieler Sebastian Shaw. Den kennt man nicht? Doch, irgendwie schon – er war der unmaskierte Darth Vader in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“.
Zurück zur Musik: Peel liebte alles, was neu, roh, anders klang. Er spielte komplette LPs in seinen Shows, ignorierte Radio-Regeln, wurde für seine Reggae-Ausflüge mit Hassbriefen und Drohungen konfrontiert – aber blieb sich treu. Er war DJ im Radio und auf Bühnen, quer durch Großbritannien. Immer mit Haltung, nie mit Ego.
Fazit
Wer sich für Musikgeschichte, Radiokultur und subkulturelle Perspektiven interessiert, sollte dieses Buch lesen. Persönlich, nerdig, humorvoll, manchmal bitter, aber immer aufrichtig. Ein Geschenk mit Substanz – ich hab’s Thorsten zum Geburtstag geschenkt, ohne mit der Wimper zu zucken.

Danke noch mal für das Geschenk! Am Anfang braucht man wirklich etwas Zeit um reinzukommen, und wenn man noch nie eine Sendung von John Peel gehört hat versteht man auch nicht alle Geschichten. Aber trotzdem super und ich hab’s in Rekordzeit (fast) fertiggelesen.