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    Nicht bloggen

    Die Kessel.TV-Kolumne aus dem aktuellen re.flect 06/11:

    Eine alte Blogger-Weisheit, die ich mir gerade ausgedacht habe, lautet: Es gibt viele Gründe zu bloggen, aber es gibt noch mehr Gründe, nicht zu bloggen. Und es stimmt! Genauso wie ein Kolumnist wie etwa der berühmte Joe Bauer dafür bekannt ist, mit offenen Augen durch die Stadt zu laufen, laufen auch „wir Blogger“ mit offenen Augen durchs Leben. Und schreiben drüber. Oder eben auch nicht.

    Und nicht ohne Grund bekommen auch bei Kessel.TV oft die Artikel am meisten Aufmerksamkeit, die von einem besonderen oder manchmal auch alltäglichen Erlebnis des Bloggers berichten: Martin und ich beim Auftritt von Heidi Klub im Drogeriemarkt, der Außenreporter bei einer Party von Lapp Kabel, ich bei einer Boa-Party, Kollege Geiger beim Saunieren im Osten, der Setzer bei einer Wahlveranstaltung. Nicht selten bekomme ich deshalb von Leuten zu hören, wenn ich sie bei einer Veranstaltung oder in einer besonderen Situation treffe: „Da bloggsch doch bestimmt wieder drüber!“

    Natürlich bieten sich oft Gelegenheiten, ob zufällig, wenn ich eine Gruppe junger Leute auf der Königstraße sehe, die Jump Up tanzen, oder gezielt, wenn ich zu Stuttgart Kaputtraven gehe. Das führt aber auch dazu, und darüber habe ich mich erst neulich mit Kollege Geiger unterhalten, dass wir uns oft dabei ertappen, immer und überall zu gucken, was man jetzt bloggen könnte, wo etwas Lustiges passiert, was man fotografieren könnte. Bei mir geht es sogar so weit, dass ich im Kopf schon die ersten Worte vorformuliere.

    Das führt leider auch dazu, dass man Events oder Anlässe nicht mehr neutral, gelassen und objektiv genießen kann. Alles wird durch die Bloggerbrille gesehen und der Erfolg eines Abends oder eines Tags daran gemessen, ob es etwas zu bloggen gibt.

    Und genau da kommen die Gründe ins Spiel, nicht zu bloggen. Anfang diesen Jahres war ich in Düsseldorf, und ich dachte zuerst, hey, eine Klischée-Stadt aus dem Bilderbuch, das gibt ne gute Geschichte. Dann habe ich mir aber bewusst gesagt: Hey, es gibt nix zu bloggen, ich mache keine Fotos und achte nicht auf Kuriositäten. Gebloggt habe ich dann nicht über Düsseldorf, sondern über die Zugfahrt dorthin. Oder neulich in London – ich habe zwei Jahre vorher schon über einen London-Urlaub geschrieben, da muss ich das jetzt nicht schon wieder tun.

    Manchmal ist es auch schlicht eine Sache von Höflichkeit. Irgendwann haben Martin und ich, während wir beide in verschiedenen Locations aufgelegt haben, hin- und hergechattet, wie wir es oft tun, hey, bei mir noch nix los und bei dir, joa, spiel jetzt mal Conga, dann läuft‘s – eigentlich ganz witzig. Ich hatte die Screenshots vom Handy schon hochgeladen, dann aber gedacht – nee, auch doof sich über den Laden lustig zu machen, in dem man auflegt.

    Oder Kollege Geiger, der war neulich im Riva essen und saß zufällig mit einem Spieler des VfB am gleichen Tisch. War eine super Geschichte, hat er gemeint, hätte man ne Kracher-Geschichte drüber schreiben können. Hat er dann aber nicht, weil der Spieler sehr nett und sympathisch war. Warum sollte man ihn in die Pfanne hauen?

    Natürlich gibt es auch ganz banale Gründe, nicht zu bloggen. Wenn es irgendwo stinklangweilig ist zum Beispiel. Da geh ich irgendwo hin, vielleicht nicht gezielt, um darüber zu schreiben, aber schon mit der Erwartung, dass es was zu erzählen gibt. Und dann ist da einfach nix – ist meistens bei Mode-Events so. Oder der Grund „extra nicht“ – wenn ich zu einer Eröffnung eingeladen werde und der Gastgeber dann meint „schreibsch aber was drüber, gell?“. Äh – nö?

    Und dann natürlich noch nahe liegende Gründe – das meiste, was mit meiner Familie zu tun hat, zum Beispiel. Auch wenn Elternabende, Familienfeste und Verwandte natürlich mehr Geschichten hergeben, als ein einzelner Blog aufnehmen kann.

    Am Ende ist es aber dann doch so: Vielleicht werden so ein paar richtig gute Geschichten nicht geschrieben, aber vielleicht werden auch ein paar richtig überflüssige Geschichten auch nicht geschrieben. Und der Rest füllt dann immer noch einen ganzen Blog.

 
9 Kommentare »
 

LaberLaber 9 Kommentare

  1. Dienstag, 10. Januar 2012 um 12:22

    Wie wahr! Was ich im letzten Jahr alles angefangen und gelöscht habe: Zürich Fashion Week – mittendrin festgestellt, braucht kein Mensch, Friedrichtsbau Varieté – eigentlich dann auch langweilig,…
    Gerade liegt der halbfertige Weihnachtszirkus bei mir. Hab da einen gewissen Schlachtplan für die Kartenbestellung erstellt. Weiß aber noch nicht, ob ich den teilen möchte.

  2. Dienstag, 10. Januar 2012 um 13:07

    Welcher Spieler vom VFB?

  3. Dienstag, 10. Januar 2012 um 13:58

    Konnte die Rückennummer nicht erkennen. Aber er war wirklich freundlich und “down to earth”.

  4. Dienstag, 10. Januar 2012 um 14:44

    was gibts denn nettes in düsseldorf, das nicht jeder kennt?
    und wisst ihr zufällig, obs da nen ähnlichen blog wie kessel.tv gibt, über düsseldorf? muss da demnächst beruflich hin und das schöne stuttgart verlassen :/

  5. Mittwoch, 11. Januar 2012 um 6:33

    Es gibt übrigens noch die Möglichkeit über etwas zu bloggen ohne jemanden in die Pfanne zu haun.

  6. Mittwoch, 11. Januar 2012 um 8:43

    Klar… aber was andere behaupte ich doch auch nicht?!

  7. Mittwoch, 11. Januar 2012 um 10:37

    @Kollege Geiger vielleicht Guido Buchwald?

  8. Mittwoch, 11. Januar 2012 um 11:37

    Schoengeist: nein, es war ein aktueller Spieler. Und ein sympathischer. Also nicht Timo Gebhard. Den Diego Buchwald trifft man glaube ich nicht beim Italiener, sondern eher hier: http://kessel.tv/kickerle-tv-w.....strotisch/

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