• 12

    Lokalpresse und Gebäck

    Ich war gestern bei der Social Media Night im Mercedes-Benz Museum. Das ist ungefähr so lustig wie ein Auftritt von Mario Barth, nur dass mehr Witze über Werber als über Frauen gemacht werden.

    Kurz vorneweg, wer nicht weiß was Social Media ist: Dabei handelt es sich um ein so genanntes Internet-Phänomen, das vorwiegend auf den Plattformen myspace, Kiezkollegen und Knuddels.de stattfindet.

    Ich war schon beim ersten, vom Stuttgarter Social Media Club (ja, das gibt es) veranstalteten Abend, über den Jana damals berichtet hat, hab dann zwei, drei ausgelassen und war gestern vor allem da, weil auch Kollege Geiger nebst Freundin und natürlich unsere Cannes-Reisegruppe am Start waren. Als ich ankomme sitzen Geiger und Frau schon in der dritten Reihe, und ich muss lange überlegen, ob ich mich daneben setze oder nicht doch einen Stehplatz nahe des Ausgangs wähle. Verstehen die beiden nicht – noch nicht.

    Links und rechts ist schon die Twitter-Wall aktiv, auf der alle Tweets projeziert werden, die zum Hashtag des Abends (#smcst) abgefeuert werden. Das war schon beim letzten Mal lustig und ist auch heute der amüsanteste Teil. Weil wozu soll so eine Twitter-Wall gut sein, wenn nicht zum Dissen des Refrenten, der sich nicht wehren kann, weil er ja davor steht und nicht sieht was über ihn gelästert wird?

    Der langweilige Teil des Publikums twittert allerdings so spannende Sachen wie Bin bei der Social Media Night #smcst, Komme gleich #smcst, Komme gleich, es regnet #smcst, Wurde beim Einchecken mit Namen begrüßt, yipiiiiieh #smcst, @knuddelbärchi heute müssen wir uns aber mal in RL kennenlernen, wink mal *grins* #smcst, interessanter Vortrag #smcst

    Beim Einchecken hat übrigens jeder zwei Oldschool-Bons bekommen (die Papier-Abreißdinger von der Rolle), einen für ein “Getränk” und einen für ein “Gebäck”. Es gibt aber nur Butterbrezeln, wir sind ja schließlich in Baden-Württembeg, und Geiger erntet mit seinem Tweet Brezel ist streng genommen kein Gebäck #smcst seinen ersten Lacher.

    Dann geht’s los. Der erste Vortragende vom Literatur-Café möchte etwas über WordPress erzählen und entschuldigt sich erst mal, dass er nichts über Kultur erzählen wird. Ist ihm glaube ich bisschen peinlich. Das Thema ist an sich interessant, und bei der Umfrage, wer denn WordPress benutzt, muss ich Geiger sagen, dass er strecken soll. Doch als der Redner behauptet, WordPress wäre als CMS für so gut wie jede Website geeignet und eine Grafik zeigt, die behauptet, WordPress würde bei 50% aller Websites weltweit als CMS eingesetzt, werde ich etwas stutzig.

    Ich bin aber höflich und bashe dezent an die Wall: #smcst WP für fast jede Website als CMS geeignet? Glaube ich nicht wirklich… Interessant wäre eine CMS-Statistik nur für Corporate Sites. Ein anderer Gast hat eine niedrigere Hemmschwelle: #smcst WordPress als CMS zu bezeichnen ist lachhaft. Es ist ne Blogsoftware. CMS ist was anderes. Sprecher isz plamlos :-( .

    Muss ich natürlich gleich retweeten, und nach dem Vortrag kommt der zweite Lästerer tatsächlich noch per Mikrofon zu Wort und zerreißt sachlich fundiert in zwei Sätzen die Aussage des Redners in der Luft. Ich breche spontan in Beifall aus. Als einziger. Alle sofort auf mich ungläubig gerichteten Blicke ignoriere ich mit einem bewusst wissenden Blick. Pah, die haben doch alle keine Ahnung.

    Dann wird’s endlich spannend, unsere fröhliche Reisegruppe aus Cannes ist vollständig angetreten und verspricht spannende Einblicke vom wichtigsten Werber-Stammtisch der Welt. Unser Freund Lukas-Pierre Bessis eröffnet die Runde und gibt gleich mal zu, dass es stimmt, dass sich die Jungs einfach ihren Trip nach Cannes vom Land Ba-Wü bezahlen lassen wollten. Aber das machten Industrieunternehmen schließlich auch. Und sie hätten ja gearbeitet vor Ort.

    Als Beweis stellt er drei “Cases” vor, also Social Media Kampagnen, die in Cannes ausgezeichnet wurden. Das macht er gut, er ist halt der geborene Entertainer, und ich weiß nicht, wieso ihn noch niemand als Nachfolger von Thomas Gottschalk bei “Wetten Dass…” vorgeschlagen hat. Allerdings findet man die drei Cases auch bei YouTube, was ich natürlich gleich twittern muss. Die Veranstalter reagieren verschnupft und twittern gleich zurück Wie fast alles, aber nicht so fundiert erklärt wie hier (sinngemäß – der Tweet ist irgendwie weg). Hätte nicht gedacht, dass der Abend soo gut wird.

    Dann kommt mein persönlicher Höhepunkt des Abends. Zwei andere Teilnehmer der Reisegruppe wollen beweisen, dass in Cannes wirklich gearbeitet wurde. Sie haben nämlich einen Blog aufgesetzt, eine Facebook-Seite und getwittert. Daraus haben sie zwei wichtige “Learnings” mitgenommen, wie sie selber sagen: Ein Blog braucht Leser. Und ein Blog bedeutet Arbeit. Beides hatten sie irgendwie unterschätzt. Hm, wie soll ich sagen… nee, ich sag’s nicht.

    Auf jeden Fall haben sie es hingekriegt und erzählen stolz, dass sogar die lokale Presse berichtet hat. Und zeigen einen Screenshot von meinem Bericht auf Kessel.TV! Yeah! Ich muss mich stark zurückhalten, nicht jubelnd vom Stuhl aufzuspringen (einmal den Affen machen pro Abend reicht), Geiger hat Tränen in den Augen und Lukas kommt extra hergelaufen, um mir auf die Schulter zu klopfen.

    Trotz aller Emotionen schaffe ich es noch zu twittern. #smcst @kesseltv yeah, wir waren auf der Leinwand und wurden “Lokale Presse” genannt #win Ram liest zu Hause mit, die gute Nachricht kann ich ihm nicht vorenthalten. Aber wie es so im Leben ist, die Neider lauern an jeder Ecke. Prompt kommt eine Twitter-Antwort: Lokale Presse? Turnschuh-Blog! #smcst #kesseltv. Pah!

    Dann zeigen noch Kameramann Pasel und ein Musiker weitere Cases, deren Zweck sich nicht immer gleich erschließt, und eine lustige Fragerunde beginnt. Und ein älterer Herr mit Glatze packt gleich die ganz große Keule aus, erklärt, dass er Werber nicht mag und dass Werbung ein schlechtes Produkt doch auch nicht besser mache.

    Wie gut, dass Lukas für diesen Zweck wie aus der Pistole geschossen eine Parade am Start hat: Als er seine Frau kennengelernt habe, habe er ihr ja auch nicht erzählt, dass er Blähungen hat. Geheiratet hat sie ihn trotzdem, und jetzt furzt er wie wild. Also sinngemäß. Alle Lacher natürlich auf seiner Seite, zu Recht. Die weiblichen Zuschauer überschlagen sich bei Twitter mit Lobhuldigungen für den gelungenen Vortrag von Herrn Bessis, nur Heiratsanträge sind keine dabei. Ich guck aber zur Sicherheit noch mal nach.

    Dann ist der Spuk vorbei, und Geiger und ich sind froh, weil wir haben noch unsere Gutscheine für Getränk und Gebäck, die wir beim anschließenden Get-Together-Networken oben an der Bar verprassen wollen. Dort muss ich natürlich gleich mal Lukas aufziehen und frage ihn, was der Trip denn nun gekostet hat. Er versteht den Witz nicht und erklärt mir dezidiert seine Reisekostenabrechnung.

    Der Rest des Abends ist dann aber noch wirklich nett, die Gesprächsthemen gehen von Butterbrezeln über Sascha Lobo bis brennenden Automuseen, und am Schluss, als wir uns alle weinend in den Armen liegen, bieten mir Pasel und Lukas tatsächlich an, mich nächstes Jahr der Cannes-Reisegruppe anzuschließen. Das wäre überaus praktisch, weil mit mir hätten sie schon einen DJ, einen Blog und Leser mit dabei. Ich überleg mir das wirklich, muss nur noch bei Ram Urlaub beantragen.

     
    12 Kommentare »
     
  • 5

    Tagesthemen

    Twitter-Themen des Tages waren der beschlossene Atomausstieg, gerüchteweise tritt Bahnchef Grube zurück und natürlich Googleplus. Beziehungsweise, die Maßeinheit des Tages war bzw. ist eine Googleplus-Einladung.

    (Comic von xkcd)

    Thorsten hatte natürlich eine, logisch als Sascha Lobo von Stuttgart wäre alles andere eine Enttäuschung, hier der Beweis, wurde uns zugespielt.

    Man sieht, die Leute lechzen um Einladungen. Okay, geb´s zu, hab ihn auch gefragt. Und klar gefällt das Tobi Tobsen. Schreit nach einem richtigen Eintrag. Macht er auch. Bestimmt. Und jetzt?

     
    5 Kommentare »
     
  • 5

    Share!

    YouTube Preview Image

    Gefunden von Tim.

     
    5 Kommentare »
     
  • 4

    Twitter-DB

    Glaub normalerweise muss man Texte über die Bahn total fies beginnen. Kann aber selbst nix fieses sagen, weil ich 2002 zum letzten Mal Fernzug gefahren bin. Von Ravensburg nach Stuttgart. Ne Quatsch, 2004, Stuttgart – Frankfurt – New York und genauso zurück. Da war alles gut.

    Aber komm, springen wir kurz auf den Heuwagen, Netzwerk-Thema des Tages: Die Bahn twittert, wie im Callcenter, mit achtköpfigen Team, siehe links, oder hier, bald Deutschlands berühmteste Twitterer, gleich nach Thorsten, Toni Disco, Boris Becker und Moritz Esyot.

    Von echten (?) Online-Experten (kein Plan ob die cool bzw. relevant sind, bin dem Technik-Netz-Blog-Ding nicht drin) wird der Bahn und den 140-Zeichen-Callgirls-&-Boys, rekrutiert aus dem internen Callcenter, jetzt schon gute Arbeit attestiert, siehe hier oder hier. Angeblich hat man sich letztes Jahr auf Facebook versucht und das ging schön nach hinten los – und voll an mir vorbei. Sag ja, 2004, Stuttgart – Frankfurt – New York.

    Heute schreibt de Blog Avatter, der am “Vorabend der Schlacht” von der Bahn eingeladen wurde:  ”Die Bahn hat erkannt, dass es kein Drehbuch für die Online-Kommunikation gibt, dass es innerhalb etablierter Prozesse einen gehörigen Spielraum für Improvisationen geben muss.”

    Basic Thinking erwähnt wiederum die so genannten Empathisanten, mein Wort des Tages, wenn nicht sogar des Jahres. “Wenn also eine böse Nachricht eingeht und ein Mitarbeiter nach sieben Stunden Arbeit etwa mit Sarkasmus reagieren will, soll ein Empathisant ihn stoppen und den Tweet objektiver formulieren.”

    Bislang ist das virtuelle Callcenter ganz kuschelig angelaufen. Es hagelt Lob und Blumensträuße. Gibt nur noch ein Manko: Der Twitter-Kanal der Bahn hat Öffnungszeiten. Von Montag bis Freitag, 6:00 bis 20:00 Uhr. Fragen zu S21 werden übrigens nicht beantwortet. Und ab Juli startet die Bahn den nächsten Versuch auf Facebook.

    Twitteraccount Deutsche Bahn

     
    4 Kommentare »
     
  • 11

    Capitol Gangbang

     

    Das Interweb, herrlicher Ausdruck übrigens, kann man manchmal noch weniger kontrollieren als das Grundwassermanagement. Ein #Stuttgart im Tweet genügt und da kann dann schon mal ein Gangbang-Angebot im Rathaus Newsroom Channel einlaufen. Gleich mal gecheckt:

    “Natürlich kommt sie wieder mit, die geile Teeny-Pornostute SarahAnn, bekannt u.a. von RTL-Extra – ein megageiles, spermasüchtiges Miststück.”

    Bei RTL, dem offiziellen Sender für spermasüchtige Teeny Pornostuten, fällt mir ein, dass Frau Chefin ein ganz interessantes Interview der Zeit gegeben hat. Jugendschutz ist übrigens längst eingerichtet. Jetzt schon ein Hoch die Google-Suchanfragen.

     
    11 Kommentare »
     
  • 3

    Wngr st mhr

    Ich will nix hören, an der Überschrift hab ich 3 Stunden lang gearbeitet. Weniger ist mehr, in der Kürze liegt die Würze, klein und fein, kurz und gut. Aber Minimal ist auch keine Lösung. Legendärer Sticker aus Stuttgart. Schon viral als Mark Zuckerberg noch ein Fuzzi war.

    ————————–

    Aber worum geht es? Um TinyTales. Ein User bei Twitter, der so neu ist, dass er schon einen Online-Grimme-Award gewonnen und 14.710 Follower hat. Also steinalt. Aber scheißegal, denn ich bin ganz hin und weg vor Begeisterung, und mein großes Werber-Vorbild Kollege Geiger wird leider (sorry) von einem anderen Werber abgelöst.

    Florian Meimberg ist Werber, und er schreibt Romane. Auf Twitter. In maximal 140 Zeichen. Ja, das funktioniert. Das ist nicht oft lustig, aber immer verdammt gut. Und zwar so:

    „Lebenslänglich!“ echote die Stimme des Richters. Ryan keuchte. Er blickte neben sich. Sein siamesischer Zwilling starrte ins Leere.

    ——-

    Die Menge im Convention Center schwieg, als Dr. Edwards ans Mikro trat. Der größte Kritiker der Kybernetik. Und der einzige Mensch im Saal.

    ——-

    Der König von Troja musterte das riesige Holzpferd. „Mehr hast Du nicht drauf, Agamemnon?“ Lächelnd drehte er sich um. „Anzünden!“

    Mehr, und zwar ne ganze Menge mehr, gibt’s hier:

    TinyTales.

    ————————–

    Auch minimalistisch, und auch ein cooler Scheiß ist folgende Website: Scheiße was koche ich heute. Und das ist nicht mehr und nicht weniger als die Antwort auf genau diese Frage. Ist bestechend einfach, gibt es auch für Vegetarier und sollte am besten mal in echt ausprobiert werden:

    Scheiße was koche ich heute

     
    3 Kommentare »
     
  • 9

    Web-Geschichten

    Gestern gingen bei Twitter (wo sonst) zwei schöne Geschichten rum. Die eine hat ein Happy End, die andere entwickelt sich gerade zu einem feinen aber verdienten Shitstorm. Aber der Reihe nach.

    Bild: gutjahr.biz

    Diese zwei sympathischen jungen Herren – Marco Bereth aus Schwäbisch Hall und Michael Umlandt aus Heilbronn- haben vor einiger Zeit festgestellt, dass das ZDF nicht twittert. Also haben sie begonnen, unter ZDFonline und in astreinem ZDF-Layout zu twittern.

    Das ist an sich nichts besonderes, “Twitter-Hijacking” kommt öfters vor und ist wohl auch nicht zu verhindern. Nur hat man das beim ZDF nicht gemerkt bzw. dachten die Kollegen wohl, das wird schon aus ner anderen Abteilung kommen. Noch absurder wurde die Geschichte allerdings, als die beiden einen anderen ZDF-Hijacker dazu aufforderten, den Account ZDFneo an sie abzugeben – was funktioniert hat.

    Also haben sie dann unter zwei Accounts drauf los getwittert, und zwar ziemlich erfolgreich. Irgendwann wurde es ihnen dann doch zu heiß, und sie haben sich quasi beim ZDF gemeldet und gebeichtet. Die Folge: Sie wurden auf den berühmten Lerchenberg eingeladen, und zwar nicht, um in Handschellen abgeführt zu werden – nein, sie bekamen vom ZDF einen Job und dürfen zukünftig offiziell fürs ZDF twittern. Bäm!

    Die Story ist wahr und wurde in aller Ausführlichkeit gestern vom Gutjahr-Blog erzählt, hier noch ein Interview mit den Gaunern:

    YouTube Preview Image

    In der zweiten Geschichte geht es um die EnBW, das Ei, das unser Mappus seinem Nachfolger noch kurz vor dem Abtritt ins Nest gelegt hat. Die EnBW hat zusammen mit dem “Ministerium für Kultus, Jugend und Sport” und der “Stiftung Kulturelle Jugendarbeit” den Wettbewerb “Energie-Reporter im Einsatz” ins Leben gerufen.

    Schüler von 7.-9. Klassen sollten zusammen mit ihrem Lehrer einen lustigen Film zum Thema Energie drehen. In den Briefing-Unterlagen geht es viel um die EnBW und grünen bzw. Öko-Strom. Dass fast die Hälfte der EnBW-Energie aus Atomkraft kommt, davon stand allerdings nix drin.

    So blöd sind Schüler allerdings nicht, und die Klasse 9A der Neumatt-Schule aus Lörrach hat kurzerhand ein überaus kritisches Video zu dem Thema gedreht, Tenor: “Ich glaube die wollen sich nur bei uns einschleimen”.

    YouTube Preview Image

    Jemand hat das Video dann entdeckt, darüber getwittert, und andere Twitterer haben entsprechend reagiert. Und dann hat auch die EnBW auf Twitter reagiert: “Das Thema erfordert einen differenzierten Dialog und mehr als sich nur oberflächlich damit zu beschäftigen.”

    So, und damit ging der Shitstorm dann los, der wahrscheinlich bis heute andauern wird – die etwas ausführlichere Geschichte hier. Ein Unternehmen mit zweifelhafter Lobby ruft einen zweifelhaften Wettbewerb mit zweifelhafter Unterstützung von einem Ministerium aus und reagiert auf Kritik schmallippig? Fail!

     
    9 Kommentare »