Am 6. Mai 2010, 15:00 Uhr
von martin

“Wir sind vor allem Bürger, die sich durch Stuttgart 21 entmündigt fühlen, weil sie zu keinem Zeitpunkt ernsthaft mit einbezogen wurden. Wir sind davon überzeugt, dass das Herz Stuttgarts seine Menschen sind.”
Mit diesen Worten ging vor kurzem die Initiative Unsere Stadt online und ab Freitag, 7. Mai beginnt die lange geplante Aktionswoche, die in der Röhre, Wagenhallen und Rocker 33 stattfindet.
Thorsten Puttenat, in der Musikszene auch unter dem Namen Putte bekannt, erklärt uns was es mit Unsere Stadt und der Aktionswoche auf sich hat. Weitere Artikel findet man in der Stuttgarter Zeitung bzw. bei den Stuttgarter Nachrichten.
Was ist genau Unsere Stadt, wer verbirgt sich dahinter, wie kam es dazu?
Joachim, Oli und ich kennen sich gegenseitig bereits seit vielen Jahren. Und der Zufall wollte es, dass wir uns seit Dezember plötzlich jeden Montag auf den Demos trafen. Und wie das eben so ist, trinkt man danach ein Bier. Da kam uns die Idee, gemeinsam aktiv zu werden. Da kam dann der Steffen dazu.
Zu Anfang drehte sich alles um S21, aber schon bald merkten wir, dass der Kontext weit größer ist als der Plan einer Tieferlegung unseres Bahnhofes. Es geht um die Frage “Wem gehört die Stadt”, und was bedeutet “Stadt?”
Mehr oder weniger rhetorisch, aber wem gehört sie denn?
Die Stadt gehört dir und mir und allen anderen, die in ihr Leben. Wir arbeiten in ihr, besuchen uns liebgewonnene Orte, etc kurzum: Wir verbringen hier die meiste Zeit und wollen uns deshalb mit dieser Stadt identifizieren.
Was wollt ihr direkt bewegen/erreichen?
Es geht um Mitbestimmung, Partizipation. “Die Stadt” ist nicht die Stadtverwaltung im Rathaus, die Stadt sind wie gesagt wir alle. Hier gilt es, sich bewusst zu machen, dass ein Jeder von uns das Recht auf Mitgestaltung hat.
Dieses Recht aber kann nur dann verwirklicht werden, wenn man es sich im demokratischen Sinne, nimmt. Das wollen wir nun in Anspruch nehmen, zusammen mit mehr und mehr anderen. Ohne Steine zu werfen, sondern mit Herz, Ideen und Verstand.
Welchen Dialog sucht ihr? Geht ihr auch auf die Stadt zu?
Wir bewegen uns ja schon in der Hinsicht auf die Stadt zu, dass wir versuchen, etwas “anzuschieben”. Was die Stadtverwaltung anbelangt (auf die Du anspielst), sind wir innerhalb der Initiative zwiegespalten.
Ein Teil von uns sieht diesen Weg als sehr attraktiv, mit erhobenen Hauptes Parteien und Fraktionen des Gemeinderats für unsere Ideen zu gewinnen. Der andere Teil favorisiert die komplette Unabhängigkeit von der Politik. Ein schwieriges Thema, aber auch eines dem man sich durch Versuche nähern kann. Wir stehen ja schließlich erst am Anfang, das geht nicht hopplahop.
Read more »
"Wir sind vor allem Bürger, die sich durch Stuttgart 21 entmündigt fühlen, weil sie zu keinem Zeitpunkt ernsthaft mit einbezogen wurden. Wir sind davon überzeugt, dass das Herz Stuttgarts seine Menschen sind."
Mit diesen Worten ging vor kurzem die Initiative Unsere Stadt online und ab Freitag, 7. Mai beginnt die lange geplante Aktionswoche, die in der Röhre, Wagenhallen und Rocker 33 stattfindet.
Thorsten Puttenat, in der Musikszene auch unter dem Namen Putte bekannt, erklärt uns was es mit Unsere Stadt und der Aktionswoche auf sich hat. Weitere Artikel findet man in der Stuttgarter Zeitung bzw. bei den Stuttgarter Nachrichten.
Was ist genau Unsere Stadt, wer verbirgt sich dahinter, wie kam es dazu?
Joachim, Oli und ich kennen sich gegenseitig bereits seit vielen Jahren. Und der Zufall wollte es, dass wir uns seit Dezember plötzlich jeden Montag auf den Demos trafen. Und wie das eben so ist, trinkt man danach ein Bier. Da kam uns die Idee, gemeinsam aktiv zu werden. Da kam dann der Steffen dazu.
Zu Anfang drehte sich alles um S21, aber schon bald merkten wir, dass der Kontext weit größer ist als der Plan einer Tieferlegung unseres Bahnhofes. Es geht um die Frage "Wem gehört die Stadt", und was bedeutet "Stadt?"
Mehr oder weniger rhetorisch, aber wem gehört sie denn?
Die Stadt gehört dir und mir und allen anderen, die in ihr Leben. Wir arbeiten in ihr, besuchen uns liebgewonnene Orte, etc kurzum: Wir verbringen hier die meiste Zeit und wollen uns deshalb mit dieser Stadt identifizieren.
Was wollt ihr direkt bewegen/erreichen?
Es geht um Mitbestimmung, Partizipation. "Die Stadt" ist nicht die Stadtverwaltung im Rathaus, die Stadt sind wie gesagt wir alle. Hier gilt es, sich bewusst zu machen, dass ein Jeder von uns das Recht auf Mitgestaltung hat.
Dieses Recht aber kann nur dann verwirklicht werden, wenn man es sich im demokratischen Sinne, nimmt. Das wollen wir nun in Anspruch nehmen, zusammen mit mehr und mehr anderen. Ohne Steine zu werfen, sondern mit Herz, Ideen und Verstand.
Welchen Dialog sucht ihr? Geht ihr auch auf die Stadt zu?
Wir bewegen uns ja schon in der Hinsicht auf die Stadt zu, dass wir versuchen, etwas "anzuschieben". Was die Stadtverwaltung anbelangt (auf die Du anspielst), sind wir innerhalb der Initiative zwiegespalten.
Ein Teil von uns sieht diesen Weg als sehr attraktiv, mit erhobenen Hauptes Parteien und Fraktionen des Gemeinderats für unsere Ideen zu gewinnen. Der andere Teil favorisiert die komplette Unabhängigkeit von der Politik. Ein schwieriges Thema, aber auch eines dem man sich durch Versuche nähern kann. Wir stehen ja schließlich erst am Anfang, das geht nicht hopplahop.
Man sagt zwar besser spät als nie, aber warum rührt sich deiner Meinung nach erst jetzt dieser große, geballte Widerstand? Natürlich gab es schon längst eine Umfrage, wo 67.000 dagegen waren, aber gerade im letzten halben Jahr hat man das Gefühl, dass man sich mit dem Projekt noch kritischer auseinandersetzt als früher. Auch die Medien schlagen z.B. durchaus kritische Töne an, nachdem gerade die großen Tageszeitungen einem jahrelang das Gefühl vermittelten - so kam es mir zumindest vor - dass S21 total dufte ist.
Warum erst jetzt? Ein Grund liegt sicher darin, dass viele lange nicht daran geglaubt haben, dass dieses Projekt - allen Umfragewerten, einer möglichen Bürgerbefragung und ständigen Kostenexplosionen zum Trotz - tatsächlich mit allen Mitteln durchgepaukt werden soll.
Die Aussagen seitens mancher Politiker zur demokratischen Legitimation sind insofern entlarvend, als etwa der Abriss des Kölner Schauspielhauses genauso demokratisch legitimiert war, nun aber (wohl auch mit Blick auf die Landtagswahlen in NRW) gestoppt wurde.
Ein weiterer Grund ist, dass die Wahrheit über das krasse Missverhältnis von Kosten und Nutzen von S21 erst allmählich und scheibchenweise ans Licht kommt, und in welchem Kontrast es steht zum Ausgaben- und Reformstau in fast sämtlichen anderen kommunalen Bereichen, der im Zuge von Wirtschaftskrise und weiterer Belastungen der Kommunen durch den Bund offensichtlich wird.
Wieviele Schulen man alleine mit den 132 Mio. renovieren könnte, die die Verlegung der U-Bahn-Haltestelle Staatsgalerie den Steuerzahler kosten soll...
Auch insofern empfinden wir die Montagsdemos als etwas sehr Nützliches. Mündige Bürger aller alters- und Gesellschaftsschichten treffen sich am kommenden Montag zum bereits 26. Male und äußern Protest in einem sehr kreativem Maße und aus völlig unterschiedlichen Perspektiven. Für mich ist das gelebte Demokratie.
Und ja, die Presse verändert sich, wenn auch noch etwas zaghaft. Aber auch hier glaube ich an den größeren Kontext - es scheint aufzufallen, dass sich nicht mehr alle alles gefallen lassen. Das ist natürlich tolles Futter für die Medien und das bemerken wir auch mit der Initiative "Unsere Stadt". Wir wollen für etwas sein, nicht einfach nur dagegen.
Was passiert nun alles genau in der Aktionswoche, die am Freitag, 7. Mai beginnt?
Den Auftakt bildet die Veranstaltung am Freitag, 7. Mai in der Röhre mit zehn stadtbekannte DJs wie z.B. Daniel Schoengeist, Pascal Garuda, Axel Conradt, Marius Lehnert, Maks & NIL, Tease oder Redrum.
Für den 08. Mai vor und in den Wagenhallen konnten wir den großartigen Zirkus Tukovskaja der Waggon-Leute und Tanzgruppen gewinnen, dazu gibt's ein Experiment zum Thema Stadtutopien, bei dem sich jeder Besucher einbringen kann. Ab 18 Uhr spielen unzählige Bands Rework, Rocket Freudental, Putte&Edgar in einer für Stuttgart bislang einmaligen Konstellation und alle für umsonst.
Weitere Veranstalter haben sich der Aktionswoche angeschlossen, deren Abschluss der 16. im Rocker33 mit buntem Familienprogramm bildet. Die Idee hinter der Aktionswoche war, kreatives Potential aus diesen Bereichen zu bündeln, um zu zeigen, was in Stuttgart möglich wäre - und ist!
Mal angenommen, das „Feinbild“ S21 verschwindet eines Tages - wofür bzw. wo gegen würdet ihr als nächstes "kämpfen"?
Vielleicht geht es uns ganz allgemein darum, aufzuzeigen, welches Potential in unserer Stadt schlummert, und zwar in Form der Menschen, die hier leben.
Eine schöne Erfahrung im Lauf der Vorbereitungen zur Aktionswoche war die Reaktion von Freunden und Bekannten, als wir sie darauf ansprachen, ob sie nicht Lust hätten, etwas zu beizutragen - und zwar ohne Vorgaben von unserer Seite.
Es ist erstaunlich, welche Phantasie wir Menschen entwickeln können, wenn wir uns ermutigen und uns eine "Spielwiese" bieten. Und nebenbei sind wir dann offenbar auch eher bereit, Verantwortung zu übernehmen. Schluss mit diesem Abhängigkeitsverhältnis, bevor es uns alle zusammen vollends an die Wand fährt.
Es geht um Verantwortung, und interessanterweise macht das sogar Spaß. Das klingt idealistisch? Ja, das ist es auch, sehr gerne sogar. Es wird Zeit.
www.unsere-stadt.org