Am 10. Nov 2009, 08:58 Uhr
von martin

Meine Eltern haben mich nicht aufgeklärt. Zumindest nicht darüber wie die Babys in den Bauch von der Mama kommen und so. Das hat der Biologie-Unterricht in der 6. Klasse übernommen.
Doch: Mein Vater hat es tatsächlich zuvor mit der Bienchen-Nummer versucht. Da war ich noch sehr jung. Ich meine, ich war noch unter 10. Eltern sehen sich da glaube ich in einer gewissen Pflicht.
Ich weiß zwar nicht genau was mir mein Vater in dem Moment erklären wollte, ich weiß nur noch, dass sein Vortrag sehr wirr war und er ihn auch ohne zwingendes Ergebnis voreilig abgebrochen hat. Ich habe mir erst einmal nichts weiter gedacht. Mir ist das erst Jahre später wieder eingefallen.
Ich weiß nicht, wie Kinder heutzutage aufgeklärt werden. Ob sie mit Acht einfach schon bumsen oder sich mit Sechs einen Porno in den DVD-Player schieben oder ihn einfach kurz aus dem Internet saugen.
In den 80ern war Kind sein glaube ich einfacher. Entweder drin Lego spielen oder raus Skateboard fahren oder kicken.
Aus dieser Zeit weiß ich nicht mehr allzu viel. Ich weiß nur noch, dass ich doch von meiner Mutter aufgeklärt worden bin. Hinsichtlich einer ganz anderen Beziehung.
Ich hatte die Angewohnheit, mich nach dem Mittagessen auf die Essbank zu legen und am Ende die Beine runterbaumeln zu lassen. So konnte ich meiner Mutter ewig lang zuhören. Wie an diesem einem Nachmittag, vor weit über 20 Jahren.
Sie erklärte mir, warum auch immer, was ich davor so genau nicht wusste. Dass Deutschland ein geteiltes Land ist. Dass es noch ein anderes Deutschland gibt. Dass die Menschen im anderen Deutschland nicht einfach dahin reisen können, wo sie hinreisen wollen. Dass die Menschen im anderen Deutschland überwacht werden.
Dass die Supermärkte im anderen Deutschland immer leer wären. Dass man 20 Jahre lang auf ein Auto warten muss. Dass es prinzipiell an allem mangelt (sie erwähnte sicherlich auch die gute alte Banane, aber ich weiß es nicht mehr genau). Sprich im anderen Deutschland herrscht schlicht und einfach das Böse. Hält Menschen gefangen, ein paar 100 Kilometer entfernt von unserer heimeligen Westküche.
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Meine Eltern haben mich nicht aufgeklärt. Zumindest nicht darüber wie die Babys in den Bauch von der Mama kommen und so. Das hat der Biologie-Unterricht in der 6. Klasse übernommen.
Doch: Mein Vater hat es tatsächlich zuvor mit der Bienchen-Nummer versucht. Da war ich noch sehr jung. Ich meine, ich war noch unter 10. Eltern sehen sich da glaube ich in einer gewissen Pflicht.
Ich weiß zwar nicht genau was mir mein Vater in dem Moment erklären wollte, ich weiß nur noch, dass sein Vortrag sehr wirr war und er ihn auch ohne zwingendes Ergebnis voreilig abgebrochen hat. Ich habe mir erst einmal nichts weiter gedacht. Mir ist das erst Jahre später wieder eingefallen.
Ich weiß nicht, wie Kinder heutzutage aufgeklärt werden. Ob sie mit Acht einfach schon bumsen oder sich mit Sechs einen Porno in den DVD-Player schieben oder ihn einfach kurz aus dem Internet saugen.
In den 80ern war Kind sein glaube ich einfacher. Entweder drin Lego spielen oder raus Skateboard fahren oder kicken.
Aus dieser Zeit weiß ich nicht mehr allzu viel. Ich weiß nur noch, dass ich doch von meiner Mutter aufgeklärt worden bin. Hinsichtlich einer ganz anderen Beziehung.
Ich hatte die Angewohnheit, mich nach dem Mittagessen auf die Essbank zu legen und am Ende die Beine runterbaumeln zu lassen. So konnte ich meiner Mutter ewig lang zuhören. Wie an diesem einem Nachmittag, vor weit über 20 Jahren.
Sie erklärte mir, warum auch immer, was ich davor so genau nicht wusste. Dass Deutschland ein geteiltes Land ist. Dass es noch ein anderes Deutschland gibt. Dass die Menschen im anderen Deutschland nicht einfach dahin reisen können, wo sie hinreisen wollen. Dass die Menschen im anderen Deutschland überwacht werden.
Dass die Supermärkte im anderen Deutschland immer leer wären. Dass man 20 Jahre lang auf ein Auto warten muss. Dass es prinzipiell an allem mangelt (sie erwähnte sicherlich auch die gute alte Banane, aber ich weiß es nicht mehr genau). Sprich im anderen Deutschland herrscht schlicht und einfach das Böse. Hält Menschen gefangen, ein paar 100 Kilometer entfernt von unserer heimeligen Westküche.
Ich hörte stark interessiert zu, wie ich glaube ich noch nie zuvor meiner Mutter zugehört hatte. Man hat sich vielleicht schon mal wage gefragt, z.B. bei der Vierschanzentournee, warum es eigentlich eine Bundesrepublik Deutschland und eine Deutsche Demokratische Republik gibt, aber diese vermeintliche Wahrheit hat mich sprachlos gemacht.
Ich weiß nicht, wie es drüben wirklich war. Ob das Bild, dass ich Westkind von meiner Westmutter vermittelt bekam, akkurat gezeichnet war. Sprich, ob die Menschen wirklich unglücklich waren. Unzufrieden mit der Situation sicherlich, sonst wäre es wohl nicht so gekommen wie es gekommen ist. Aber das war meine Aufklärung über ein geteiltes Deutschland. Ein denkwürdiges Gespräch für die Ewigkeit.
Auch wenn dich das als kleiner Junge zunächst schockiert, kannst du die Lage natürlich überhaupt gar nicht einschätzen. Du weißt zwar, in dem Land in dem du lebst läuft irgendwie etwas falsch, aber du spielst trotzdem weiter glücklich Lego oder fährst Skateboard.
Wie sehr aber dieser Zustand die West-Erwachsenen bedrückte, realisierte ich endgültig am Morgen des 10. November 1989, also heute vor genau 20 Jahren, in einer Reaktion der völligen Glückseligkeit. Meine Mutter stürmte in mein Zimmer, rüttelte mich unsanft wach, rief laut, voller Euphorie und mit leuchtenden Augen: „Martin! Die Mauer ist gefallen! Die Menschen sind frei!“ So glücklich habe ich meine Mutter bis dahin noch nie erlebt.
Die finale Revolution habe ich schön verschlafen. Als 12jähriger ging man schätzungsweise spätestens gegen 22:00 Uhr ins Bett, Tagesschau habe ich wahrscheinlich auch keine gesehen, die Geschichtsbücher dokumentieren eine verworrene Nachrichtenlage am Abend des 9. November. „Geflutet“ wurde gegen 23:30 Uhr, wie ich erst letzte Woche nochmals im Spiegel gelesen habe.
Schon am gleichen Tag, auch daran erinnere ich mich noch, warnte mein damaliger Klassenlehrer, ein ehemaliger Landtagsabgeordneter der Grünen, vor dem neuen Deutschland, dass da nun vielleicht entsteht. Denn immer wenn Deutschland flächenmässig gross war, argumentierte er anhand der Geschichte, flippen die Deutschen gerne mal aus.
Ein unendlich glückliche Westmutti und linke Ansichten an einem Tag, das war fast schon zu viel des Guten. Aber wenn eines Tages mein Leben wirklich nochmals innerhalb zwei Sekunden Sekunden ablaufen sollte, kurz davor, dann werde ich meine Mutter noch einmal rufen hören. Dass die Menschen frei sind.