Zwischen den Jahren, Zeit für Gefühle, loslassen, Nachdenkliches, aussortieren, neu sortieren. Unsere Gastautorin Aycin hat sich zum Jahreswechsel Gedanken notiert, warum echte Begegnungen, Angst, Freude und innere Bewegung der Schlüssel zu einem authentischen Leben sind.

Am Ende zählen die Momente, in denen wir gefühlt haben. Die Momente, in denen wir uns gefühlt haben. Beim Loslassen des Alten, beim Ankommen im Neuen – gemeinsam mit anderen oder allein mit uns selbst. Manchmal mit Einsicht, manchmal mit Schmerz.
Es sind die Momente im Leben, in denen wir unsere Gefühle erLEBEN: Freude, Energie, Liebe. Beim Umarmen. Beim Tanzen. Auf einem Konzert mit anderen oder wenn wir allein in der Küche laut singen. Es sind die Momente, in denen wir geben – manchmal einfach so, manchmal, um jemanden glücklich zu machen, manchmal, um ein Wir zu spüren.
Es sind auch die Momente, in denen wir etwas Verrücktes wagen. Mit kribbelndem Bauchgefühl, mit der Vorfreude, manchmal mit der Angst – die Angst zu riskieren, die Angst zu versagen, die Angst zu verlieren, die Angst, verletzt zu werden. Oder die Angst vor der Einsamkeit. Und manchmal ist es die Angst vor der Angst selbst. Oder die Freude vor der Freude – die Vorfreude. Diese Gefühle vor den Gefühlen.

Denn am Ende geht es eben um unsere Gefühle. Um Gefühle, die uns ausmachen. Mensch zu sein. Ich zu sein. Gefühle, die meine sind.
Am Ende geht es um Fragen, die ich mir stellen darf: Sehe ich diese Gefühle? Verstecke ich sie vor mir oder vor anderen? Drücke ich sie weg und ignoriere sie? Wie soll ich die Gefühle anderer achten und berücksichtigen, wenn ich meine eigenen missachte? Wie kann ich meine Beziehungen pflegen und genießen, während ich das Geschehen in mir nicht beachte und da sein lasse?
Habe ich verstanden, dass mein Leben, meine Entscheidungen und mein Handeln von diesen Gefühlen gelenkt werden? Und dass sie mir nur dann einen wahrhaftigen, sinnvollen Weg zeigen können, wenn ich mir erlaube, sie zu fühlen? Ist es nicht das Ziel, einen wahrhaftigen Weg zu gehen?
Liegt der Schlüssel am Ende nicht darin, auch die Angst zu zulassen – um keine Angst mehr zu haben. Die Angst fließen zu lassen, sie nicht zu selektieren, nicht in erwünschte und unerwünschte Gefühle einzuteilen. Diese fucking schwere Aufgabe anzunehmen: wahrhaftige Gefühle zuzulassen, um sie loszulassen und Raum für neue zu schaffen.
Denn das Gefühl frei zu sein, ist doch manchmal dieses verrückte Spiel. Dieses Hin und Her, diese Up and Downs. Dieses Intensive im Hier und Jetzt – in Freude, Trauer, Verlust und Wachstum.
Ich möchte mir nicht aussuchen, ob meine Gefühle fließen dürfen. Denn nur wenn ich sie zulasse und betrachte, kann ich wahrhaftig zu mir stehen und frei sein.
Gefühle als weise Quelle zu sehen. Als etwas, das mir zuflüstert, welche Richtungen, welche Ziele und welche Beziehungen ich eingehen möchte – oder eben nicht. Sie haben vielleicht genau hier ihre Daseinsberechtigung. Im Fühlen von Gefühlen liegt ihre Daseinsberechtigung.
So heißt es am Ende, diese Quelle nicht nur am Jahresende mitzunehmen, sondern als treue Begleiter. Und unser Verstand? Was ist mit den kurzen, intensiven Momenten, die sich als Bedürfnisse verkleiden und manchmal schmerzhafte, langanhaltende Gefühle verursachen? Unser Verstand darf die Daseinsberechtigung dieser schmerzverursachenden Ursachen anschauen – statt sie immer wieder wegzudrücken und ihnen den Raum nicht zu geben.
Indem wir sie immer wieder herrufen, ohne zu hören, wonach sie rufen, lassen wir sie immer lauter werden.
Am Ende geht es darum, den Ruf zu hören. Manchmal leise, manchmal als laute Wahrheit. Sie sind da. Sie sind nur dann da, wenn du sie da sein lässt.
Sei es die Vorfreude der Freude. Sei es die Vorangst der Angst.
Gefühle kommen und gehen – solange wir sie nach dem Kommen auch wieder gehen lassen. Solange wir in Bewegung bleiben. Solange wir ihnen ihre Begegnungen lassen.
Manchmal können wir nur so anderen begegnen. Dem Wir begegnen. Und wer weiß, manchmal können andere Menschen erst dann unseren wahrhaftigen Gefühlen begegnen, indem du DU bist, echt bleibst.
Denn nur durch wahrhaftige Begegnungen können wahrhaftige Beziehungen entstehen. Nur so kann Liebe entstehen. Nur so kann Bindung wachsen. Nur so können Freude, Vertrauen und ein authentischer Weg entstehen.
Denn nicht nur am Ende eines Jahres, sondern während unserer Lebenszeit geht es eben doch darum, ob wir unser authentisches Ich leben.
Auf ein schönes, authentisches Jahr. Auf gefühlvolle, aufrichtige Begegnungen – mit dem Wir und mit uns selbst.
Am Ende fängt alles wieder von vorn an. Hauptsache, wir bewegen uns. Und begegnen Uns.
