
Zehn Jahre Schüttgut in Stuttgart-West erzählen auch eine Geschichte über die Widersprüche unserer Gegenwart. Während in Deutschland laut Umweltbundesamt der Verpackungsmüll zwischen 2016 und 2023 nur minimal von 18,16 auf 17,90 Millionen Tonnen gesunken ist, wurde aus der Euphorie rund um Unverpacktläden ein zäher Realitätstest.
Erst explodierte die Zahl der Läden von 20 auf 340 im Jahr 2022, inzwischen ist sie wieder auf unter 170 geschrumpft. Viele Projekte verschwanden so schnell, wie sie einst eröffnet wurden. In der Vogelsangstraße hält sich dagegen seit einem Jahrzehnt ein Laden, der nie als kurzlebiger Trend gedacht war.
Am 30. Mai 2016 eröffnete Jens-Peter Wedlich mit Schüttgut den ersten Unverpacktladen der Region Stuttgart und den damals 17. seiner Art in Deutschland. Heute wirkt das Konzept fast prophetisch, damals war es ein Experiment gegen die Logik des klassischen Supermarkts.

Wedlich formulierte seine Idee nie als moralische Daueransage, sondern als präzise kalkuliertes Modell zwischen Idealismus und Kaufmannsdenken. „Wir handeln fair, möglichst regional, biologisch und, wenn möglich, unverpackt“, bringt er die Grundidee auf den Punkt.
Dass Schüttgut bis heute funktioniert, liegt vermutlich genau daran. Der Laden wollte nie Aktivismus-Bühne sein, sondern Nahversorgung mit Sensorik und Atmosphäre verbinden.
Wer die Tür öffnet, landet nicht in einer sterilen Nachhaltigkeitskulisse, sondern in einem Ort voller Gerüche, Farben und Texturen. Frische Backwaren, Gewürze in Einmachgläsern, klickernde Kichererbsen beim Abfüllen, Erdbeeren direkt vom Hof aus der Region. Das Konzept lebt von einem Einkaufserlebnis, das in der durchoptimierten Handelswelt fast archaisch wirkt.
Vor allem das Frischeangebot wurde zum Gravitationszentrum des Ladens. Obst und Gemüse bilden den Umsatzträger, viele Produkte holt Wedlich direkt bei Erzeugern ab, oft wenige Stunden nach der Ernte. „Wir sind wie ein Hofladen in der Stadt“, sagt er. Dieser Satz erklärt vermutlich besser als jede Marktanalyse, weshalb Schüttgut die Krisenjahre der Branche überstanden hat.

Die Vogelsangstraße wurde über die Jahre zum passenden lokalen Resonanzraum. Menschen kommen zum Einkaufen, zum Auffüllen ihrer Vorräte, für ein kurzes SCHWÄTZLE vor dem Laden oder einfach wegen der vertrauten Stimmung.
Auch das Sortiment entwickelte sich weiter. Aus anfangs rund 300 Produkten wurden über 2.500 Artikel, von Trockenwaren bis zu Drogerieprodukten, Rasierseifen oder Bürsten. Trotzdem wirkt der Laden nie überladen, eher wie ein kuratiertes Habitat für Menschen, die ihren Konsum nicht komplett dem Algorithmus der großen Handelsketten überlassen wollen.
Dass Schüttgut heute noch existiert, während viele andere Unverpacktläden längst verschwunden sind, erzählt deshalb auch etwas über Stuttgart selbst. Über eine Stadt, in der gute Konzepte manchmal fernab der großen Hype-Zyklen bestehen bleiben, wenn sie Substanz, Beziehungen und eine gewisse Beharrlichkeit mitbringen.
In unserer aufgeheizten Ära wirkt ein Laden wie Schüttgut fast wie ein Gegenentwurf zur permanenten Beschleunigung, obwohl er gerade mal zehn Jahre jung ist. Kein futuristisches Greenwashing-Vehikel, sondern ein gewachsenes Netzwerk aus Produzenten, Stammkundschaft und echter Alltagsroutine.
Schüttgut® e. K.
nachhaltige & unverpackte Lebensmittel
Vogelsangstraße 51
70197 Stuttgart (West)
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Das zehnjährige Jubiläum wird am 29. und 30. Mai mit verschiedenen Aktionen gefeiert.

