• 21

    Joe Bauer: Im wahren Theater der Altstadt

    Schon viele Jahrzehnte bevor die Geißstraße und der Hans im Glück Brunnen zu einem Zentrum des Hedonismus mutierten, war am Eingang des Viertels (neben dem heutigen Kottan) das Café Weiß eine absolute wie kunterbunte Instanz im Stuttgarter Nachtleben; einst ein Treffpunkt der “Halbwelt und Halbhöhe”, später ein generationsübergreifender Spot, mitunter “reichlich Greenhorns vom Schulhof” zu Gast, wie Joe Bauer meint.

    Der wiederum erinnert sich in folgendem Text, den er bereits auf seiner Homepage veröffentlicht hat und uns dankenderweise überlässt, an Chef Heinz Weiß, der Montagnacht nach langer Krankheit mit 74 Jahren gestorben ist.

    Das 20. Jahrhundert ging dem Ende zu, als Heinz Weiß sich wieder mal Zeit nahm, um einige Zeilen Stuttgarter Geschichte zu diktieren. Der Chef war gut in Form. Er zeigte mit dem Finger auf die Delle in der Wand: Die Spuren hatte eine Revolverkugel hinterlassen. Es ging keinen mehr etwas an, wem der Schuss gegolten hatte.

    Der Rauch der wilden Jahre hatte sich längst verzogen. Ende der Neunziger, als das Café Weiß wieder so angesagt war wie in den besten Tagen des Rotlichtmilieus, trugen die Herren der Altstadt keine Kanonen mehr. „Das Weiß“ war inzwischen die bunteste Nachtstation der Stadt.

    Ranko, der Kellner, brachte eine Schale Pistazien an den Tisch, und er sagte, was er immer sagte, wenn es nichts zu sagen gab: „Woisch, wie i moin!“ Heinz, der Chef, nippte an seiner Schorle. Über uns hingen die Kronleuchter, hinter uns ein sattes Stück Paris, und aus der Musikbox, Marke Wizard, dröhnte die Stimme von Edith Piaf. Es gibt Dinge, die ändern sich nicht.

    Stuttgart, Geißstraße 16. Das Herz der alten Stadt; nebenan der Hans-im-Glück-Brunnen, das heutige Zentrum der Partygänger. Heinz Weiß hat in seiner Bar fast ein halbes Jahrhundert lang die Zeit angehalten. Kellner Ranko – und lange die Köchin Maria – haben ihm geholfen.

    Das Lokal sieht heute noch aus, wie es 1963 bei der Eröffnung ausgesehen hat. Plüsch, Pomp. Zeichen des Lebens sind hinzugekommen. Man stellte sich immer vor, dass gleich einer im Transen-Fummel die Klotreppe hochkommt und wie im Film sein Lied singt: „ . . . blonder Trompeter, blas mir den Blues . . .“

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    Bauer sucht Frau

    Mit dem Stuttgarter Nachrichten-Kolumnisten Joe Bauer verbindet uns ja inzwischen so eine Art Freundschaft – Stadtlichter unter sich. Eigentlich seit ich von ihm zu einer entzückenden Lesung in die Uhu-Bar eingeladen wurde, und spätestens seit er unsere 2-Jahres-Lesung in der Suite mit seiner Anwesenheit und gar einem Nachbericht in seiner Kolumne ehrte.

    Jetzt kam wieder eine Einladung, und zwar zu seinem bisher größten “Flaneur-Salon”. Darunter muss oder kann man sich ein überaus buntes musikalisches Showprogramm, unterbrochen von Lesestücken des Gastgebers, vorstellen. Austragungsort war diesmal das Theaterhaus.

    Also habe ich mir den neuen Kessel.TV-Kulturbeauftragten alx geschnappt und bin am Sonntag ins Theaterhaus gefahren. Was soll ich sagen – wir haben den Altersdurchschnitt um mindestens 30 Jahre gesenkt. Und wir sind beide ja auch nicht mehr die jüngsten, gell.

    Dann ging’s auch schon los, und als einer der angekündigten Gäste und Conferencier eröffnete der gute Michael Gaedt den Abend. Ich will jetzt ja niemandem zu nahe treten, und ich entschuldige mich schon vorab, falls ich falsch liege – aber Herr Gaedt hatte definitiv schon den ein oder anderen Warm-Up-Schnapps getrunken. Er fand sich auf jeden Fall sehr lustig, wenn er auch mit seiner Meinung relativ allein im Saal war.

    Nur eine blonde Dame in sehr apartem großkariertem Ensemble zwei Reihen vor uns gluckste bei jedem zweiten Wort. Eigentlich gluckste sie bei jedem zweiten Wort, egal wer gerade auf der Bühne stand und was dieser sagte. Sie hatte einen Heidenspaß – ich glaube es gibt in jedem Publikum immer mindestens eine Person, die mehr lacht als alle anderen zusammen – und nach der Pause wurde sie sogar noch euphorischer.

    Doch eins nach dem anderen. Das musikalische Opening übernahm Eric Gauthier, von dem ich bis dato nur wusste, dass er Tänzer ist und wohl auch Musik macht. Die bot er zusammen mit einem Gitarristen dar, und, naja, mir und ich glaube auch Alex war das bissle zu… Oldschool? So Klampfen-Musik halt, das war ja noch nie meins.

    Dann kam Herr Bauer himself, ohne Show, setzte sich an sein Tischle (ohne grüne Lampe), las die Begrüßung vom Blatt ab und stieg gleich deftig ein mit einem gelungenen Text zum Thema Stuttgart 21. War eigentlich zu erwarten, war aber zum Glück im späteren Verlauf des Abends (fast) kein Thema mehr.

    Dann kam wieder Herr Gauthier, der mit seiner mit schwer kanadischem Akzent vorgetragenen Huldigung schwäbischen Essens doch noch dick punkten konnte und sogar richtig witzig war. Dann wieder Bauer, zack, Programmpunkt auf Programmpunkt, da wurden keine Gefangenen gemacht.

    Insgesamt ist mir aufgefallen, dass die Texte von Joe insgesamt etwas lustiger waren als die bei der Lesung in der Uhu Bar – man muss sich ja auch dem großen Saal anpassen. Mir hatte zwar das Ambiente im Uhu um Längen besser gefallen und ich fand die Location auch passender, aber mit tiefer Stimme bei spärlicher Beleuchtung schaffte Joe sogar im geschätzt 500 Leute fassenden Saal so etwas wie Intimität.

    Dann kam irgendwann Dacia Bridges, die schon im Uhu begleitet hatte, samt Gitarrist auf die Bühne, was mir musikalisch schon mehr taugte. Sie ist übrigens mit für den Hit “I Begin To Wonder” erst für J.C.A. und später für Danii Minogue verantwortlich.

    Und dann saß da plötzlich ein auffällig unauffälliger Mann am Flügel und spielte mal kurz innerhalb von 10 Minuten den kompletten Saal an die Wand. Hammer Skills, wie man bei uns sagt, und man hätte während seines Vortrags eine Stecknadel fallen gehört.

    Das war dann die Überleitung zu einem weiteren Stargast des Abends, Sterenekoch, Musiker und Hobbyschriftsteller Vincent Klink. Der wiederum konnte sich einen Kommentar zu S21 auch nicht verkneifen, las einen zugegeben überaus amüsanten Text aus seinem Buch vor und spielte dann auf seinem Bassflügelhorn.

    Wiederum möchte ich mich vorab entschuldigen (mach ich schon mal bei Leuten, die ich respektiere), aber ich hoffe und gehe davon aus, dass Herr Klink um einiges besser kocht als er Flügelhorn spielt. Klar, er hat alle Töne getroffen, aber so mit Ansatz und Dynamik hat er’s nicht so. Ich kann das beurteilen, ich hab auch mal ein Blechblasinstrument gelernt.

    Dann wieder die anderen Musiker am Start und immer wieder Texte von Joe Bauer, bei denen ich mir tatsächlich den Bauch halten musste vor lachen, Highlight sicher die Episode mit dem GEZ-Mann, der auch den Witz mit “Bauer sucht Frau” enthielt.

    Und irgendwie war dann plötzlich 23 Uhr, satte 3 1/2 Stunden dickes Programm und zur Zugabe kamen noch mal alle Protagonisten gemeinsam auf die Bühne um zu “jammen”, wie man das wohl nennt, und jeder machte das, was er am besten kann: Der Pianist klimperte, die Gitarristen tauschten Gitarren, Dacia sang, Klink blies tapfer ins Horn, Gaedt zog sich bis auf die Unterhose aus, Gaultier machte einen Spagat und Joe Bauer stand dazu cool in der Ecke.

    Fantastischer Abend auf jeden Fall, und eigentlich bleibt Joe Bauer nur zu wünschen, dass sich noch mehr junge Leute, also solche unter 60, zu seiner nächsten Veranstaltung verirren. Ich hoffe hiermit dazu beigetragen zu haben.

     
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  • 113

    Zum gestrigen Tag:
    Joe Bauer und anderes

    (DPA Bild)

    Gestern war kein guter Tag für Stuttgart. Diesen Grundtenor kann man größtenteils auch aus den Kommentaren auf diesem Blog rauslesen. Gibt natürlich Leute, die sehen das – um es mal harmlos auszudrücken – sehr pragmatisch: Wer austeilt, muss auch einstecken.

    Die gefühlte Mehrheit sprach von einem übermässig harten Einsteigen der Polizei. Unser Außenreporter hat ebenfalls die volle Breitseite abgekommen und berichtete von einem völlig überzogenen Einsatz.

    Wenn ich z.B. den Ba-Wü Innenminister im Heute Journal im Interview höre, könnte ich Strahle kotzen. Anti-Konflikt-Team? Wenigstens hat das Innenministerium die Meldung zurückgezogen, dass Demonstranten Steine auf Polizisten geworfen hätten.

    In der Nacht wurden jedenfalls die ersten Bäume noch gefällt, es blieb laut verschiedenen Berichten friedlich. Über Hundert Verletzte reichen dann irgendwann mal.

    Alles in allem ist gestern viel berichtet und geschrieben worden. Auch Joe Bauer war im Park und hat seine Gedanken auf seinem Blog veröffentlicht. Hat mir gut gefallen, deswegen hier nochmals zum nachlesen.

    Donnerstag, 30. September 2010, 587. Depesche

    NOTIZEN AUS DEM PARK

    Nachtrag, Freitagmorgen: Politik räumt ein, dass die Behauptung, Demonstranten hätten Pflastersteine geworfen, nicht stimmt. “Wir wurden falsch informiert”. Das heißt: Sie verbreiten Lügen!

    DIE ESKALATION

    Donnerstag, am Abend. Zeit, ein paar Zeilen zu schreiben. War einige Stunden im Schlossgarten. Als Tourist, habe noch Urlaub. Normalerweise gehöre ich zu denen, die Polizisten gegen Pauschalurteile verteidigen. Sehe Cops so wenig als Klischeefiguren wie Mitglieder anderer Gruppierungen.

    Es gibt „den“ Bullen so wenig wie „den“ Fußballfan, „den“ Opernliebhaber, „den“ Demonstranten. Die Polizei verhielt sich im S-21-Konflikt lange fair – heute war das anders. Es waren extrem viele Polizisten im Einsatz, man hatte sie aus allen Himmelsrichtungen rekrutiert.

    Ich sah hässlich Bilder: Polizisten, die lachten, nachdem man Demonstranten mit dem Wasserwerfer abgeschossen hatte. Polizisten, die Pfefferspray aus kurzer Distanz Menschen ins Gesicht sprühten. Das Lazarett, das man eingerichtet hatte, sah nicht gut aus. Blutende Augen.

    Übel am Morgen der Einsatz, als sich demonstrierende Schüler im Park aufhielten. Das war brutal. Die Jugendlichen (auch Kinder), neu im Protestmetier und deshalb neugierig, erhielten Lektionen in Staatskunde: volle Breitseite aus dem Arsenal der Polizei.

    Offenbar, das habe ich aus guter Quelle, hatte die Polizei ursprünglich vor, den Park erst in den Abendstunden abzusperren. Als aber überall ihre Fahrzeuge gesichtet wurden und S-21-Gegner schon am Morgen im Netz Alarm auslösten, schlugen die Cops am Vormittag zu. Sie wussten, dass sich Schüler auf dem Gelände befanden – die Demonstration war angemeldet. „Dumm gelaufen“, sagte ein maßgeblicher Einsatzstratege der Polizei.

    Der Vorwurf, Eltern bzw. Lehrer hätten die Schüler „instrumentalisiert“ und „missbraucht“, ist Politiker-Propaganda. Infam. Die Regierungspolitiker des Landes (und der Stadt) beweisen erneut, dass sie jeglichen Realitätsbezug verloren haben. Sie wissen nicht, was in der Stadt läuft.

    Dafür habe ich gute Beispiele. Bürgermeister, die nie in eine Straßenbahn steigen. Die die Leute nicht kennen. Die die emotionale Verbundenheit mit dem Bahnhof so wenig begreifen wie die Liebe zum Park und seinen Bäumen. Die von Arroganz leben.

    Behauptungen, die Demonstranten hätten die Polizei mit Pflastersteinen attackiert, kann ich nicht beurteilen. Wo soll es im Park Pflastersteine geben? Ich habe keine Angriffe gesehen – wobei ich private Beobachtungen, auch meine eigenen, mit Vorsicht genieße. Schließlich war ich pitschnass.

    Was sicher ist: Es wurden Demonstranten attackiert, die sich friedlich verhielten und keine Chance hatten, in Deckung zu gehen. Staatsgewalt gegen Bürger, das ist die Situation.

    Ich halte nichts davon, wenn durchgeknallte Protest-Damen ins Mikrofon brüllen, man sehe im Schlossgarten Bilder “wie in Argentinien” oder “Chile”. Das ist dumm und hysterisch. Es ist aber auch widerlich, wie sich Rech und Mappus äußern. Sie haben keinen Kontakt zum Volk, leben in der Quarantäne der Macht. Ignoranten. Sie sind verantwortlich. Die Polizei ist nur ein Instrument.

    Es ist jetzt 20.45 Uhr. Erhalte gerade eine SMS: “Vor dem Rathaus stehen die Pro-Leute. Ungefähr 500. Rathaus ist ohne Polizei. Gespenstisch.”

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    Dann noch zur Vollständigkeit zwei weitere Polizeimeldungen.

    Stuttgart 21 – Zumeldung zur angeblichen Zahl der Verletzten bei Polizeieinsatz

    Stuttgart: Entgegen der derzeitigen Meldungen in den Medien von mehr als 300 verletzten Personen gibt die Polizei Stuttgart bekannt:

    Nach Auskunft der integrierten Leitstelle Stuttgart sind mit Stand 20.00 Uhr insgesamt 116 Verletzte bekannt geworden.

    106 Personen wurden ambulant versorgt. Die meisten Verletzungen entstanden infolge des Einsatzes von Pfefferspray. Unter den Verletzten waren auch sechs Minderjährige, vier 16-Jährige, ein 14-Jähriger und ein Zwölfjähriger. Zehn weitere Menschen wurden zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht.

    Die nächst macht etwas stutzig und weiß nicht genau wie man die interpretieren soll:

    Stuttgart 21 – Zumeldung zur Schülerdemonstration

    Stuttgart: Entgegen der derzeitigen Meldungen in den Medien teilt die Polizei Stuttgart mit:

    Die für 10.00 Uhr angemeldete Schülerdemonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 mit Aufzug wurde von der Versammlungsleiterin mit Beginn der polizeilichen Maßnahmen in den Mittleren Schlossgartenanlagen am Ort der Auftaktkundgebung aufgelöst.

    Anschließend begaben sich die jungen Menschen in den Park und haben sich den Stuttgart 21-Gegnern und deren rechtswidrigen Blockadeaktionen angeschlossen.

    Stand: 30.09.2010; 21.30 Uhr

     
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    Flaneursalon im Schlesinger

    Da Joe Bauer den Legendenstatus fast schon überwunden hat und in der Berufsgruppe “Stuttgarter Journalisten” nahtlos ins Unsterbliche übergeht, vor allem wenn er so famose Texte raushaut wie z.B. diesen hier oder diesen (beide uneingeschränkte Leseempfehlung), ein kleiner Hinweis auf seinen nächsten Flaneursalon im Schlesinger, kommender Dienstag, 14. September 20:00 Uhr.

    Joe Bauer (nicht oben im Bild) empfängt Stefan Hiss, Michael Gaedt (Kleine Tierschau), Sänger Dacia Bridges (oben im Bild) und Alex Scholpp und man liest eben aktuelle Texte und musiziert ein wenig. Alles bissle professioneller wie wenn wir ne Lesung machen jedenfalls. Fliegt auch keiner vom Stuhl. Wie es bei einem Flaneursalon genau zu geht, hat Thorsten schon mal dokumentiert.

    Flaneursalon, Dienstag, 14. September, 20:00 Uhr, Schlesinger

    Karten nur im Schlesinger, auch per Telefon unter der Rufnummer 0711 / 29 65 15.

    www.flaneursalon.de

     
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    Zu Hause

    Kulturwochen bei kessel.tv. Am Sonntag ich bei Sumuncu, Martin am Montag und ich gestern bei Joe Bauers Flaneursalon. Ich hab mich sehr über die persönliche Einladung gefreut, muss ich sagen, auch wenn ich Herrn Bauer durch freundliche Vermittlung des Außenreporters erst seit kurzem und nur per Mail kenne.

    Im Prinzip macht Joe Bauer schon seit einer Ewigkeit das, was wir bei kessel.tv auch machen: Er geht mit offenen Augen durch Stuttgart und schreibt darüber, u.a. in den Stuttgarter Nachrichten. Und bei seinen unregelmäßigen Flaneursalons liest er dann seine Texte vor und holt sich Gastmusiker dazu.

    Gestern fand eine intime Variante des Flaneursalons statt, und zwar in der Uhu Bar im Rotlichtviertel, wo auch eine der ersten (die erste?) Liebreiz-Party stattfand. Das Uhu ist oben ein Puff und unten eine winzige Bar, die vom alten und sympathischen Oskar geführt wird und noch viel gemütlicher ist, als es auf diesen Bildern aussieht.

    Ca. 30 Leute passen in die Uhu Bar, 40 Karten wurden verkauft und geschätzte 60 waren da – was zu entsprechender Enge führte. Ich hatte einen 2B-Stehplatz zwischen Klo und Bar, aber immerhin mit Blick auf die Akteure – es gab auch schlechtere Plätze.

    Im Publikum war ich einer der Jüngsten, zum Großteil Bildungsbürgertum zwischen Kultur und Killesberg, aber auch Romy S.-König Yusuf und PR-Granate Nash (Danke für die Cola), die einen Promotag für die Fanta 4 in Stuttgart betreut hatte.

    Eröffnet wurde der Abend von der wirklich sauguten Sängerin Dacia Bridges, von der ich bisher nur gelesen hatte, mit einem Acoustic-Song zusammen mit Alexander Scholpp, der glaube ich mal bei den Farmer Boys war. Dann kam Joe Bauer, dessen brummelige Stimme perfekt zu seinen grummeligen Texten passt.

    Seine sehr melancholischen und sehr lustigen Geschichten handeln von bzw. spielen in Stuttgart, und er hat vom mir unbekannten Café Schiller neben dem Brunnenwirt, dem Bad Berg und den Stuttgarter Kickers geschwärmt und konnte sich auch einen Seitenhieb auf Berlin nicht verkneifen. Zu Gast war nämlich auch sein Verleger aus Berlin, der auch ein paar nette, wenn auch nicht ganz so lustige Texte vortragen durfte.

    Und dann stand ich da in der Uhu Bar mitten in Stuttgart, mit anderen Stuttgartern, hörte einem zu, der Stuttgart genau so liebt wie ich, und ich fühlte mich zu Hause wie vielleicht noch nie zu vor.

    Joe Bauer, links im Bild

    Der Eingang: alles klar. Nach oben bin ich aber dann nicht mehr.

    PS: Der nächste große Flaneursalon findet am 28.04. in der Rosenau statt, u.a. mit Stefan Hiss, Michael Gaedt und Dacia Bridges

    PPS: Joe Bauer freut sich immer, wenn Leute in sein Gästebuch bzw. seinen offenen Blog schreiben.

     
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    Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner

    joebauer

    An dieser Stelle ein wenig Reklame, wie wir Traditionsbewussten gerne sagen, für ein schönes neues Buch aus und über Stuttgart. Joe Bauer, der kauzige Kolumnist der Stuttgarter Nachrichten, hat seine besten Stücke der vergangenen Jahre in Buchform gegossen und unter dem Titel „Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner“ veröffentlicht.

    Geschmacksbewusste Menschen lesen in den Stuttgarter Nachrichten zuerst die Texte von Herrn Bauer. Zwischen zwei Buchdeckel gepresst funktionieren seine Stücke noch besser als in der Zeitung, weil man sich am besten ganz in Ruhe auf die Perlen einlässt.

    Bauer ist ein Flaneur, der durch die Straßen Stuttgarts streift, und dabei einen Blick für die spezifischen Details des Kessels hat, die sonst keinem auffallen. „Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart“ lautet das Werk im Untertitel, im Kessel.tv-Duktus ist Bauer ein „proud swabian gangster & hustler“ der ersten Stunde und ein leidensfähiger Mensch: Bauer ist seit 30 Jahren Stuttgarter-Kickers-Fan und selber ein passabler Torwart.

    Einmal bekam er beim dienstäglichen Kicken im Theaterhaus einen Ball in den Unterleib. Ich dachte, er stirbt, Joe ist dagegen sofort aufgesprungen und hat „Eier aus Stahl“ gebrüllt. Da hätte selbst Oli Kahn Angst bekommen.

    Wenn man von Joe einen journalistischen Tipp für eine Geschichte über das Leonhardsviertel braucht, rattert der Kolumnist unzählige hilfreiche Kontakte herunter. Joe hat sich der Stadt früher am liebsten nachts genähert, als es noch keine Theo und keine 200 Clubs gab.

    Zu der Zeit traf man sich zur After Hour im Café Schmälzle, die Bäckerei war sozusagen das Oblomow der 80er. Dort zechte ein illustres Publikum aus Halbwelt, Profs und sonstigen Schnaps-Freunden Sonntagmorgens fröhlich weiter.

    Das vielleicht spannendste Stück in seinem Buch handelt von der RAF-Beerdigung 1977 auf dem Dornhaldenfriedhof und dem anschließenden Leichenschmaus im Restaurant Fässle in Degerloch. Bis zur Trauerfeier für Baader, Ensslin, Raspe verkehrte hier der Halbhöhen-Adel, nach einem eskalierenden Leichenschmaus änderte sich die Besucherstruktur schlagartig, Künstler, Staats-Theater-Schaffende und andere Herumtreiber entdeckten das Lokal für sich.

    Joe stellt sein neues Buch morgen Abend im Theaterhaus vor. Los geht es um 20:15 Uhr, Verstärkung bekommt der Grandsigneur der Stuttgarter Breitseiten von Eric Gauthier, Dacia Bridges und anderen, bitte checken Sie www.flaneursalon.de aus für mehr Infos.

     
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