-
23
Best of 2011: Blättle austragen
Am 28. Sep 2011, 09:30 Uhr von Kollege Geiger
Toter Briefkasten, laut Wikipedia „nur dem Absender und dem Empfänger als solcher bekannt und damit vor Entdeckung durch Nichteingeweihte geschützt.“
Quasi täglich komme ich an dieser Bank vorbei. Neulich saß dort ein entrückt-lächelnder junger Mensch mit viel Rasta-Gelöte auf dem Kopf und kiffte! „Hoffentlich fragt der mich jetzt nicht, ob ich mit ihm ein Erdloch rauche“ dachte ich und lächelte nicht-ganz-so-entrückt zurück.
Tage später dann dieses Bild: jemand hat die aktuellen Möbel Hofmeister Prospekte dort „eingeworfen.“ Jemand, der wahrscheinlich dafür bezahlt wird, Blättle auszutragen. Nicht abzulegen.
Weiß gar nicht, ob kiffen und bocklos austragen in einem kausalen Zusammenhang zueinander stehen. Und auch nicht, was all die Blättle-Zusteller im Interweb-Zeitalter so machen. Spam austragen?
Blättle austragen war schon früher eine Top-Einnahmequelle: viel an der frischen Luft. Meistens in der eigenen Hood. Kein Pendeln zwischen Arbeitsplatz und Wohnort. Und fast freie Zeiteinteilung. (mittwochs kommt der Stadtanzeiger, donnerstags s’Wochenblättle.)
Mein Blättle in jungen Jahren war in Urlaubsvertretung immer mal wieder die Sonntag aktuell. Das war gut. Weil mit 50 Mark pro Sonntag gut bezahlt. Und das war schlecht, weil sonntags. Und zwar sonntagfrüh. Bis um 8.30 Uhr musste die Märchensiedlung in Möhringen mit „der siebten Ausgabe ihrer Zeitung“ – so die Verlagswerbung – versorgt sein.
Die verschnürten Pakete mit der druckfrischen Zeitung musste ich morgens am toten Briefkasten Shell-Tankstelle holen und in die Riesen-Satteltaschen eines Herrenfahrrads packen (Rixe, später Herkules, dann sogar Motobécane).
Obenauf auf dem Packerl lag immer ein Nadeldruckerausdruck mit den Änderungen:
Haug, Aladinweg – 3 Wochen abbestellt,
Eisenmann, Rapunzelweg – Abo gekündigt,
Schäffler, Koboldweg – bekommen 2 Wochen lang ein Probeabo.
Nach der Liste ist man aber nie gegangen, sondern nur nach den kleinen Aufklebern auf dem Briefkasten. Kleiner gelber STZ oder kleiner blauer STN Klebepunkt hieß: Sonntag aktuell mit rein.
Mit diesem Austräger möchte man nicht tauschen: voll der Gewissenskonflikt, ob die Sonntag aktuell nun ne Wochenzeitung ist, oder nicht. Ärger vorpogrammiert.
Hatte selber mal vor ein paar Jahren ein 3-wöchiges Probeabo der Stuttgarter Zeitung. Und dafür einen gelben Bepper auf dem Briefkasten, an dem sich der Austrägerkollege wohl orientiert hat. Also hat er mir 18 Monate lang die Stuttgarter Zeitung umsonst eingeworfen. Bis es jemand gemerkt hat. Wollte dann aber net beim Verlag anrufen und mich beschweren, warum nach anderthalb Jahren mein Probeabo so abrupt endet.
Sonntag aktuell austragen hieß früher meistens direkt von der Disse auf’s Rad. Seinerzeit haben Menschen ja noch Zeitungen gelesen und Diskotheken irgendwann geschlossen. Heutzutage könnten junge Menschen diesen Job gut zwischen Climax und Toy einschieben:
„Ich werf n paar Pillen ein.“
„Und ich n paar Zeitungen.“
„Gut, wir sehen uns zum Mittagessen hier auf der Tanzfläche.“
Erschwerend zum frühen Aufstehen kamen im Wechsel Schnee und Eis und Regen und Kälte und Kater. Die Hauptausträger, die das Ganze Montag bis Samstag gemacht haben, hab ich nie beneidet.
Die SOA 2010. Dem RAM aus dem Briefkasten gefischt, heimlich das Sudoku gelöst und wieder eingeworfen.
Manche Menschen standen schon ab 6.30 Uhr am Gartentörle, um auf die Zeitung zu warten. Wahrscheinlich wegen Bekanntschaftsanzeigen und Hägar-Comic.
Highlight auf der Sonntag aktuell Austragetour durch die Märchensiedlung: Walter Kelsch, Sindbadweg, damals VfB Spieler. Ihm sonntags eine Zeitung einwerfen, in der er nachlesen konnte, dass er am Samstag gegen Fortuna Düsseldorf die Buden zum eins- und zwei-zu-null gemacht hatte, war noch besser als die 50 Mark.
Die Kehrseite des Jobs war, dass der Verlag bei Beschwerden unsere Telefonnummer zuhause weitergab. Hab mich manchmal nach dem Austragen sofort wieder ins Bett gelegt und wurde geweckt, weil Friedemanns im Rübezahlweg keine Zeitung hatten.
Könnte da am sonntagfrüh eigentlich mal vorbeifahren – und denen ein Päckchen Hofmeister-Prospekte in den Vorgarten werfen.
Nachtrag zum Austragen: gestern dann plötzlich dieses Bild auf meiner Bank. Jemand hat ne leere Palette 3-Ährenbrot da gelassen. Bestimmt der Kiffer. Hatte wohl die Munchies.
23 Kommentare » -
Die unfassbare Gefahr
Am 29. Jul 2010, 09:00 Uhr von martin
…ist Bär Läsker, denn er bringt uns Acts wie Ich & Ich und Milow nach Stuttgart. Fast dasselbe wie Gehirnwäsche also.
Spässle. Keine Frage, Scientology ist ein ordentlicher Kackbratzen-Verein und darf man garantiert nicht verharmlosen. Aber diese Wochenblatt-Headline ist definitiv auch ne ordentliche Kackbratzen-Überschrift. Entdecker Stacato wäre fast rückwärts wie vorwärts seinen Hausflur hochgeflogen.
Die Eierköppe haben es sich mitten in Bad Cannstatt bequem gemacht, was eine Bedrohung ersten Grades darstellt.
“Nun hats auch unser g’mütliches Dörfchen im ruhigen Kessel getroffen. Vorm eigenen Schräbergarten hausiert nun in einem neuen Domizil der böse Scientologe. Das idyllische Leben ist weg und wird ersetzt durch die Panik vor dem berühmt berüchtigten E-Meter. Es ist Zeit wieder Alufolie zu kaufen und sich lustige Hütchen draus zu basteln. Denn wir wissen: Alienstrahlen klauen unsere Gedanken
“, schrieb Stacato unsere FB-Wand.Aight! Fühlen uns auch unfassbar bedroht und müssen Alufolie kaufen gehen.
11 Kommentare » -
Westside
Am 1. Jun 2010, 11:30 Uhr von martin
Das Stuttgarter Wochenblatt deckt auf, was wir schon lange wussten. Westcoast-Rap kommt aus Stuttgart-West.
Man beachte auch die O.G.B. (Original-Gangster-Braut) oben links – Westside! Gut, geht eigentlich so:
Aber egal. Die Stuttgarter Westside hat große Künstler hervorgebracht, die in die Musikgeschichte eingingen. Wir haben für euch die Bekanntesten zusammengestellt.
1. Kool Moe Dee – Wild Wild West
1903 legte Kool Moe Dee (bürgerlich Klaus-Matthias Dieterle) mit der Hymne “Wild Wild West” den Grundstein für diese Musikrichtung, die die Welt erobern sollte. Klaus-Matthias Dieterle kam als Einzelkind auf die Welt und ist bei seiner drogensüchtigen Mutter im Vogelsang aufgewachsen, was ihn später beim täglichen Hustle prägen sollte.
Mit 3 dealte er bereits Panini-Bildern mit 4 Vuvuzela-Tröten. Mit 10 lernte er Gotthilf Fischer kennen, der ihm obigen Beat programmierte. Der Rest ist Geschichte. Weiterhin größter modischer Einfluss auf Max Herre. 2011 soll die Schwabstraße in Kool Moe Dee Road umbenannt werden.
2. Ronnie Hudson – Westcoast Popclock
Ronnie Hudson ist das schwarze Schaf der lokalen Musikszene. Ursprünglich am Hölderlinplatz aufgewachsen, verschlug es ihn später nach Bad Cannstatt, wo er seine Musikerkarriere als Ronnie Neckar begann und ein Stück vom Westside-Kuchen abhaben wollte. Das Projekt floppte und er flüchtete nach Mühlhausen.
“Westcoast Popclock” ist seine Hommage an seine Hölderlinplatz-Zeit. Später sagte Hudson in Interviews, den Umzug hat er emotional nie verkraftet. Hudson arbeitet heute wieder im Westen, im Kabasound neben dem Tengelmann, Ecke Schwab/Rotebühlstraße.
3. Westside Connection – Gangsta Nation
Nach seiner Ausbildung als KFZ-Mechaniker beim Bosch setzte Rapper Ice Cube alles auf eine Karte und eröffnete eine Eisdiele vor der Russischen Kirche (“Cuby Cream”).
Nach einem Drive-By-Shooting, bei dem seine Diele draufging, lernte er Mack 10 und WC kennen. Letzterer hatte eine Bontempi-Orgel und man entschied sich Rap zu machen. Nach ersten Auftritten im Möbelhaus Wössner landete man mit “Hoo Bangin”, “Bow Down” oder eben “Gangsta Nation” Welthits bis nach Feuerbach.
4. David Banner – Westside
David Banner (bürgerlich Paul Hartmut Würdig) ist die New School unter der Stuttgarter Westside-Szene. Als Achtjähriger 1986 aus dem Osten rüber gemacht und über die Zwischenstationen Tuttlingen und Markgröningen in Stuttgart-West gelandet.
Mit 15 die Schule geschmissen und versucht sich mit Liebesgedichten über Wasser zu halten, aber bei sämtlichen Oberstufen-Mädchen des Dillmann-Gymnasiums in der Silberburgstraße inklusive Kletterleiter eiskalt durchgefallen. Aufgrund dieser Vergangenheit keine richtige Lobby bei seinen hiesigen Gangster-Kollegen. Da half nur die Transformation zum bösen Buben. Auf “Westside” verarbeitet er sein Vergangenheit als erfolgloser Dichter.
David Banner lebt heute mit Lieselotte Müller in Oberboihingen. Die Banners haben kein iPad.
14 Kommentare »



















