
Der Schlossplatz hat am Samstagabend, 23. Mai einen jener seltenen Momente erlebt, in denen eine Stadt kollektiv in ihre eigene Vergangenheit eintaucht: 6000 Menschen standen vor der Bühne beim „30 Jahre 0711 Family Jam“-Konzert, viele davon seit den frühen Tagen dabei, seit dem 0711 Club im Club Prag, seit Nächten zwischen Turntables, Graffiti, Mixtapes und diesem speziellen Stuttgarter HipHop-Sound, der bundesweit zur Referenz wurde.

Das Publikum wirkte fast wie eine geschlossene Generation. Viele Mitte 30 bis Mitte 50, Menschen, bei denen in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten einiges passiert ist. Familien gegründet, Kinder bekommen, Karrieren aufgebaut, eventuell sogar ein Haus, und sowieso immer das LEBEN organisiert.
Und trotzdem hatte dieser Abend eine Sogwirkung entwickelt, die stärker war als Alltag, Müdigkeit oder Wochenende auf der Couch. Für dieses Line-up wurden Babysitter organisiert, Kalender freigeräumt und alte Freundeskreise reaktiviert. Da wollte man dabei sein. Die Tickets waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft.

Massive Töne aka Schowi, Ju & DJ 5ter Ton führten als Hosts durch den Abend, feierten gleichzeitig das 30jährige Jubiläum ihres Masterpiece-Albums “Kopfnicker” und machten genau das, was nur wenige Crews mit dieser Geschichte und diesem Selbstverständnis hinbekommen. Sie holten die 0711-Architektur Stück für Stück auf die Bühne.
Immer neue Acts aus Stuttgart und ganz Deutschland kamen heraus, auch nicht angekündigte Artists, um ihre größten Tracks auszupacken, Hymnen einer Zeit, die für viele im Publikum nie ganz aufgehört hat. Durch den Schlossplatz strömten Euphorie, Melancholie und Eskalation und der sogenannte HipHop-Arm musste über zweieinhalb Stunden lang fast komplett durcharbeiten.

Auf der Bühne standen mit Afrob, Max Herre, Cora E., Meli von Skills en Masse, Stieber Twins, Toni L, Torch, Curse, Das Bo, Jan Delay (+Denyo) und Clueso (ft. Michi Beck von den Fantas) fast alle relevanten Namen einer Bewegung, die weit über Stuttgart hinausgewachsen ist, ein Abend voller gegenseitiger Referenzen, gemeinsamer Erinnerungen und spürbarer Verbindung zwischen Bühne und Publikum.
Viele Texte konnten noch immer Zeile für Zeile mitgerappt werden, obwohl zwischen damals und heute komplette Lebensabschnitte liegen. Diese Musik, der Stuttgarter HipHop, ist für viele Menschen fest mit ihrer eigenen Biografie verbunden.
Die Tracks von “Mutterstadt” bis “1st Liebe”, von “Cruisen” bis “Reimemonster” gingen damals HART auf gebrannten CDs im ersten Auto, nachts auf dem Heimweg aus dem Club Prag oder irgendwo zwischen WG-Küche, Skatepark und Stadtbahnfenster.
Stuttgart war PLÖTZLICH nicht mehr die sogenannte Provinz mit Kessellage, die STUTTGART sowieso noch NIE war, sondern ein kulturelles Kraftzentrum des deutschen HipHop und hatte von nun an eine Brand, die man stolz auch auf Shirts und Pullis trug: 0711.

Passend dazu geht jetzt auch der Podcast „Mutterstadt 0711 – HipHop-Hauptstadt Stuttgart?!?“ von SWR3 und ARD Sounds an den Start. In sechs Folgen wird die Geschichte dieser Szene neu aufgearbeitet, mit Stimmen von Massive Töne, Max Herre, Afrob, Samy Deluxe, Jan Delay, Marteria oder Kool Savas. Es geht um die Frage, warum ausgerechnet Stuttgart diese enorme Strahlkraft entwickelt hat und weshalb der 0711-Sound bis heute nachhallt.
Dazu kommt mit „0711 – HipHop made in Stuttgart“ auch noch eine Dokumentation in der ARD Mediathek, die die Geschichte der Szene und das Konzert auf dem Schlossplatz filmisch verdichtet.
Der Abend auf dem Schlossplatz hat jedenfalls gezeigt, dass dieser Sound nie komplett verschwunden ist – ganz im Gegenteil, der Stuttgarter HipHop ist MAXIMAL da, 0711 IST AM PLATZ und gehört zu dieser Stadt wie dieser eine berühmte Turm, die Markthalle oder die ganzen Museen mit den Autos drin. Der Sound hat nur gemeinsam mit seinem Publikum das Leben durchlaufen, gestern, heute – und auch in der Zukunft.

