• 8

    Kessel tv’s bunter Bilderbogen mit falsch gesetzten Apostrophen

    Nänänä… Papa RAM ist diese Woche im Urlaub. Die Gören sind allein zuhaus. Pennen bis in die Puppen, ernähren sich von Tiefkühlpizza und Ofenchips und bloggen nur Blödsinn. Heute: alles muss raus! Brauche Platz auf meiner Speicherkarte und sortiere deshalb hier ein paar Megabyte Fotos aus:

    Das trifft sich gut. Wir nämlich auch nicht. Im Marketing nennt man sowas „spitze Positionierung“. *Gefunden im Lehenviertel, nicht dass wir jemand mangelnenden Stuttgartbezug reklamiert.

    Viele Kinder leben in schlimmen Zuständen. Manche haben daheim nicht mal W-LAN. Für diese armen Geschöpfe sollen jetzt auf der Calwerstrasse beheizte Nintendo-Lounges entstehen. Der Pilot wurde von der örtlichen Bevölkerung schon gut angenommen.

    Früher hat man ja noch Kaufladen gespielt. Drinnen. Heute spielen die Kinder Kaffeepad-Maschine. Gesehen beim Spielwaren Kurtz. Und ich schätze, Ersatzpads kosten ein kleines Vermögen.

    Dabei kann man Kids doch so viel günstiger unterhalten:

    „Alternative Bestattungsformen liegen im Trend der Zeit und stellen den Friedhof, der der Menschheit seit Jahrhunderten als Ort der Erinnerung dient, immer weiter in den Schatten.

    Der Bund deutscher Friedhofsgärtner war auf Basis dieser Entwicklung dazu aufgefordert, zu reagieren und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, die die Bedeutung des Friedhofs ebenso wie die professionelle und kreative Arbeit des Friedhofsgärtners in den Fokus der Kommunikation rückt.“

    Ich wünschte, ich hätte mir das ausgedacht und es nicht in der Pressemeldung der Firma »Schwind, Agentur für Zukunftskommunikation« zu diesem Thema gefunden.

    Gute Nachrichten für Raucher in der Alexanderstrasse. Der leere Kippenautomat Ecke Bopserstaffel wurde jetzt gegen einen vollen ausgetauscht.

    Apropos rauchen: wiedergefundene Fotos aus Indien. Da zündet man Kippen elektrisch an. Neulich auch irgendwo gelesen, dass eine E-Zigarette explodiert ist. Analogschmöken ist vermutlich immer noch sicherer.

    Rauchen, die dritte und Welcome Home Geschenk für Martin. Wenn der RAM heim in seinen Blog kommt, wird er sich freuen.

    Metzger, Du Sau!

    Bin ja mehr so der Typ H&M Socke. Oder Kaufhof. Je billiger und je mehr im Sparpack drin, umso besser. Hab mir aber jetzt im Sale (the Veranstaltung formerly known as Winterschlussverkauf)  mal am Grabbeltisch mein erstes Pärle Falke rausgelassen, wie die Checker sagen. Und muss zugeben: schon ein anderer Tragekomfort. Als ich jetzt aber den fliegenden fahrenden Händler Sockenparadies Dudu überholt hab, wusste ich: da kaufste in Zukunft dein Beinkleid für untenrum.

    Neulich im Waschsalon Trieb an der Wand abfotografiert. Der Typ wird weder gesucht noch stand was dabei. Scary shit? Wer kennt diesen Mann? Sockenfetisch? Wäscheklau? Trieb-Täter? Oder vielleicht nur: Huhu, Ihr Flitzpiepen, wir haben ne Webcam!

     
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  • 3

    Fingerabdrücke sind ab dem vollendeten 6. Lebensjahr zu speichern

    Jetzt noch fälschungssicherer. Als 32- oder 48-Seiter erhältlich.

    Man muss auch mal lanzenbrechen, den lieben Gott n guten Mann sein lassen. Den Tag vor dem Abend loben. Oder das Bürgerbüro Stuttgart.

    Musste nämlich meinen Pass verlängern. Dachte ich. Pass verlängern geht aber nicht, nur neu machen. Dazu geht man als Stadtschwabe ins beste Bürgerbüro der Welt im hässlichsten Eberhardzentrum der Welt.

    Komische Ecke und eigentlich gibt’s nur zwei Gründe, sich da rumzutreiben: sensationell Chawarma im Imbiss Beirut essen oder vegetarisch im Iden. Auch wenn man da sitzt, wie bei einem Elternsprechtag der Waldorfschule, lecker isses. Baghwan Disco gibt’s ja leider auch nicht mehr – und das Rumours ist glaube ich jetzt eine Großraum Shisha-Lounge, oder?

    In München hab ich für’s Um- oder glaub sogar Abmelden mal einen ganzen Vormittag gebraucht und wurde dafür in der Tonart bayrisch-grantelig behandelt. Nicht so in Stuttgart, wo der Amtsschimmel ein kunterbuntes Einhorn ist. It’s so fluffy i’m gonna die. Man zieht eine Nummer, atmet ein, atmet aus – und ist dran.

    Home of the schnelles Drankommen – das Bürgerbüro.

    Drinnen am Tresen, der herrlich mit einer eigenwilligen Pflanzensammlung zugewuchert ist, sind sie im Bürgerbüro zu uns Bürobürgern jedes Mal superduperfreundlich und hilfsbereit.  Sind das eigentlich schon Beamten, die da arbeiten?

    Vor einiger Zeit waren sie schon mal sehr kooperativ im Kampf gegen die GEZ. Als ich nachweisen musste, dass ich da, wo die dachten, dass ich wohne, schon lange nicht mehr wohne. „Die GEZ möget mir au net. Da machet mir was“ sagten sie auf dem Bürgerbüro und machten was.

    Beim Passneumachen konnten sie aber auch nix machen: dass mir der junge Mann mit den langen Haaren nicht ähnlich sah, hätten sie noch durchgehen lassen. Aber beim besten Willen war das olle Passfoto, das ich genau für solche Anlässe immer im Brustbeutel bei mir trage, nicht biometrisch. Musste also erst zum Bergmeister gegenüber.

    Das hatte allerdings wenig von einem 16-Euro-Fotoshooting, außer, dass der Prakti mit der Kamera mich laufend „mein Herr“ genannt hat. Er hat dann aber mit ner normalen Knipse aus der Hand geschossen. Ein Fotografierapparat, wie ihn der RAM ja jetzt auch neuerdings besitzt. Hätte mir also auch gut seine Hospitalhofbilder in den Ausweis kleben können. Die sind bestimmt biometrisch.

    Passfotomachen und nur eins brauchen, aber 8 bekommen erinnerte mich n bissle an früher. Wenn der Schulfotograf kam und man dann wegen chronischem Nichtneinsagenkönnen 1x das Klassenfoto in 9×13 glanz bestellt hat und 4x das geschniegelte Portrait vor dem marmorierten Hintergrund.

    Kurz nach dem Passbestellen treffe ich einen Ex-Kollegen, und wir plaudern so und er erzählt, dass es seinen Namen Doug in Deutschland nur fünfmal gibt. Woher er das wisse, will ich wissen. Die letzten Ziffern des Ausweises würden das verraten, habe er gehört.

    Praktische Mittelfingerhalter für müde Mitbürger

    Kannte die Gerüchte gar nicht. Manche behaupten sogar, die Ziffern würden angeben, wie viele Menschen einem ähnlich sehen. Stimmt aber beides net. Hab das gleich widergoogelt. Früher, als die GEZ noch wusste, wo ich wohne, und mein Reisepass noch grün war, gingen Gerüchte eindeutig länger. Da haben sie sich zwar viral verbreitet aber nicht viral aufgelöst – wie heute übers Interweb.

    Kein Gerücht ist, dass sie einen vielreisenden Freund von mir neulich am Münchener Flughafen nicht wegfliegen lassen wollten. Weil in seinem Reisepass keine Seite mehr für das zu erwartende Visum frei war. Wenn dein Pass nicht zu alt ist zum Reisen, sondern zu voll – dann hast du es geschafft.

     

     
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  • 9

    Ausflug nach Schönbuch

    Seggl kennt jeder, ein Lombamensch ist hingegen laut dem schwäbischen Duden Angebot im Internet wahlweise eine “freche weibliche Person” oder “ein unartiges Mädchen”.

    Willkommen im Gasthof Schönbuch, mitten im Herzen der Stadt, in der einstigen Batscherei-Disco No. 1, dem Move, gegenüber der Gloria Passagen und zwischen entstehenden Carrés, ein fundamentiertes Wasenzelt im Herzen, wo die Welt noch in Ordnung ist und alle Weible Prosecco trinken und die Männle Hefeweizen. Fast, Thorsten hat nämlich gar nichts getrunken und sein Bruder auch nicht. Und ich Apfelsaftschorle. Bananenweizen war gerade aus.

    Gerüchten zu Folge hat sich die Schönbuch Brauerei mit der eigenen Eckkneipe einen langjährigen Traum erfüllt. Munkelt zumindest die Stuttgarter Gastronomie-Szene. Falls da mal alles fertig sein sollte, schmiegt sich das da auch echt gut ein, “dort wo das Herz in Stuttgart schlägt”, nämlich im Bülow Carré und im Century. Remember?

    YouTube Preview Image

    Famous Nutzungsmix. Dat wird toll. Irgendwann im Winter bin ich aus dem Gloria Kino gefallen, seh´ gegenüber dieses hellerleuchtete Ding mit dem kupfernen Braukessel in der Einfahrt und denk mir, wasderfick ist denn das? Ein Bierzelt! Juhu! Stempel druff und gut ist.

    Vorhin mit dem Weh-Brothers Mittagspause gemacht, mussten zusammen überlegen wo wir jetzt die eine Milliarde für Sascha Lobo hernehmen, den wir vorgestern gekauft haben, weil wir uns dachten, was Facebook kann, können wir auch, Shoppen macht sowieso ganz doll Spass und bei Sigrun Wöhr gab es gerade nix.

    Wollten eigentlich ins Minimum genauso geile Todi´s (okay, geht schon), da war es aber voller als im Transit und im Vapiano kommste sowieso nur noch mit der Schwarzen Karte rein und ist eh doof und fürs Fünf waren wir zu casual angezogen. Savoir Vivre sag ich da und irgendeiner kam auf die Idee ins Schönbuch zu gehen, warum auch nicht, ist ja bald Frühlingsfest.

    Tischanordnung bisschen wie im Bierzelt nur ohne Zelt, ansonsten kann man sich da schon mal reinhocken mit der Firma, so nach einem guten Geschäftle, also falls man mal wieder Instagram gekauft hat oder Pinterest oder myspace oder halt auch doch nur Netscape. Da laufen die Bananenweizen.

    Gibt´s aber auch Mittagstisch, und wir sind bekanntlich absolute Mittagstisch-Fans, suchen immer wieder neue Alternativen, weil wir mittags total gerne essen und nicht abends. Ist ja auch besser so. Thorsten schlug als Alternative doch tatsächlich noch das Hotalo vor, aber da hab ich schon mein über Jahre liebevoll aufgebautes Anti-Hotalo-Image einmal durchs komplette GWM laufen und in den Neckar spülen gesehen und bestimmend gesagt: Nee du, das geht wirklich nicht. Scheiße drüber schreiben und dann doch die stinkende Scheiße fressen passt nicht einfach zusammen.

    Im Schönbuch angekommen musste Thorsten natürlich sofort schlaumeiermässig die Tanzfläche vom Move heraufbeschwören, fuchtelte mit den Armen herum, “hier ungefähr war sie oder?”, ist doch mir egal, lass uns Futter bestellen, gemischter Salat für den Bruder, Hackbraten für einen Kollegen, Maultaschen für Thorsten und für mich Kabeljaufilet. Savoir Vivre.

    Andere Gäste waren scheinbar hungriger und die Tellertaxis (Copyright Andre H.) fuhren ganz ehrlich und echt jetzt komplette Haxen und andere Berge an Nahrung an die Nebentische aus. Haxen ist eh son Fall für sich, finds persönlich allgemein najagehtso, aber um 13 Uhr zum Mittagessen, an einem Mittwoch? Also wenn du da eine Haxen gegessen hast, kaufste danach garantiert nicht mehr Instagram und nicht mal mehr einen Sascha Lobo, sondern legst dich direkt auf deine Vorstandscouch oder halt doch nur auf die Bank an der Bushaltstelle. Oder halt in den Biergarten von Sonja Merz.

    Unsere Essen war scheinbar vier mal völlig in Ordnung, hat zumindest keiner gemotzt, aber ist jetzt auch keiner komplett ausgeflippt. Meine Kartoffeln waren etwas fad, der Fisch ging schon, Thorstens Maultaschen sahen etwas trocken aus auf die Distanz, kann mich aber auch täuschen. Sonst keine weiteren Besonderheiten. Lief Gott sei Dank keine Musik und die Toiletten waren so bisschen Design. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg und schicken viele Grüsse nach Schönbuch und wer mehr über diese traditionelle Unternehmen erfahren will liest halt Wiki. 

     
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  • 12

    Lebensmittelpunkt Stuttgart

    Lohrer Schloss mit Rathaus

    (Lohrer Schloss mit Lohrer Rathaus links – wer nicht dafür ist, ist dagegen.) 

    Seit einiger Zeit pflege ich eine Dependance im fränkischen Lohr. Genauer gesagt eine Einliegerwohnung, denn ich bin unters Berufspendler-Volk gegangen. Freunde von mir machen das auch: Pendeln von Stuttgart nach München oder Zürich. Ich rede mir ein, dass das eigentlich das Gleiche ist. Bis ich soweit war, dass ich das geglaubt und mich mental und organisatorisch mit meinem Aufenthalt in der mainfränkischen Provinz angefreundet habe, sind sechs Wochen vergangen. Eigentlich schnell, wie ich finde. Das Lohrer Völkchen und die (kein Scherz) guten Sportmöglichkeiten haben geholfen.

    Völlig gefasst bin ich vor vier Wochen also auf’s Lohrer Rathaus marschiert um den finalen Schritt zu tätigen und meinen Zweitwohnsitz in Lohr anzumelden. Meine Steuerberaterin war auch schon voller Freude: “Jetzt können wir loslegen: doppelte Haushaltsführung, Pendlerpauschalen…” – die Gute ist von den neuen Möglichkeiten so entzückt, wie Tobsen von seinen Stickern auf nackten Brüsten.

    Leider ist das in Lohr dann alles nicht so einfach. Zweitwohnsitze sind hier nämlich in etwa so beliebt wie ein Kunde beim Breuninger um Fünf vor Acht. Meine zuständige Sachbearbeiterin – nennen wir sie Frau Kurz – rümpft über mein Ansinnen erstmal die Nase und dreht meinen Perso verächtlich hin und her: “So, Sie haben ihren Hauptwohnsitz also in Stuttgart”, stellt sie mit investigativer Spitzfindigkeit fest. “Dann haben sie hier also nur eine befristete Stelle?” – Ich: “Nö.” “Dann ist es eine Teilzeitstelle?” – Ich: “Nö”. “Sind sie in Stuttgart verheiratet?” – Ich: “Nö.”

    Dreimal nö, das war dreimal ein Fehler. Völlig unbedarf bin ich ihr total in die Falle gegangen. Diabolisches Grinsen bei Frau Kurz und selbstsicheres Wedeln mit meinem Perso: “Wenn Sie fünf Tage die Woche in Lohr arbeiten, dann sind sie die meiste Zeit hier und dann ist das ihr Hauptwohnsitz. Alles andere ist strafbar, haben Sie das nicht mitbekommen bei dem Becker?”

    Ich glaube es hackt! Das nenne ich mal harte Bandagen um gegen Zweitwohnsitze vorzugehen: Die geben ihren Sachbearbeiterinnen Kopfpauschalen für jeden neuen Lohrer. Anders kann es nicht sein. Stuttgart ist doch nicht Monaco und ich nich’ Bobbele.

    Entrüstet nehme ich Frau Kurz erstmal meinen Perso wieder ab und erkläre ihr, dass mein Lebensmittelpunkt Stuttgart sei. Das lässt sie völlig kalt – sie kennt die Stadt aller Städte nicht und überhaupt hat sie eine Kopfpauschale. Mit wirrem Blick und erhobenem Zeigefinger erinnert sie mich an meine Meldepflicht. “Das müsste uns ihre Personalabteilung schon bestätigen oder ein Ehemann, dass Sie wirklich nicht ständig in Lohr sind.”

    Oma’s Rache. Die hat mir immer gesagt, mein liederlicher Lebenssstil rächt sich mal. Hab natürlich keinen passenden Ehemann, der das bestätigt. Und die Personalabteilung hat bei meinem späteren Anruf auch nur müde den Kopf geschüttelt: “Wir führen doch nicht Buch, wo Sie sich gerade rumtreiben.”  Hallo! Ich habe Reisetätigkeit!

    Das zukünftige Nummernschild mit  drei (!) Buchstaben vor der TÜV-Plakette vor Augen – wenn alles schief geht bin ich “MSP” – habe ich eine panische Facebook-Nachricht an meine Steuerberaterin geschickt. Aber die hat sich auch nur totgelacht: “Wo bist denn Du gelandet? Bekämpfen die die Urbanisierung schon mit Kopfpauschalen?”

    Sehr witzig, auf die Idee bin ich selbst schon gekommen. Auf den Schreck musste ich erst einmal wieder einige Wochen ins Land ziehen lassen. Meine Steuerberaterin, die auf die Sache mit dem Zweitwohnsitz, wie gesagt, auch ziemlich scharf ist, hat mich dann letztendlich genötigt aktiv zu werden. Es steht ja nicht nur das Nummernschild auf dem Spiel.

    Bewaffnet mit  den Mietverträgen meiner Lohrer Keller-Bleibe (“Einliegerzimmer”, steht da wirklich) und meiner frech teueren Stuttgarter Wohnung, Teilen meines Arbeitsvertrags und sehr wichtig klingenden Aussagen meiner Steuerberaterin (extra von FB auf sau gut aussehendem Briefpapier kopiert) habe ich mich so bereit für die nächste Schlacht erneut auf den Weg ins Lohrer Rathaus gemacht. Frau Kurz hatte wohl frei, ich kam zu ihrem ziemlich jungen Kollegen und fordete erneut einen Zweitwohnsitz .

    Meine gesammelte Indizienmappe vor Augen meinte der Beamte aber nur beleidigt: “Schon okay. ‘Mein Lebensmittelpunkt ist in Stuttgart’ hätte mir auch gereicht. Sie wollen wohl absolut nicht nach Lohr ziehen.”

    Da war ich perplex und wurde noch bisschen frech: “Sie halten wohl nix von der Kopfpauschale? Oder kennen Sie Stuttgart?” Hat er nicht geblickt. Stempel auf meine Unterlage und Frau Kurz hab ich nie wieder gesehen. Happy Lebensmittelpunkt Stuttgart!

     
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  • 6

    Mittagspause im Brunnenwirt

    In der Wahrnehmung vieler Menschen, so bis vor kurzem auch bei mir, egal ob man schon 100 Mal an dem Haus vorbeigelaufen ist, ist der Brunnenwirt eine 24/7 (?) Imbissbude, die, so will es eine Legende, die beste Currywurst der Stadt anbietet. Jana hat vor zwei Jahren schon mal dasselbe behauptet, voraus ging eine Currywurst-Diskussion.

    Ich habe bis heute noch keine Currywurst beim Brunnenwirt gegessen. Dafür jetzt schon zwei mal drinnen “gute ehrliche Küche”, wie Joe Bauer sagt, der mich vor ein paar Monaten darauf gebracht, dass der Brunnenwirt nicht nur ein Imbiss, sondern ein echter, richtiger Gasthof mit Sitzplätzen ist. Das Wirtshaus kann man durchaus schnell liebgewinnen.

    Am Wochenende hatte unser Geiger Geburtstag, happy Birthday nochmals du Spitzentüp, wie Tumblr-Menschen sagen. Hat am Sonntag mit Bowling gefeiert, leider war ich nicht bowlfähig, hab brav gratuliert, mich artig entschuldigt und Plan B aus der Tasche gezogen: “Lass uns am Dienstag Mittag IM Brunnenwirt machen.”

    Geiger war begeistert, und ich habe sofort einen Tisch reserviert. Quatsch, muss man nicht tun. Ist nicht so viel los. Ich geh stark davon aus, dass man dort abends mehr erlebt. Da kommt der Kiez zusammen. Vielleicht. Ich weiß es nicht.

    Ich war jedenfalls wie immer pünktlich. Ich bin wahrscheinlich einer der pünktlichsten Menschen auf dieser Erde. Immer Punktlandung. Geiger nicht. Ich sitze drinnen, schreibe ich ihm. Draußen warten ist blöd. Oder sagen wir, je nach Gemütslage. Manchmal traut man sich auch nicht alleine wo reinzugehen. Also ne du, alleine geh ich da nicht rein! Wer kennt es nicht. Den Brunnenwirt alleine zu betreten bedarf es keinen großen Mutes.

    Der Gastraum ist ziemlich urig und urig ist eigentlich ein Wort, dass man bei LIFT-Gastrotests nicht schreiben darf, sonst motzt die Brini, aber hier geht das. Auf den Tischen steht ein Maggi-Fläschchen. Das ist mittlerweile vom Aussterben bedroht. Musik: Beatles “A Hard Day´s Night”. Mein Apfelsaftschorle kommt im Viertelesglas.

    Man beachte die Details an der Wand: Maggi, Mecki, Nudel-Ochs.

    Ich fokussiere die großartige Schwingtüre und halte den Finger am Abzug. Anspannung. High Noon.

    Da isser!

    Kommt rein und lacht erst mal kräftig. Guckt sich um. Sagt: “Gefällt mir!” “Gute Musik!” Im Radio kommt “Here comes the rain again” von Eurythmics. Happy Birthday Großer!

    Auf der Tageskarte stehen geschmelzte Maultaschen mit Salat oder paniertes Kotelett mit Salat. Ich hab aber den ganzen Tag schon Bock auf Schinkennudel, weil die letztes Mal so großartig waren. Geiger entscheidet sich für die gebratenen Maultaschen. Im Brunnenwirt brät man alles gerne in Omelettform zusammen.

    Geiger meint, das ist die erste Pizza mit Schinkennudeln, die er jemals gesehen hat. Sollte vielleicht der Pinar ins Programm aufnehmen.

    Beim Essen wir immer gute Gespräche. Wir reden darüber, dass die Menschen bei Aufführungen wie Konzerte, Theater oder Pecha Kucha ständig neben her quasseln müssen und sich nicht auf die Darbietung konzentrieren können. Oder dass sie immer ihr Handy rausholen müssen. Twittern, facebooken oder Lieder auf einem Konzert mit Shazam scannen. Doppeltdämlich.

    Abgesehen davon, dass man vielleicht die Lieder des Künstlers kennen sollte, dessen Konzert man besucht, erklärt mir der Geiger, dass das Shazam-App (logischerweise) nur bei Studiomusik funktioniert. Abgeglichen werden die Frequenzen der Originalaufnahmen. Er hätte mal solange versucht “Wind of Change” ins Handy zu pfeifen bis Shazam “Wind of Change” anzeigt. Ging aber nicht. Im Brunnenwirt läuft gerade “Money for Nothing” von den Dire Straits. Jetzt weiß ich, dass das mein Ort ist. Shazam wird fündig. “Das musst du fotografieren!”, ruft der Geiger.

    Dabei hab ich es nicht mal in die Jukebox eingelegt, war nur ein guter Radiosender.

    Eine der Playlisten:

    Abgesehen vom “ehrlichen” Essen gibt es eigentlich nur einen Grund in den Brunnenwirt zu gehen, nämlich dieses Spektakel:

    Sollte wirklich jeder einmal live gesehen habe. Die Frauen auch. Nur mal angucken. Die berühmteste ihrer Art in ganz Stuttgart. Ich zumindest kenne keine andere mehr (Finca?). Und noch einmal die Legenden aller Brunnenwirt-Legenden: Da lag mal eine Leiche drin.

    Heute nicht, machte trotzdem 25,60 Euro. Essen plus zwei Apfelsaftshorle plus zwei Espressi plus Entertainment. Gute Investition.

     
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  • 21

    KTV Radtour: Schorndorf

    (Nachbau Schorndorf im Studio Babelsberg/Berlin) 

    Grandioses Ausflugswochenende, Geiger beim Fubes in Heidenheim, ich auf Tour de Großraum, Etappe nach Schorndorf, viele Sprintwertungen, kaum Punkte fürs Bergtrikot und sowieso keine Bergankunft. Schorndorf kickt übrigens in der Kreisliga B1 und steht aktuell auf dem vierten Tabellenplatz, heißt also Champions League Quali.

    Hab, wie schon paar Mal gesagt, meinen Sporthorizont im wahrsten Sinne des Wortes erweitert. Nicht nur das Gerät sondern auch die Distanzen. Nochmals Kurzfassung: Vergangenen Frühherbst Zeh gebrochen und als Laufersatz ein Rennrad gekauft. Kein Sport ist Mord, brauch das, muss was tun, sonst funktioniere ich nicht. Rennrad kaufen wäre sowieso dieses Jahr auf dem Plan gestanden, zum einen als Laufausgleich, zum anderen weil ich meine zwei, drei, vier Laufstrecken (manchmal) nicht mehr sehen kann und zum dritten weil ich sowieso schon immer ein Rennrad haben wollte. Kleinerjungentraum. Jetzt fehlt nur noch die große Lego-Eisenbahn.

    Wie schon gesagt, man erweitert im Vergleich zum Laufsport ganz fantastisch seinen Aktionsradius, in meinem Fall von (aktuell) 15 bis 20 Kilometer zu Fuss auf (aktuell) gute 80 mit dem Rad. Da kommt man rum, da sieht man was. Wollte ursprünglich im Frühjahr einen zusammenfassenden Post bringen, hatte mir schon die Megaüberschrift ausgedacht, wie z.B. “Der Großraum” oder “Die Region”, unfassbar, aber zu viele Eindrücke auf einmal, also ab jetzt unregelmässig Großraum-Blog en Detail. Neue Zielgruppen erschließen. Filderstädter, Esslinger, Plochinger, Bietigheimer, Marbacher und Schorndorfer, wir kommen jetzt zu euch. Mit viel Liebe und vom ganzen Herzen. Und gerne auch mal mit Warnweste und Blitzjacke. Und keine Angst: Wir sind schnell wieder weg.

    Und das geht so: Ich überlege mir einen Zielort, den ich nicht kenne, und ich kenne bzw. kannte bis Herbst letzten Jahres eigentlich so gut wie keine Ortschaften umliegend von Stuttgart (nicht böse gemeint, ge), schau auf Maps nach ob das machbar ist und dann fahr ich da halt hin.

    Da ich am Freitagabend in der Corso den DJ-Kollegen Busted (?) aka Rene aus Schorndorf kennen gelernt habe, war das nächste Ziel geritzt und die Vorfreude groß: Schorndorf Alda! So hab ich es am Samstagmittag getwittert. Und ne Whatsapp Gruppe erstellt mit Thorsten und Tobsen drinne, ob sie mitkommen wollen. Thorsten war wohl verplant und Tobsen schon ziemlich erledigt vom Fixie-Schieben vom Palast zum Todi’s. Da sass er auch in der Sonne und hat auf seine Currywurst gewartet. Hat mir Props für meine Oberschenkel gegeben und dann bin ich abgedüst.

    Zunächst bisschen Schönwettergeeier durch den Park in Richtung Cannstatt, dort am Bahnhof und diesem Carré-Dings entlang und dann hoch nach Fellbach, fast bis zum echten Mexikaner aber dann doch an der Alten Kelter oder wie das heißt vorbei. Da kann man dann auch den Kappelberg hochklettern, aber der fickt dich voll, ey. Wirklich.

    Hab ich mir heuer erspart und bin dann direkt weiter nach Waiblingen, mehr oder weniger an der B14/B29 entlang, bis man in Waiblingen bei so einem Sportplatz und der FSV Vereinsgaststätte aufschlägt, war gerade auch ein Spiel lief.

    Von da an ist Schorndorf ziemlich gut ausgeschrieben (noch 19 Kilometer) und von da an kann man auch gut reintreten. Alles flach, relativ gute Wege, selten wellig und wenig Schlaglöcher, vielleicht etwas zu viele Kurven und Zickzack-Chichi, aber wenn man die Strecke ein paar mal gefahren ist, geht das glaub noch etwas besser. Weiterhin ist man so gut wie alleine auf weiter Flur. Einzige Konkurrenz sind ein paar Inliner. Genauer gesagt ist Inline-Skating im Remstal schwer angesagt.

    Zwischen der B29 und der Rems kommt man durch Weinstadt, Beutelsbach, Remshalden und Winterbach, wobei ich ehrlich gesagt kaum realisiert habe, wo ich gerade genau bin, sondern eher nach dem nächsten Schorndorf-Schild Ausschau gehalten habe – und nach Peter Hahn natürlich.

    Voll der Schock, wusste gar nicht, dass der Modezar (Fashion-Magazin-Floskeln for Life) von hier ist. Residiert am Peter-Hahn-Platz 1, natürlich. In Winterbach. Da freut man sich garantiert über die Gewerbesteuereinnahmen. Marmorzebrastreifen (Sindeflinger Legende) hab ich allerdings keine gesehen. Entweder sind die Winterbacher aufm Boden geblieben oder ich war halt zu Blitz und folglich nach gut 1:30 h in Schorndorf (Alda). Jaja, geht garantiert schneller, aber ey in Stuttgart war viel Stau!

    Wenn man mit dem Rad reinfährt sieht man als erstes ein riesiges altes Backstein-Gelände mit einem riesigen Schornstein. Der gemeine Radtouri kombiniert sein gefährliches 1/16-Wissen und denkt sich klar, Schornstein in Schorndorf macht Sinn. Daher der Name. Ich folge dem Schild “Daimler-Carré”, weil ich Carrés prinzipiell total geil finde, weil ich ja aus der Carré-Stadt komme. My Home isch my Carré. My Carré isch my Castle.

    Wo das Daimler-Carré dann letztendlich war, keinen Blassen, hab dafür die Bikes-N-Boards-Zentrale am Bahnhof entdeckt. Sah beeindruckend aus, denn auf der Glasfassade waren wichtige Schorndorfer Ereignisse zu lesen (Stadtgründung, Rathausbau, Carré-Bau, erster DJ-Gig von Emilio etc.). Spässchen, die Schorndorfer, dachte ich mir, alle Achtung!

    (Bild nicht von mir. Aber das haben sich die BnB-Jungs verdient, sind wirklich freundlich in der Tübingerstraße. Und in Schorndorf bestimmt auch.) 

    Dann in die Altstadt eingebogen, von der der Rene schon meinte, sie wäre echt schön. Hatte er recht, ich war wirklich sehr überrascht und Boss fühlt sich scheinbar auch wohl.

    (Neuer Fototrend: Incoming Kinderwagen. Wer startet einen Tumblr?) 

    An diesem Bauzaun hab ich mein Rad angelehnt und bin abgestiegen. Ein paar ältere Herrschaften meinten im Vorbeigehen, dass es da hinten zur Dopingkontrolle gehen würde. Bin ja nicht so und sowieso Gast in Schorndorf und somit auf den voll amüsanten und überaus innovativen Scherz eingegangen und hab gesagt, dann geh ich mal an die Wand pissen.

    Allgemein schwebte an diesem Mittag so eine schwäbisch-mediterrane Leichtigkeit über das Pflaster. Hätte ich nicht gestunken, hätte ich mich wahrscheinlich noch kurz in eines der Cafés gesetzt oder ein paar Läden erkundet, einer davon hieß ohne Scheiß No Tabus. Das Angebot ist klar oder?

    Wollte aber nicht auskühlen (und hab eben höchstwahrscheinlich gestunken) und bin dann mehr oder weniger auf der gleichen Strecke – mit einem kleinen Bogen durch Endersbach – zurückgebrettert. Triumphale Einfahrt in Cannstatt. Trikot immer zu machen kurz vor dem Ziel, klar. Sponsored by Getränke Residovic und Peter Hahn. Gesamtfahrzeit 3:15h, 80 Kilometer. Da lacht zwar der Joe, mir hat es aber trotzdem gereicht.

     
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  • 24

    Leck mich, VfB Stuttgart. Echt.

    Foto: Kicker

    Ich habe kein Kabelfernsehen, bin vor einiger Zeit trotzdem zehn Minuten in den Genuss gekommen, da ein bisschen reinzuschauen. Im Dschungeldingens sagte ein mürrischer Schweizer, der scheinbar zaubern kann und Vincent Raven heißt: “Ich habe die Fresse voll, echt. Ich bin auf dreihundert oben. Das stinkt abgöttisch.” Das Irre daran: er hat nicht mal vom VfB Stuttgart gesprochen.

    Der VfB Stuttgart und ich führen nun seit einiger Zeit eine seltsame Beziehung. In der Zeitschrift Gala wird so was “On/Off-Relationship” genannt. Haut halt nie richtig hin, obwohl sich beide im Rahmen ihrer begrenzten Fähigkeiten bemühen. Hab’ auch schon drüber nachgedacht, mich zu trennen. Respektvoll, gute Freunde bleiben und all’ das Zeug, das keiner so meint, aber trotzdem ständig gesagt wird.

    Manchmal rede ich mir auch ein, dass alles eh irgendwie egal ist (“ist ja nur ein Spiel”), aber schaue trotzdem ständig im Telefon oder Internet, ob sie sich gemeldet hat, was passiert ist.

    Dass der nötige Respekt für eine würdevolle Trennung derzeit kaum aufzubringen ist, hat wahrscheinlich mit meiner verletzten Eitelkeit zu tun: Mir fiel nämlich auf, dass es dem VfB wesentlich besser geht, wenn ich nicht da oder überhaupt nicht in der Nähe bin. Schlampe.

    Ich kann machen, was ich will – bin ich da und schau zu: geht gar nix. Fahr ich weg und hab keine Zeit, ins Stadion oder in die Fußballkneipe zu gehen: sichere drei Punkte.

    Nix als Tragödie: Ich muss zusehen, wie Schalke den VfB zerlegt und Kevin Kuranyi nur nicht trifft, weil er seit Ewigkeiten gar nicht mehr bei Schalke ist. Mönchengladbach lässt sich auch nicht lumpen: nulldrei. Wolfsburg: einsnull, auch verloren. Leverkusen: mit ach und Krach ein Unentschieden. Wenn’s nicht so weh tun würde, könnte ich den Kopf gegen die Tischkante hauen.

    Dann der absolute Tiefpunkt: Pokalspiel gegen Bayern im Februar. Ich friere mir im Stadion die Zöpfe an den Kopf und trotz brandneuer Winterjacke: nullzwei gegen Bayern. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze und ich die Schnauze endgültig voll:

    “Fauuuehhfffbeeehhh, Wir steeehhhnn zu Diiehhr”, mir reicht’s langsam mit der Steherei und den Durchhalteparolen. Zwei Stunden in der Eiseskälte gegen die Bayern sind genug. Ich sehe auch nicht ein, schon wieder aufzustehen, nur weil ich “Schwaaahhhbbbeee” bin, aber VfB hat harte Fans, die reissen sich notfalls selbst vom Hocker.

    Ich war ursprünglich wegen Fußball gekommen. Gesehen hab ich leider nichts davon. Doch, einmal kurz: dann stand’s auch schon 0:1 für Bayern und Ribery freute sich sehr. Neben mir brüllt einer: “Herrgottscheissdrecknochmal, was??”. Antworten gab’s keine. Dafür geht man aber auch nicht zum Fußball. Ausrufezeichen gibt’s auf dem Sportplatz nur ungefragt oder gar nicht. Der Rest sind Fragen, wie bei allen Dingen, die mit den Gesetzen des Verstands kaum zu ergründen sind.

    Der Einpeitscher im A-Block ermutigt derweil dazu, die Mütter und weiblichen Familienangehörige von Bayern kritisch zu hinterfragen. Kann man schon mal machen, “Effzehh Bayern Hurensöhne” brüllen, wenn sonst nix anfällt. Den restlich verfügbaren Bayern soll ich die Lederhosen ausziehen, miese Nummer bei Minus acht Grad. Ich überlege trotzdem, wem ich gerne die Lederhosen ausziehen würde. Niemand davon kommt aus Bayern.

    Die Bayern-Fans wiederum sind sehr freundlich. Da mischt sich Häme mit Mitleid. Ein niederschmetternder Cocktail. Sie wünschen Bruno Labbadia lautstark alles Gute zum Geburtstag – der Trainer des VfB-Stuttgarts wurde da gerade 46 Jahre alt. Das erste Geschenk überreichte gerade Ribery.

    Bei 0:2 dann die Erleuchtung. Der Einpeitscher im A-Block, der schon sehr viele bemerkenswerte Zweizeiler ins Mikro krächzte, lässt endgültig die Bombe platzen: “Entweder wir packen es … oder nicht”. Er sieht dabei aus wie der Sänger einer Hardcoreband – breitbeinig, Arme seitlich hochgeklappt, brüllt er ins Mikro – nur halt ohne Band hinter sich. Da war nur das Spiel. Und das war nix. Gar nix.

    Der Blick auf die Anzeigentafel macht mich trotzdem glücklich: “86. Minute, 0:2″. Verlängerung oder Elfmeterschiessen wird’s nicht geben und die Gefahr war nie geringer, dass irgendein gut betuchter Club uns die geilen Kicker wegkauft. Es sei denn, der Ulreich fängt jetzt auch noch mit Toreschießen an. Der Typ ist Hardcore – hält wie ein junger Gott und steht auch bei Minusgraden im Kurzamtrikot im Tor.

    Ein paar Tage später laufe ich mit einem befreundeten Hund durch die Eifel. Nette Gegend, tolle Menschen. Da wird in Ortschaften noch mit Straßenschildern für Apotheken geworben. Und obwohl ich Hunden, Spaziergängen und der Natur bisher wenig abgewinnen konnte – ich tu’s und pfeiffe auf Fußball. Kann mich mal. Gut, ab und an versuche ich, heimlich auf den Liveticker im Telefon zu spechten. Das Ende vom Lied: der VfB gewinnt fünfnull gegen Hertha. Einfach so, souverän den Blinker gesetzt und auf die Siegerstraße abgebogen, während ich mich frage, weshalb der Hund seinen Namen nur kennt, wenn ihn andere rufen. Rufe ich – passiert nix.

    Die Woche drauf, völlig angefixt, weil’s jetzt ja endlich bergauf geht, wieder ins Stadtbadstadion zu Heslach gedribbelt, Stammplatz bei Schorsch eingenommen und “Schalalalala” gedacht. Wahrscheinlich auch gesagt. Ich neige zu derartigen Schrullen.

    Das Stadtbadstadion hat mir gefehlt: immer Topstimmung auch in der Krise. Den Fernsehsender SKY und die Zeitlupenwiederholungen habe ich auch vermisst. Ich mag das. Da kann ich ungefragt “Da! Siehste! Eyy! Mannmannmann!” durch die Kneipe rufen, als ob ich’s beim ersten Mal in Echtzeit schon gesehen hätte. Fernsehen ist toll und die Leute von SKY kümmern sich. Zur Halbzeit fragt mich deren Reklameabteilung sogar, ob ich heute schon geschweppt hätte. Klar, können die nicht wissen. Nächstes Mal weise ich sie trotzdem darauf hin, dass ich schweppen kann, wann immer ich will. Auch toll: da stöckelt in der Halbzeitpause immer eine blonde Frau über den Bildschirm, die von Fußball erzählt. Ich würde ihr gerne zuhören, vergesse es aber meistens. Ich denke, dass sie genau deshalb da rumstöckelt.

    Egal, Hannover steht auf dem Programm. Ich bin aufgeregt, wie es sich das für Leute auf der Siegerstraße gehört. Machen wir’s kurz: zweivier auf den Sack bekommen. Einziges Highlight: die Frau am Tisch. Sie klopft fassungslos auf den Tisch, schaut ratlos und meint “Sag mal, hat der Pogrebnyak seine Schuhe in Stuttgart vergessen?” als Harnik ein todsicheres Ding freistehend vor dem Torwart versemmelt. Der Hund aus der Eifel, die Frau und sogar ich hätten den barfuß versenkt. Pogrebnyak übrigens spieltmittlerweile in England. Trifft nach Belieben. Publikumsliebling.

    Dann wieder der Hund im Eifelgrenzgebiet, der eigentlich Luna heißt und eine heiße Doberfrau ist: während ich Stöckchen durch die Eifel werfe, die Luna nie mir, sondern ihrer Cheffin oder gar nicht wieder bringt, gewinnt der VfB viereins und fast mühelos gegen Freiburg. Luna schaut mich treudoof an und nickt mehrmals mit dem Kopf.

    Eine Woche später-Berlin, Kreuzberg. Soundcheck im Lido. Wir sind auf Tour mit unserer Popgruppe end of green. Soundchecks sind wichtig, machen auch Spaß, liegt daran, dass wir dufte Typen sind – in die Kneipe gehen und Fußball schauen ist da nicht drin. Zumal sich die Hipster in der Nachbarschaft wahrscheinlich nur ManU, Real oder Barcelona anschauen.

    Beim VfB steht aber der HSV auf dem Programm. Nix Glamour, das ist Not gegen Elend und der Geruch von nassem Rasen, Blut, Mobilat und frisch aufgerissenen Erste-Hilfe-Kisten.

    Kollegin Diana, hält mich livetickermäßig auf dem Laufenden – sitzt im Stadtbadstadion. Machen wir’ kurz: viernull. Der VfB Stuttgart fegt den HSV vom Platz und ich seh weder eines der vier Tore, noch das Foul von Guerrero, der nicht nur wie eine sehr alte Frau aussieht, sondern auch ein Arschgeweih (österreichisch: Arschvignette) trägt. Als ob das nicht reichen würde grätscht der Trottel auch noch  ziemlich aggro den Sven Ulreich über den Haufen. Als hätte der ihm absichtlich die “Burt Ward Law” Single von Nick Royale zerkratzt. Ich hab’s erst Sonntagnacht auf Youtube gesehen. Amtlich, mein lieber Herr Gesangsverein.

    YouTube Preview Image

    Heute spielt der VfB gegen Kaiserslautern. Ich werde weder beim Soundcheck, noch bei Luna oder ihrer Cheffin sein. Aber Fußball gibt’s für mich heute nicht. Leck mich. Sonst bekommt der VfB am Ende ausgerechnet von der Mannschaft auf den Sack, die ich noch schlimmer als den FC Bayern, Schalke, Otto Rehagel, The Killers und Timo Rost zusammen finde. Das kann ich nicht verantworten. Möge der Aberglaube gewinnen, aber bitte nicht Kaiserslautern. Tut mir Leid,  VfB. Ich komme erst wieder, wenn Du verloren hast. Will Dir nicht zur Last fallen, dich stören. Sag bitte “Danke”, falls Du einen UEFA-Cup Platz holt. Wir wollten schließlich gute Freunde bleiben. Schlampe.

     
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