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Buchtipp: John Peel – Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt
Am 22. Mai 2012, 15:06 Uhr von martin
Zu Weihnachten von Schwester bekommen, jetzt erst gelesen, diesen älteren Schinken von 2006 (deutsche Ausgabe), meine, ich hab das damals auch im Sub Culture kurz gebracht.
Der (deutsche) Titel ist nicht übertrieben, der englische Radio-DJ John Peel, hat von Ende 60 bis ins neue Jahrtausend unzählige Künstler durch alle Genres hinweg berühmt oder zumindest einem breiteren Publikum bekannt gemacht – von Rock bis Techno, von Pink Floyd bis Jeff Mills. Das weiß aber letztendlich jeder, der sich bisschen mit Musikgeschichte auskennt.
Was man sonst über diesen wahrhaft außergewöhnlich Charakter nicht weiß, erfährt man in diesem Buch, das aus zwei Teilen besteht. Denn John Peel, gebürtig John Robert Parker Ravenscroft, ist während der Arbeit daran im Oktober 2004 im Alter von 65 Jahren einem Herzinfarkt erlegen, seine Frau Sheila hat das Buch mittels Aufzeichnungen und eigenen Eindrücken vollendet.
Die Bio ist mehr oder weniger chronologisch mit sozusagen Vorblenden geschrieben, anfangs etwas zäh und auch komplex aufgrund zahlreicher auftauchender Figuren aus Familie und Freundeskreis, und man braucht etwas um sich einzulesen, bis man seine trockene und dann doch oftmals witzige Sprache versteht (oder eben die Übersetzung).
Oftmals muss man auch anfangs kurz zurück blättern, weil man z.B. nicht ganz fassen kann, dass es scheinbar in seiner Privatschulzeit Gang und Gebe war, dass die Jüngeren (also er) den Älteren einen runterholen oder ihren Arsch hinhalten mussten (nicht für Lehrer, wie Peel ausdrücklich betont). Erst in den 80er Jahren hat er davon seiner Frau erzählt, die sich, so schreibt er, sehr darüber aufgeregt hat (logisch). Für ihn scheint das damals wohl eben normal gewesen zu sein, so wie er die Vergehen an sich beschreibt.
Abgesehen von diesem bitteren Kapitel ist er nicht nur von “Rock Around The Clock” bis Bumbumbum ein Zeitzeuge der kompletten Popkultur, sondern hat auch so manch anderes Spannendes erlebt, wie z.B. John F. Kennedy beim Wahlkampf die Hand schütteln, dabei mit John F. smallzutalken, der Peel wiederum Foto-Tipps gibt, so damit auch Lyndon B. Johnson drauf ist (Fotos sind im Buch abgebildet, mitunter seine größten Schätze).
Peel hat sieben Jahre in Amerika gelebt und ist am Todestag von Kennedy sofort nach Dallas gefahren, weil er sich, so schreibt er, dem Menschen aufgrund dieses eines Treffens sehr nahe fühlte und hat sich auf der Pressekonferenz eingeschlichen, auf der John Harvey Oswald als Attentäter präsentiert wurde. Es gibt davon wohl einen Filmclip, so schreibt er, worauf Peel und Jack Ruby, der wiederum Oswald erschossen hat, zu sehen ist. Die ganze Szenerie wirkt so ein wenig Forrest Gump-mässig.
Sehr lustig fand ich auch, dass seine Mutter, die ihn nie so richtig mochte und die zwei Brüder vorzug, eine Affäre mit dem englischen Schauspieler Sebastian Shaw hatte. Den kennt keine Sau und doch wieder Millionen, wenn nicht gar Milliarden: In “Die Rückkehr der Jedi-Ritter” spielte er die zwei Minuten Darth Vader ohne Maske, weil der eigentliche Darth Vader Schauspieler David Prowse zu jung war für jene Szene.
Ansonsten Musik: John Peel liebte alles was neu war, spielte mitunter in seinen Sendungen komplette Langspielplatten ab (das ist nicht nur heute fast nirgends möglich, sondern war auch damals schon recht schwer und bei den Radiochefs ziemlich unbeliebt), hat trotzdem immer sein Ding durchgezogen und es mitunter auch ertragen, dass ihm seine Hörer Scheißehaufen und gar Morddrohungen schickten, nur weil Peel irgendwann z.B. Reggae in seine Sendung aufnahm. Er selbst schreibt auch, dass er denkt, dass sein Publikum ihn maximal fünf Jahre lang ertragen konnte.
Fazit: Wenn man sich bisschen für Musik-Geschichte, Radio-Kultur und auch DJing interessiert – Peel ist auch als DJ durchs Land getourt und packt da auch Anekdoten aus – kann ich das Buch wärmstens empfehlen. Habs auch mit gutem Gewissen Thorsten zum Geburstag geschenkt.
John Peel: Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt Rogner & Bernhard, ISBN 978-3-8077-1084-61 Kommentar » -
Cause we got Style
Am 15. Mai 2012, 12:22 Uhr von martin
(Krupa 1988 in Kornwestheim)
Wenn an einem Tag gleich zwei Leute meinen, guck mal, das wäre doch was – danke Dejan aus GP, danke Peter in Sao Paulo, vielleicht unser am weitesten entfernter Leser – ja, das wäre wirklich was, dann kann man das mal bringen, abgesehen davon, dass ich auch von alleine auf den gestrigen Spiegel-Artikel gekommen bin – bissle rumsmartassen.
Es ist ein Buch rausgekommen die Tage (?), heißt “Cause We Got Style!: European Hip Hop Posing from the 80s and early 90s”, gefällt mir, so halb meine frühe HipHop-Zeit, mitunter selbst rumgelaufen wie der größte Seggl vom Block, so wie heute halt. Hat sich nix geändert in 20 Jahren.
Der Titel und das Cover sagen eigentlich schon alles, die Bildgalerie noch mehr, geht um steile Outfits in der Zeit als Rap nach Europa rüberschwappte. Der Spiegel schreibt schräg, ist es natürlich im nach hinein, aber letztendlich hat man sich eben an seine Vorbilder wie Run D.M.C, Beastie Boys, Public Enemy und so weiter orientiert und wollte eben bisschen aussehen wie die.
Die 80er hab ich altersbedingt mehr oder weniger verpasst, bin eher dann so die early, early 90s Fraktion, Public Enemy Sticker auf dem KP war das Erkennungszeichen schlechthin, plus bisschen Nike-Kult, leicht breitere Hosen und ein bunter Trainingsanzug im Schrank.
Bei meinem noch rappigeren Mitschülern gehörte die L.A. Riders Kutte zur Pflichtausstattung, weniger die New York Yankees, und seltsamerweise, wenn ich mich recht erinnere, waren bei uns zumindest die Minnesota Vikings ziemlich angesagt. Keine Ahnung warum. Vielleicht waren die gut damals oder das purpur einfach schick.
Hat jemand noch passende HipHop-Outfit-Fotos aus der Zeit? Wir posten sie gerne.
Rosy One: “Cause We Got Style!: European Hip Hop Posing from the 80s and Early 90s” ISBN: 9185639362 EAN: 9789185639366 Gibt´s im Spiegel Shop oder auch bei Amazon8 Kommentare » -
Das literarische Herrengedeck
Am 9. Mai 2012, 13:42 Uhr von Aussenreporter
Viele Menschen mögen es, beim wöchentlichen Freigang mit Schmackes über die Stränge zu schlagen, doch nur Kenner wissen jene Art der Ausschweifung zu schätzen, in die sich gleichzeitig auch die Ahnung eines grausamen Endes mischt. Kommt man wie ich aus Pforzheim, trägt man das für immer in sich: Selbst wenn man aus Mitleid in einem VIP-Bereich auf ein Glas Veuve eingeladen wird, weiß man immer, dass man eigentlich ins 10 Biere im Stuttgarter Westen gehört.
Daher freute ich mich wie Bolle, als ich vor zehn Jahren für ein halbes Jahr in einer englischen Kleinstadt studieren durfte. Zwischen brutal starken Bookings in der Fabric, im 93 Feet East oder der Mother Bar war es immer wichtig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Daher hieß das Motto fast jeden Abend „last chance to get a drink“ kurz vor der Sperrstunde in einer Kaschemme.
Zurück in Stuttgart fehlten mir die ehrlichen Londoner Kneipen. Da passte es perfekt, dass mein bezaubernder Arbeitgeber LIFT mich künftig für betreutes Trinken bezahlen wollte: Ich sollte die Serie Schräggastro fortführen, bei der es darum geht, jeden Monat eine ausgewiesen ehrliche Pinte für das Stadtmagazin zu testen. Motto der Serie: Wir gehen dahin, wo Sie sich nicht hintrauen.
Die Kolumnenreihe war von den Dorfältesten bei LIFT kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden worden, als Jungspund war das damals eine große Ehre, diese soziologische Studie fortführen zu dürfen. Dabei entwickelte sich in den folgenden Jahren ein wissenschaftliches Feld, das zu einem eigenen Leerstuhl an der Universalität Stuttgart, Institut für Trinkgeschichte geführt hat.
Vorläufiger Stand der Wissenschaft: Schräggastro ist viel mehr als Bierschwemmen, Schräggastro ist ein Lebensgefühl: Dieses Leben fühlt sich an wie ein Raum mit Holzvertäfelung, majestätischen Bierkronen, eiskalten Kurzen, Flachbildfernsehern und guter Unterhaltung auf Augenhöhe mit dem universalgebildeten Volksmund.
Wie nähert man sich dieser so rustikalen wie ehrlichen Welt am besten? Zu zweit bestreitet man die Ideal-Schlangenlinie, ab drei Schräggastro-Touristen kippt die Stimmung im Laden – ganz alleine hat man manchmal einfach nur Angst.
Die Schräggastro-Recherche gilt deshalb als Königsdisziplin des Journalismus, weil wir uns am nächsten Morgen nur noch schemenhaft an das Erlebte erinnern können. Früher fielen wir dadurch unangenehm auf, dass wir ständig irgendetwas in ein Moleskin kritzelten („Was schreibt ihr da?“ – „Den Einkaufszettel für morgen – Schnaps, Dosenwurst und Knäckebrot.“).
Heute haben wir eine eigene, selbst programmierte Schräggastro-App auf unseren Smartphones, in die wir all die Skizzen und Notizen hacken können, die uns auffallen, bevor wir hackedicht in die Nacht verschwinden.
Bei unseren investigativen Rechercheausflügen geht es übrigens nicht darum, sich über eine Randgruppe lustig zu machen. Erstens sind wir selber eine Randgruppe – Stichwort für immer Pforzheim im Herzen – zum anderen hab ich in den Kneipen dieser Stadt schon mehr gelernt als an anderen Orten, die weitaus trostloser sind, das Stuttgarter Rathaus etwa oder mancher VIP-Bereich.
In den Schrägi-Pinten hat man es mit echten Menschen, echtem Leben und echten Problemen zu tun. Man kann ungestraft zu den Scorpions auf der neuen 107,7 mitnicken, man kriegt am Tag der Arbeit einen Willi spendiert und man schnappt Sätze auf, auf die man in der eigenen Beschränktheit nicht gekommen wäre, „das ist ne Traurigkeit, die kannst du dir nicht vorstellen“, hat mir erst vergangene Woche ein Gast im Treff bei Anna in Heslach zugeraunt.
Recht hat er, der Kurt*, der früher im Sozialamt gearbeitet hat, heute in der Agentur für Arbeit schuftet und 50 Kippen am Tag raucht, um das ganze Elend namens Leben ein bisschen erträglicher zu machen. So eine Begegnung gibt mir meist mehr, als dämlicher Smalltalk im Club oder sonst wo. Wie gesagt: einmal Pforzheim, immer Pforzheim.
Die Texte über Schräggastro wiederholen sich natürlich etwas, die Getränke sind beständig (Herrengedeck), die Themen oft dieselben (VfB, Politik ist Scheiße, das Herrenpils von Hofbräu vom Fass aber ganz geil) und schließlich muss man immer aufpassen, dass die Sozialstudien nicht in Elendstourismus kippen.
Dennoch oder gerade deshalb haben wir uns entschieden, die LIFT-Serie nun auch in Buchform zu klatschen. Gemeinsam mit dem mittelständischen Familienunternehmen Edition Randgruppe haben wir ein Büchlein produziert, das vor allem durch das promille-dynamische Layout von Verleger Uli Schwinge besticht und dank der vielen guten Fotos, die Ronny Schönebaum und Marijan Murat geschossen haben.
Bei den Milieustudien stand mir oft mein Kumpel, Autor und Anwalt Thomas Lang zur Seite. Übrigens sehr zu empfehlen in Fragen des Arbeitsrechts, außerdem ist kürzlich sein erster Roman erschienen mit dem viel versprechenden Titel “Endstation Kuschelparty”, in dem die Geburtstagsparty vom Geiger vergangene Woche beschrieben wird.
Das Buch ist angelegt als eine Marco-Polo-Reiseführer-Verarsche mit Stadtteiltouren, Points of Interest und tollen Icons wie der Pilskrone der Schöpfung usw. Staunt also gemeinsam mit uns, dass das Feuerwasser in Feuerbach flussaufwärts fließt, trinkt ohne Muffensausen in Zuffenhausen und taucht ein in die Zonenrandgebiete der Lebensqualität Hedelfingen, Cannstatt und Co., wo Stuttgart so pittoresk daherkommt wie das Ruhrgebiet an einem romantischen Frühlingstag.
Die Broschüre zur Steigerung der individuellen Lebensqualität wird am kommenden Freitag, 11. Mai ab 20 Uhr von den schrägest boys alive vorgestellt im Schauraum Waschstraße in der Türlenstraße 2 in S-Nord. Wer mir das Stichwort literarisches Herrengedeck zuflüstert, bekommt einen Ouzo aufs Haus. Sehr zum Wohl sein.
(*Name von der Redaktion geändert)
Schräggastroführer Stuttgart erschienen in der Edition Randgruppe für 12,90 Euro Am besten direkt hier bestellen24 Kommentare » -
Der halbe Leibhaftige: Gerhard Mayer-Vorfelder stellt seine Biographie vor
Am 20. Feb 2012, 10:01 Uhr von Aussenreporter
Der Kollege Außenreporter und der Kollege Geiger, beides uneheliche Kinder von Gerhard Mayer-Vorfelder, sind eingeladen zur Buchpräsentation von MVs Biographie, Titel: „Ein stürmisches Leben“. Es moderiert: Günther Oettinger. Zugeschaltet wird ein ehemaliger Bundestrainer aus Los Äintscheles. Außerdem zu Gast: der halbe Reichsparteitag. Karneval in Köln ist Kinderfasching dagegen – ein stürmischer Erfahrungsbericht.
Roadtrip ins Ungewisse. Butterfahrt zur Buchvorstellung. Exkursion ins Extrem. Aussi und Geiger im Landschulheim der Landespolitik. Die beiden Spezialisten waren schon bei der Routenplanung überfordert. Wo soll die Party steigen? Im STEP. Nie gehört. Kurz für Stuttgart Engineering Park. Google Maps zeigt total verrückte Straßen an, die es gar nicht gibt in einem Stadtteil, den es besser nicht geben sollte: S-Vaihingen.
Curiestraße, Wankelstraße, Gropiusstraße, Zusestraße, WTF? Niemandsland zwischen Vaihingen und dem Schattenring. Da hat irgendein Irrer eine Industrie-Trabanten-Fitnessstudio-Siedlung gebaut. Rudi Häussler forever. Wenigstens gibt es Parkplätze und Schinkencroissants satt. Zu letzterem später mehr.
Das STEP, dieser feuchte Traum eines jeden Gewerbegebiet-Architekten, ist herausgeputzt für hohe Gäste an diesem Abend. Ein Parkplatzwächter hält uns an. „4711!“, gibt Geiger die Parole für den Abend vor. Ein herrlicher Moment der Stille entsteht, indem für einen Moment die ganze STEP-Welt stehen bleibt. Parkplatz-Chef verduzt: „Wie meinen? Ist das die Hausnummer, die Sie suchen?“. Geiger souverän: „Nein, das ist der Code, den uns die Stabstelle von MV für die Veranstaltung durchgegeben hat.“
Der Herr der Parkplätze begreift, dass er es mit zwei Vollpfosten zu tun hat und schickt uns ins Parkhaus. Geiger: „Geht die Party schon gut ab?“. Herr Parkplatz: Ja, es ist schon einiges los. Wieso liest MV eigentlich nicht in der Schleyer-Halle? Wäre der passendere Rahmen für den letzten reaktionären Rockstar der Politik gewesen.
„Ist schon einiges los“ war dann eher übertrieben. Außer uns nur einige Nerzmäntel, eine anti-dezente Beleuchtung und der Star des Abends, MV himself. Es liegt dieser ganz besondere Duft von Vorverwesung in der Luft, den man zum Beispiel auch aus dem Augustinerstift am Pragsattel kennt. So riecht Lebenserfahrung. Geiger: „Ist es Schnaps oder Klosterfrau Melissengeist?“ Wir checken gleich mal eine Ausgabe des künftigen Bestsellers und stellen uns brav in die Schlange der anderen Groupies.
Zeit, über das Artwork des Covers nachzudenken. Ist Killer. Wir dachten erst, die vielen Dreier rund um MVs Rübe hätten eine metaphysische Bedeutung, z.B. 333 als Bezug zu 666, der Telefon-Nummer des Satans, weil MV der halbe Leibhaftige ist. Auch subtile Anspielungen an eine Jahreszahl wie 1933 und damit verbundene Ereignisse sind bei MV ja denkbar. Leider beziehen sich die vielen 3er aber nur auf sein Geburtsdatum, 3.3.33. Richtig, nächstes Jahr steht ein Runder ins Haus.
(Aussi fragt Sonja Merz und ihre beiden älteren Geschwister nach ihren Handy-Nummern, Sonja reagiert verhalten)
Ob wir zum Jubelfest nächstes Jahr noch mal eingeladen werden, sei dahingestellt, heute Abend wurden wir zu Tisch gebeten, weil Geiger der Ortsvorsteher der CDU in Heumaden und Aussi früher der Sprecher der Jungen Union Pforzheim war. MV erkennt seine Buben selbstverständlich sofort, ist aber so aufgeregt, dass ihm Aussis Spitzname kurzzeitig entfallen ist. So entsteht folgende muntere Szene:
MV: Schön, dass ihr da seid undsoweiterundsofort, wie war noch mal der werte Name, was soll ich schreiben?
Aussi: Für Aussi bitte!
MV: Hussi?
Aussi: Aussi.
MV: Muschi?
Aussi: Aussi, ich buchstabiere: Abartig ultra stressiger Seggel international.
MV, latent genervt: Voll Moppelkotze, schreiben Sie’s halt auf.
Daraufhin Autogramm-, Wimpel- und Poesiealbum-Tausch, MV paust die Signatur ab, großes Hallo, fetter MV-Schulterklopfer, alle in der Schlange dahinter voll genervt wegen der Verzögerung, sorry an der Stelle noch mal an die Grauen CDU-Panter Filderstadt-Bonlanden.
(Kurz checken: Wie machen das die anderen? „Danke für 1942. Für immer dein MV.“ Alles klar.)
(Ist ganz leicht, A–U–S–S–I, hä, wie meinen?)
(Also ich täte es ungefähr so schreiben, danke, bitte, Küsschen, Küsschen, tschüssi)
Dann geht’s aber auch gleich ordentlich los. Der Aussi kennt wesentlich mehr Leute als der Kollege Geiger. Dem allerdings nickt der Oettinger zu (1:0 Geiger) und begrüßt ihn wie immer mit der Touchfist, weil er sich erinnert, dass beide mal zusammen eine Bierabfüllanlage eingeweiht haben. Also Öttinger hat sie eingeweiht und Geiger hat ihm dabei aus sicherer Entfernung zugesehen.
Dann entdeckt Geiger auch noch Gazi-Chef Eduardo Garcia (70. Minute, 2:0). Doch Aussi gleicht aus: weiß zuerst Günter Schäfers Spitznamen Eisen-Günne, erkennt Wasen-Wirtin Sonja Merz auch außerhalb ihres Dirndls, hat dann ein kleines Téte-a-Téte mit CDU-Darling Stefan Kaufmann, der aber erkältet ist und daher anschließend nicht twittern kann, dass er ein gutes Gespräch mit ihm hatte.
Der beste Spruch des Abends kommt leider nicht von uns, sondern von Promi-Fotograf Sage. Das ist der, der an seinem Arm so viele VIP-Bänder hat wie Wolfgang Petry Freundschaftsbändchen. Sage hat mehr CDU-Streetcredebility als Geiger und Aussi zusammen, winkt hier, grüßt dort und schüttelt reihenweise Händchen, um dann genussvoll in den Raum zu krakeelen. „Herrlich, alle da, ist ja wie beim Reichsparteitag hier!“
Das Programm ist schließlich ausgesucht: Wir hatten gehofft, MV liest uns was aus seinem Buch vor. Aber heute wird nicht gelesen, nur gelobt. Erst der Ötti den MV. Halbzeit – Seitenwechsel – Auftritt Cheerleader aus LA – dann der MV den Oettinger.
Man mag von Oettinger halten, was man will, seine Exzellenz aus Brüssel freestylt eine Dreiviertelstunde lang auf hohem Niveau. Reden kann der Günne, die ersten Sätze klingen wie immer etwas nach Satire-Gipfel, weil man denkt, eine Parodie auf Günter stünde am Pult. Aber nein, stimmt ja, es ist das Original live und in Farbe.
„Lieber Gert, verehrter MV, ich hab mich die ganze Woche auf diesen Termin gefreut, egal ob in Berlin, Istanbul oder Brüssel“, sagt Oetti. „Lieber Gert, verehrter MV, wir haben uns die ganze Woche auf diesen Termin gefreut, egal ob in Botnang, Hedelfingen oder Möhringen“, sagen Geiger und Aussi.
Es folgen Kracher um Kracher: MV höre nicht gerne zu, sei aber ein herausragender Plauderer, ein lebendiger Zeitzeuge und habe alles durchgemacht von A14 bis B9 (geiler Beamtenbesoldungswitz). Oetti und Gert haben sich 1982 kennen gelernt und mögen sich scheinbar echt ein bisschen, auf jeden Fall haut der GOE die Dinger raus, dass Aussi ganz rote Ohren bekommt, während Geiger die Rüstigen um ihn herum zur Ruhe ermahnt – auf Doppelherz kann man sich scheinbar nicht so lange konzentrieren.
Logisch, dass Oettinger auf die legendäre Kondition der baden-württembergischen Antwort auf Franz-Josef Strauß eingeht: Beim Skifahren des Inner-CDU-Circles hatte MV immer die schwächste Kondition und wollte sich nach der ersten Abfahrt erst mal eine Rothändle am Hang anstecken, nachts sei er dann aber zu ganz großer Form aufgelaufen. Schnaps sei allerdings nicht so seins, Bier auch nicht, stattdessen Trollinger, Weißwein und Champus, die heilige Trias des übersäuerten Alkohol-Magens.
Nach Oetti gab es dann eine Live-Schalte, die uns irgendwie an kessel.tv-Lesungen erinnert hat, der Einspieler war großes Kino, durfte doch ein gewisser Jürgen Klinsmann aus Los Angeles seinen MV über den grünen Klee loben: „Du bisch mein väterlicher Freund, ich sag bis heute Präsident zu dir, ohne dich hätt es koi Sommermärchen gebä und koine Leischtungszentren des DFB und koine Weltkarriere von mir und koinen Weltfrieden“, sagt Klinsi, Geiger und Aussi liegen sich vor Rührung weinend in den Armen.
(Great Kino: Klinsi from LA)
Dann schließlich Auftritt MV himself. Die rhetorische Messlatte liegt hoch, der Vito Corleone der Südwest-Politik kann das Niveau anfangs nicht ganz halten, manchmal nuschelt er leider ein bisschen zu sehr die Vokale weg, ein paar Kracher haut der Pate aber auch noch raus: „Das ich ein so interessanter Typ bin, lieber Günther, hätte ich nicht gedacht“, „wenn du wüsstest, wie zuhause bei mir die Glocken klingen“, „vielleicht kommt noch mal ein anderes Fest, lieber Günther, da kannst du die Rede wiederholen.” Schenkelklopfer, Jubelperser, Standing Ovations, Geiger und Aussi machen die Welle, und endlich geht es ans Büffett.
Geiger isst auf MVs Gesundheit 36 Croissants, der kann sich das auch leisten mit seinem Heavy-Metal-Körper, Aussi hält sich wegen seines schwachen Bindegewebes an die Hobbys des Präsidenten, also Puffbrause und Weißwein.
Beim Stehempfang fachsimpeln wir noch etwas über die Machart des Büchles selbst: MV hat erst gar nicht versucht zu behaupten, dass er das Geschoss selber geschrieben hat. Stattdessen hat er das Triumvirat aus Verleger, Ghostwriter und einem dritten Menschen gelobt, dessen Funktion wir nicht kapiert haben. Ohne die drei wäre der Schinken auf jeden Fall nicht entstanden, gibt der Präsident locker zu, um lässig anzufügen: „Ich habe das Buch wirklich gern gelesen.“
Das Schlusswort gehört Karl Allgöwer, der im aktuellen 11 Freunde anerkennend über MV philosophiert: „Auf der Meisterfeier 1984 wollten wir unbedingt erleben, dass der Präsident mal die Segel streicht. Wir haben uns abgewechselt, jeder musste eine Stunde hin und mit ihm feiern, aber wir haben es nicht geschafft.“
Liegt vielleicht am kleinen Geheimnis von MV, das man aber nur herausbekommt, wenn man ihm beim Autogrammtausch sehr, sehr nahe kommt. Ganz leicht, aber wirklich nur ganz leicht, riecht der Don der CDU Baden-Württemberg nach Schwefel. Wie es sich für den halben Leibhaftigen eben gehört.
(Original: So heißt der Seggel in Druckbuchstaben)
(Fälschung: Riecht es hier irgendwo nach Schwefel?)
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Kassettendeck
Am 13. Apr 2011, 17:46 Uhr von martin
Wollte mir gerade die Nägel machen, konnte deswegen auch zwei Minuten lange nicht twittern, da ist mir doch glatt der Nagellack vom Fenstersims hinter das Gartenhäuschen gefallen und heidenei sehe ich da dieses Buch auf dem Komposthaufen herumliegen: Kassettendeck von Jan Drees & Christian Vorbau.
Dachte ich mir, ein Buch, an so einem schönen verzwitscherten dreidimensionalen Tag wie heute, ist doch mal ein feines Dingens da für unsere über 80jährigen Leser, die noch keinen Twitter-Account haben. Dazu noch ein Buch über ein Thema für (uns) alle Ewiggestrigen und Nostalgiker: die gute alte (Leer)-Kassette. Wahlweise 60, 90 oder 120 Minuten Speicher für fein selektierte Musik, die man auch gewissenhaft durchhörte! Nicht so wie dieses Gezappe heute. Das war noch echte Wertschätzung.
Kein Wunder, zehn (Zahlen von eins bis zwölf schreibt man aus, sagt der Aussi immer) gute Leerkassetten kosteten damals so viel wie heute ein iPod Shuffle oder wie der Glumbatsch heißt, da musste man haushalten. Ey, kannste mir Big Daddy Kane überspielen, dann geb ich dir auch Fear Of A Black Planet? Das waren noch ordentliche Männer-Schulhofcodes! Nicht so wie heute, ey laser, 20 Likes auf meine Kuli-Dreieck-Tätowierung!
Genug geweint über früher. Da der Kassette auf diesem Blog schon ein paar Mal nachgetrauert wurde oder zumindest Gesprächsthema war, passt der Text- und Interviewband Kassettendeck ganz gut rein, der schon gut auf SPIEGEL durch die alternativen Buchcharts “robbt”, wie man dem eigens eingerichteten Blog Kassettendeck.info nachlesen kann.
“Kassettendeck schreibt mit Interviewsets, Pop-Essays und Prosastrecken eine neue Geschichte der MC. Interviewpartner und Beiträger u. a.: Katja Berlin, Andreas Bernard, Bret Easton Ellis, Peter Glaser, Grand Hotel van Cleef, Alexa Henning von Lange, Gregor Hildebrandt, Rafael Horzon, Hans Nieswandt, Eric Pfeil, Jochen Rausch, Smudo, Benjamin von Stuckrad-Barre, Westbam, Gerhard Winterle, Audiolith.” Sagen halt alle auf circa 230 Seiten wie toll die Kassette war, dazu gibt es noch ein paar harte Zahlen, Anekdoten, technischen Background und schöne Playlists wie diese hier…
… bei der alle Freunde des Schulandheim-Raps feuchte Augen bekommen. Kassettendeck sich durchaus kurzweilig und gerade wir über 80jährigen seufzen halt gerne dabei und denken “ja, so wars gell”.
Kassettendeck. Soundtrack einer Generation von Jan Drees und Christian Vorbau, Eichborn, Klappenbroschur, 253 S., € 18,95
Am Karfreitag, 22.4. sind die Autoren übrigens im Keller Klub zu Gast mit Beats, Visuals und “einer aufwändig produzierten Karoake-Lesung”.
Noch zwei gute Videos auf der Seite gefunden:
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Face-Buch
Am 24. Nov 2010, 18:30 Uhr von martin
Nächstes Weihnachtsgeschenk (meine persönliche Wunschliste wird übrigens immer größer, S21 Lego-Packung, Schlichtungsgespräche DVD-Kollektion, Jay-Z-Deluxe-Set), das Facebook-Buch, passend zum FB-Plakat, wie Leser Jones kommentiert hat. Goldig.
Allerdings gab es das personalisierte Face-Buch nur 1000 Mal. Die Aktion und das entsprechende App wurde von einer Agentur für den französischen Mobilfunkanbieter Bouygues Telecom gestartet bzw. programmiert. Mehr Infos hier.
Vielleicht hilft ja der Adidas Facebook Superstar über die Enttäuschung hinweg...
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Ich schreibe wie…:
Der Melinda Nadj Abonji-BlogAm 19. Okt 2010, 11:30 Uhr von martin
Heute früh in der StZ drauf gestossen, hat die FAZ eine Selbstbefriedigungshilfe für die schreibende Zunft entwickelt, heißt “Ich schreibe wie”.
Man gibt in das Fenster eine Textprobe ein, und das Tool vergleicht den Schreibstil mit mehr oder weniger großen und bekannten SchriftstellerInnen. Hofft man natürlich, dass Goethe oder zumindest Maxim Biller rauskommt. Is aber meistens nicht so.
Musste ich natürlich gleich ausführlich durchspielen und hab mit Setzers Röhre-Text angefangen. Zuerst nur einen Absatz, da war er noch Theodor Fontane, dann zwei, da wurde er Kurt Tucholsky, den ganzen Text vergleicht die Maschine mit Rainald Goetz. Not bad, Kollege!
Als nächstes checke ich Inges Wasen-Erlebnisse, zunächst zaghaft, da schreibt er noch wie Ildiko von Kürthy, der ganze Text wiederum ist Melinda Nadj Abonji pur.
Man mag mich jetzt als Banause verurteilen, hab aber auch nie nen Hehl drauß gemacht, dass ich kaum Bücher lese und somit habe ich von Melinda Nadj Abonji noch nie gehört. Sorry. Iss aber bestimmt ne tolle Frau.
Dumm nur, dass uns die gebürtige Ungarin hartnäckig begleitet. Janas Irrwege über die Fildern klingen ebenfalls nach Melinda, wahlweise aber auch wie Peter Handke. Wow.
Jetzt bin ich dran, nehme meinen Deutschen Fernsehpreis-Nachreport und wie beim Aussi ähnelt mein Stil Ildiko von Kürthy – oder ja, Melinda Nadj Abonji. Da mich Melinda langsam nervt, gebe ich einen kompletten Text vor genau einem Jahr ein: Statusmeldung Warten. Frau Abonji wartet mit mir! Damn!
Okay, Thorsten, bitte enttäusch uns nicht: Tut er nicht, sein “Jo Mei”-Wiesnreport ist Rainald Goetz. Pur. Egal wie viele Absätze man reindroppt. Ich würde sagen, Thorsten hat es geschafft. Zumindest klingt Rainald Goetz cooler als Melinda Nadj Abonji.
Die Alte lässt mir keine Ruhe. Und Setzers schwankendes Ergebnis irritiert mich. Also kopiere ich zwei Absätze seines phänomenalen Kicker vs. VfB-Text in das Fenster – Melinda Nadj Abonji.
Dann noch weitere Tests: Ein kurzer Textabschnitt aus Jörg Harlan Rohleders “Lokalhelden” sounds like Melinda, der Southside Nachbericht von Afro-Dieter wie Sigmund Freud oder Peter Handke, immerhin. Unser Leser JoeJoe kommentiert übrigens im Stil von Theodor Fontane oder – Melinda Nadj Abonji.
Fazit: Wir sind nicht nur ein Party- und Turnschuh-Blog sondern jetzt auch der Melinda Nadj Abonji-Blog. Klingt zumindest besser als der Rosamunde Pilcher-Blog.
P.S.: Eine Polizeimeldung zum Wasserwerfer-Einsatz vom 30.9. ist in Friedrich Nietzsche-Manier verfasst worden.
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