Am 25. Mai 2011, 10:59 Uhr
von Aussenreporter

(Cops in Shorts verfolgen Moritz.)
Moritz Drung ist der Kessel.tv-Rookie of the year, sein Fortsetzungsroman über den größten lebenden Popstar der Erde, Cosimo, lief auf unserem kleinen Familien-Blog in heavy rotation. Jetzt hat Moritz wieder einmal für uns in die Tasten gegriffen, um von einer hübschen Begegnung mit der Stuttgarter Polizei zu berichten, die sich so vor seinem letzten Konzert im Kessel zugetragen hat. Ohne Cosimo, dafür mit Pipi.
Zu Beginn zwei Bilder von Polizeieinsätzen. Berlin: Ein adretter Mann im Anzug wird von zwei Beamten auf die Rückbank eines Corsas gedrängt, die Politesse trägt Iro, der Polizist Glatze. Die Tür schlägt hinter dem Mann zu. Batsch. Wrrrum. Stuttgart: Die Rolltüre gleitet auf, es steigen drei Cops heraus. Alle haben Eis in den Händen: Cornetto, Caretta und BIG Sandwich. Die Rolltüre wird zugezogen. Klack. Schleck.
Ich habe beide oben beschriebene Szenen so vor mir gesehen. Die Stuttgarter Polizei verschwendet ihre Energie auf völlig falschen Gebieten.
Hallo, Stuttgart. Tempo 50 auf der Hauptstädter Straße, Handy in der rechten Hand, vier Kastenwägen tuckern entgegen. Ich verfalle in alte Genervtheit wegen der übermäßigen Polizeipräsenz, bevor mir der viel wichtigere Gedanke kommt: Telefonieren beim Autofahren ist ja gar nicht erlaubt. Zudem habe ich gestern Nacht bisschen was geraucht. Kontrolle wäre blöd.
Normalerweise verbiete ich mir beides in Kombination mit Auto. Wenn es doch passiert, dann aus einer überschwänglichen Nachtlaune (Kiffen) und Hektik (Telefonieren) heraus. Heute: Ich muss dringend WG checken, Sachen ablegen, duschen und ein bisschen zur Ruhe kommen, und in knapp zwei Stunden schon wieder am Nordbahnhof sein für den Gig. Also Handy runter, Kastenwägen rauschen vorbei, Stop am Marienplatz, Wahlwiederholung, „bin in fünf Minuten da“, aufgelegt. Souverän gelöst.
Dann sehe ich in meinem Rückspiegel ein Polizeiauto blinken.
„Stop! Bitte folgen!“, blinkt das Display am nunmehr fünften Kastenwagen. „Folgen!“, denke ich in aufsteigender Wut, ich fahre doch vor euch, und drücke aufs Gas, ab in die nächste Seitenstraße. Ich werde einfach so tun, als hätte ich euch nie gesehen, euch abschütteln, rechts, Lehenstraße, links, Liststraße. Irgendwie gefällt mir die Situation.

(Flucht ins Lehenviertel misslingt.)
Allerdings nur, bis eine Stimme aus irgendeinem Verstärker in die Straße hinein brüllt: „Sofort anhalten!“
Ich bin empört wie schon lange nicht mehr. Diese unerträgliche Kontrollwut hier! Aus Protest lege ich eine Vollbremsung hin. Ich schlage die Türe hinter mir zu und realisiere sogleich: Du hast keine Zeit und bist in einer schlechten Position: Lieber schnellstens zügeln. Unterdrückte Gefühle, das kann ich, ich wurde nicht konformistisch erzogen. Ein Kind meiner Zeit bin ich aber trotzdem, ob ich’s nun will oder nicht. Ich lächele mein liebenswürdigstes Lächeln. Zwei Polizisten laufen schnellen Schrittes auf mich zu.
„Haben Sie uns nicht gesehen?“, fragt der Clevere. Nein, versuche ich. Soso, machen beide.
„Kommetse aus Bärlin?“, lautet die Einstiegsfrage. Ob das die Rache für den Berliner Schwabenhass ist, würde ich gerne fragen, aber das wäre natürlich ein schlechter Start. Also sage ich: „Ja. Ich bin eigentlich von hier und wohne dort.“ Ich bin im Auto meiner Eltern unterwegs, es ist auf mich angemeldet. Daher das Berliner Kennzeichen, das mich meist eklig erhaben fühlen lässt. Das gebe ich auch zu Protokoll. Natürlich ohne meine Gefühle. Es geht schließlich um Sachverhalte.
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(Cops in Shorts verfolgen Moritz.)
Moritz Drung ist der Kessel.tv-Rookie of the year, sein Fortsetzungsroman über den größten lebenden Popstar der Erde, Cosimo, lief auf unserem kleinen Familien-Blog in heavy rotation. Jetzt hat Moritz wieder einmal für uns in die Tasten gegriffen, um von einer hübschen Begegnung mit der Stuttgarter Polizei zu berichten, die sich so vor seinem letzten Konzert im Kessel zugetragen hat. Ohne Cosimo, dafür mit Pipi.
Zu Beginn zwei Bilder von Polizeieinsätzen. Berlin: Ein adretter Mann im Anzug wird von zwei Beamten auf die Rückbank eines Corsas gedrängt, die Politesse trägt Iro, der Polizist Glatze. Die Tür schlägt hinter dem Mann zu. Batsch. Wrrrum. Stuttgart: Die Rolltüre gleitet auf, es steigen drei Cops heraus. Alle haben Eis in den Händen: Cornetto, Caretta und BIG Sandwich. Die Rolltüre wird zugezogen. Klack. Schleck.
Ich habe beide oben beschriebene Szenen so vor mir gesehen. Die Stuttgarter Polizei verschwendet ihre Energie auf völlig falschen Gebieten.
Hallo, Stuttgart. Tempo 50 auf der Hauptstädter Straße, Handy in der rechten Hand, vier Kastenwägen tuckern entgegen. Ich verfalle in alte Genervtheit wegen der übermäßigen Polizeipräsenz, bevor mir der viel wichtigere Gedanke kommt: Telefonieren beim Autofahren ist ja gar nicht erlaubt. Zudem habe ich gestern Nacht bisschen was geraucht. Kontrolle wäre blöd.
Normalerweise verbiete ich mir beides in Kombination mit Auto. Wenn es doch passiert, dann aus einer überschwänglichen Nachtlaune (Kiffen) und Hektik (Telefonieren) heraus. Heute: Ich muss dringend WG checken, Sachen ablegen, duschen und ein bisschen zur Ruhe kommen, und in knapp zwei Stunden schon wieder am Nordbahnhof sein für den Gig. Also Handy runter, Kastenwägen rauschen vorbei, Stop am Marienplatz, Wahlwiederholung, „bin in fünf Minuten da“, aufgelegt. Souverän gelöst.
Dann sehe ich in meinem Rückspiegel ein Polizeiauto blinken.
„Stop! Bitte folgen!“, blinkt das Display am nunmehr fünften Kastenwagen. „Folgen!“, denke ich in aufsteigender Wut, ich fahre doch vor euch, und drücke aufs Gas, ab in die nächste Seitenstraße. Ich werde einfach so tun, als hätte ich euch nie gesehen, euch abschütteln, rechts, Lehenstraße, links, Liststraße. Irgendwie gefällt mir die Situation.
(Flucht ins Lehenviertel misslingt.)
Allerdings nur, bis eine Stimme aus irgendeinem Verstärker in die Straße hinein brüllt: „Sofort anhalten!“
Ich bin empört wie schon lange nicht mehr. Diese unerträgliche Kontrollwut hier! Aus Protest lege ich eine Vollbremsung hin. Ich schlage die Türe hinter mir zu und realisiere sogleich: Du hast keine Zeit und bist in einer schlechten Position: Lieber schnellstens zügeln. Unterdrückte Gefühle, das kann ich, ich wurde nicht konformistisch erzogen. Ein Kind meiner Zeit bin ich aber trotzdem, ob ich's nun will oder nicht. Ich lächele mein liebenswürdigstes Lächeln. Zwei Polizisten laufen schnellen Schrittes auf mich zu.
„Haben Sie uns nicht gesehen?“, fragt der Clevere. Nein, versuche ich. Soso, machen beide.
„Kommetse aus Bärlin?“, lautet die Einstiegsfrage. Ob das die Rache für den Berliner Schwabenhass ist, würde ich gerne fragen, aber das wäre natürlich ein schlechter Start. Also sage ich: „Ja. Ich bin eigentlich von hier und wohne dort.“ Ich bin im Auto meiner Eltern unterwegs, es ist auf mich angemeldet. Daher das Berliner Kennzeichen, das mich meist eklig erhaben fühlen lässt. Das gebe ich auch zu Protokoll. Natürlich ohne meine Gefühle. Es geht schließlich um Sachverhalte.
„Sie wisset scho, dass in Bärlin viel 'kifft wird?“ sagt der Clevere. Ach du Scheiße, denke ich, bloß kein Test. „Ja, das stimmt“, sage ich seelenruhig. Das punktet, nächstes Thema. „Sie haben gerade telefoniert.“ – „Oh ja!, das tut mir leid!“, bringe ich aufrichtig heraus, was die beiden auch bemerken, und gerate daraufhin idiotischerweise ins Plaudern.
„Ich mache das sonst nicht. Bin aber total in Eile, in einer Stunde habe ich einen Auftritt am Nordbahnhof.“ – „Sie sind Musiker?“, fragt mich der Clevere. „Ja“, sage ich. Die beiden blicken sich an.
„Was spielet se denn?“ – „Schlagzeug“, sage ich. – „Also, Schlagzeuger sin ja net ganz so schlimm. Aber Musiker ziehen ja scho' gern mal einen durch. Sie bestimmt auch, oder?“ Ich bemerke den Impuls, offen heraus „Ja, schon“ sagen zu wollen. Gott sei Dank bleibt mir die Sprache aber im Hals stecken. Nordbahnhof. Musiker. Bärlin. Ich bin erledigt.
„Nein, ich habe das vor fünf Jahren das letzte Mal gemacht“, sage ich und schiebe ein „Seitdem nie wieder“ hinterher, wobei ich dem Cleveren dann doch nicht in die Augen gucken kann, wie ich mir das eigentlich vorgenommen hatte. „Dann haben sie ja sicher nichts gegen einen Test?“, sagt der Clevere. „Kein Problem, wenn's nicht ewig dauert“, sage ich. Interessiert die beiden natürlich nicht im Ansatz.
Sie wollen ins Lehen, Pisstest. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Die kriegen mich. Dabei kiffe ich nie... Ausgerechnet gestern und im Urin... Mein Führerschein – ok, nicht übermäßig tragisch – aber scheiße, danach bestimmt Bluttest im Revier – das braucht – in zwei Stunden ist der Gig! In all dieser Verwirrung laufe ich den Polizisten einfach so hinterher, während meine Fahrertüre noch weit offensteht.
„Wollen Sie nicht abschließen?“, fragt mich der Clevere. Ich gehe zum Auto zurück. Wo ist mein Schlüssel? In der Jeansjacke? In der Brusttasche vom Hemd? Auf dem Beifahrersitz? „Mh, check ich nicht“, ich denke schon laut. In den Seitentüren? In meiner Jeans? Vorne? Hinten?
Die beiden Polizisten betrachten das für ihre geraden Köpfe völlig unverständliche Spektakel. „Vielleicht im Schloss?“, sagt der Dümmliche. Ich werde über den hämischen Kommentar ein wenig hektisch, gehe erneut zur Beifahrertür. „Was ist denn mit Ihnen los?“, will der Clevere dann noch wissen. In dem Moment geht irgendetwas mit mir durch, was ich davor hinter meinen Pupillen verbergen konnte.
„Na, ich bin total durch den Wind. Ich hab gestern richtig viel gekifft!“, erkläre ich feierlich. Der Dümmliche dreht sich schlagartig um, blickt mir mit hochgezogenen Augenbrauen direkt ins Gesicht. „Spaß“, sage ich.
(Pisstest im Lehen.)
Endlich finde ich den Schlüssel (er war unter den Fahrersitz gerutscht), wir schlendern ins Lehen. Ich betrete das schummrige Innere zwischen den beiden Polizisten. Komischer Tag: Da bin ich in einer soliden Kneipe, einer der wenigen Plätze, an die ich vollkommen glaube oder wenigstens daran teilnehme, und fühle mich beschissen.
Einer der Stammgäste am Tresen zeigt auf mich, als wir auftreten, und sagt in den Raum hinein: „Ah, den kennen wir doch!“ Ich würde ihm jetzt gern erklären, dass er mich mit meinem Zwillingsbruder verwechselt, was aber nicht weiter schlimm ist und darauf drei, vier Kurze mit ihm verhaften, aber für den Ernst des Lebens ist jetzt keine Zeit. Ich muss pissen.
„Sieben Tropfen genügen vollkommen“, belehrt mich der Dümmliche sanftmütig auf mein Einwand, ich müsse gerade einfach mal überhaupt nicht. „Ein Bier kann ich ihnen leider net bringen“, in einem Anflug von Lebensfreude.
Wie komme ich aus dieser verfluchten Situation nur hinaus? Freunden um die Ecke eine SMS schicken, schnell ins Lehen und für mich pissen? Aber shit, clean sind die doch erst recht nicht. Was habe ich nochmal gehört? Ist ein Schweißtest nicht ungenauer? Vielleicht. Doch. Bestimmt.
„Es geht gerade nicht“, beteure ich in bedauerlichem Ton, „in dem ganzen Stress habe ich heute nur eine einzige Cola getrunken. Keine Alternative?“ – „Die Alternative ist der Bluttest.“ – „Dafür habe ich wirklich keine Zeit!“, empöre ich mich. Dann fällt mir ein grandioser Satz ein. „Ich gebe wirklich mein Bestes. Können Sie nicht irgendwie auch auf mich zukommen?“ – „Sie könnten einfach zugeben, dass sie gekifft haben!“, meint der Clevere, der anscheinend hinter der Türe gelauscht hat.
Zum zweiten Mal ziehen ihre psychologischen Tricks. Ich bin haarscharf davor zu fragen, ob ein Geständnis irgendetwas an meiner Strafe lindert, streite dann zu meiner Überraschung erneut in todernstem Ton ab. Ich glaube mittlerweile, der Ton ist mir nur gelungen, weil ich im Inneren davon überzeugt war, das Gras habe eh nichts getaugt. Ich war ja nicht mal richtig stoned gestern. Darüber hatte ich mich noch beschwert.
Schließlich überreiche ich dem Dümmlichen seine gewünschte Flüssigkeit. „Könnten acht sein“, sage ich. Das nennt man wohl Galgenhumor.
Mit tiefschwarzen Gefühlen stolpere ich aus der Türe, wo mich der Clevere erwartet. „Was macht Ihr denn für Musik?“, fragt der Scharlatan interessiert –„Rock“ – „Vergleichbar mit..?“ – „Vielleicht Velvet-“ Jetzt bloß nichts Psychedelisches! „Schnell und laut“, sage ich. „Wie AC/DC?“ – „Genau“, sage ich lächelnd.
Dann tritt der Dümmliche heraus. Meine Stimmung ist auf einem all-time-low – so minutiös ich mich bis dahin an alles erinnere, diese Momente habe ich vor lauter Niedergeschlagenheit nicht wahrgenommen. Ich bin so tot wie ein Christbaum nach dem 26.12.. Worüber wir sprechen, wie sie sich verhalten: nicht die geringste Ahnung. Wir stehen auf jeden Fall noch knapp zwei Minuten in lächerlichem Small-Talk vor der Türe, wieder so ein Psychotrick, bevor der Dümmliche sagt: „Wir können gehen. Alle vier negativ.“ Mir fällt so heftig ein Stein vom Herzen, mein erstes Wort lautet: „Danke.“
Im Zurücklaufen zu Auto sage ich dem Cleveren noch, einer meiner Wegzugs-Gründe nach Berlin seien die ständigen Kontrollen hier aufgrund abgedroschener Klischees wie langer Haare oder Hautfarbe. „So lange alles in einem freundlichen Ton geschieht, ist das doch völlig in Ordnung“, erwidert er.
Ich will über Freiheitsberaubung, Prinzipienreiterei und reaktionäres Verhalten reden, aber: Fuck It. Um die Ecke, nur weg von denen. Noch bevor mir all der Ärger über die Borniertheit der Stuttgarter Bullen irgendwie nachhängen könnte, lache ich laut heraus. Die waren sich hundert Prozent sicher, mich dranzukriegen. Jetzt nichts wie weg aufs Festival am Nordbahnhof mit all meinen Freunden. Macht die Lichterketten an.