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    Leck mich, VfB Stuttgart. Echt.

    Foto: Kicker

    Ich habe kein Kabelfernsehen, bin vor einiger Zeit trotzdem zehn Minuten in den Genuss gekommen, da ein bisschen reinzuschauen. Im Dschungeldingens sagte ein mürrischer Schweizer, der scheinbar zaubern kann und Vincent Raven heißt: “Ich habe die Fresse voll, echt. Ich bin auf dreihundert oben. Das stinkt abgöttisch.” Das Irre daran: er hat nicht mal vom VfB Stuttgart gesprochen.

    Der VfB Stuttgart und ich führen nun seit einiger Zeit eine seltsame Beziehung. In der Zeitschrift Gala wird so was “On/Off-Relationship” genannt. Haut halt nie richtig hin, obwohl sich beide im Rahmen ihrer begrenzten Fähigkeiten bemühen. Hab’ auch schon drüber nachgedacht, mich zu trennen. Respektvoll, gute Freunde bleiben und all’ das Zeug, das keiner so meint, aber trotzdem ständig gesagt wird.

    Manchmal rede ich mir auch ein, dass alles eh irgendwie egal ist (“ist ja nur ein Spiel”), aber schaue trotzdem ständig im Telefon oder Internet, ob sie sich gemeldet hat, was passiert ist.

    Dass der nötige Respekt für eine würdevolle Trennung derzeit kaum aufzubringen ist, hat wahrscheinlich mit meiner verletzten Eitelkeit zu tun: Mir fiel nämlich auf, dass es dem VfB wesentlich besser geht, wenn ich nicht da oder überhaupt nicht in der Nähe bin. Schlampe.

    Ich kann machen, was ich will – bin ich da und schau zu: geht gar nix. Fahr ich weg und hab keine Zeit, ins Stadion oder in die Fußballkneipe zu gehen: sichere drei Punkte.

    Nix als Tragödie: Ich muss zusehen, wie Schalke den VfB zerlegt und Kevin Kuranyi nur nicht trifft, weil er seit Ewigkeiten gar nicht mehr bei Schalke ist. Mönchengladbach lässt sich auch nicht lumpen: nulldrei. Wolfsburg: einsnull, auch verloren. Leverkusen: mit ach und Krach ein Unentschieden. Wenn’s nicht so weh tun würde, könnte ich den Kopf gegen die Tischkante hauen.

    Dann der absolute Tiefpunkt: Pokalspiel gegen Bayern im Februar. Ich friere mir im Stadion die Zöpfe an den Kopf und trotz brandneuer Winterjacke: nullzwei gegen Bayern. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze und ich die Schnauze endgültig voll:

    “Fauuuehhfffbeeehhh, Wir steeehhhnn zu Diiehhr”, mir reicht’s langsam mit der Steherei und den Durchhalteparolen. Zwei Stunden in der Eiseskälte gegen die Bayern sind genug. Ich sehe auch nicht ein, schon wieder aufzustehen, nur weil ich “Schwaaahhhbbbeee” bin, aber VfB hat harte Fans, die reissen sich notfalls selbst vom Hocker.

    Ich war ursprünglich wegen Fußball gekommen. Gesehen hab ich leider nichts davon. Doch, einmal kurz: dann stand’s auch schon 0:1 für Bayern und Ribery freute sich sehr. Neben mir brüllt einer: “Herrgottscheissdrecknochmal, was??”. Antworten gab’s keine. Dafür geht man aber auch nicht zum Fußball. Ausrufezeichen gibt’s auf dem Sportplatz nur ungefragt oder gar nicht. Der Rest sind Fragen, wie bei allen Dingen, die mit den Gesetzen des Verstands kaum zu ergründen sind.

    Der Einpeitscher im A-Block ermutigt derweil dazu, die Mütter und weiblichen Familienangehörige von Bayern kritisch zu hinterfragen. Kann man schon mal machen, “Effzehh Bayern Hurensöhne” brüllen, wenn sonst nix anfällt. Den restlich verfügbaren Bayern soll ich die Lederhosen ausziehen, miese Nummer bei Minus acht Grad. Ich überlege trotzdem, wem ich gerne die Lederhosen ausziehen würde. Niemand davon kommt aus Bayern.

    Die Bayern-Fans wiederum sind sehr freundlich. Da mischt sich Häme mit Mitleid. Ein niederschmetternder Cocktail. Sie wünschen Bruno Labbadia lautstark alles Gute zum Geburtstag – der Trainer des VfB-Stuttgarts wurde da gerade 46 Jahre alt. Das erste Geschenk überreichte gerade Ribery.

    Bei 0:2 dann die Erleuchtung. Der Einpeitscher im A-Block, der schon sehr viele bemerkenswerte Zweizeiler ins Mikro krächzte, lässt endgültig die Bombe platzen: “Entweder wir packen es … oder nicht”. Er sieht dabei aus wie der Sänger einer Hardcoreband – breitbeinig, Arme seitlich hochgeklappt, brüllt er ins Mikro – nur halt ohne Band hinter sich. Da war nur das Spiel. Und das war nix. Gar nix.

    Der Blick auf die Anzeigentafel macht mich trotzdem glücklich: “86. Minute, 0:2″. Verlängerung oder Elfmeterschiessen wird’s nicht geben und die Gefahr war nie geringer, dass irgendein gut betuchter Club uns die geilen Kicker wegkauft. Es sei denn, der Ulreich fängt jetzt auch noch mit Toreschießen an. Der Typ ist Hardcore – hält wie ein junger Gott und steht auch bei Minusgraden im Kurzamtrikot im Tor.

    Ein paar Tage später laufe ich mit einem befreundeten Hund durch die Eifel. Nette Gegend, tolle Menschen. Da wird in Ortschaften noch mit Straßenschildern für Apotheken geworben. Und obwohl ich Hunden, Spaziergängen und der Natur bisher wenig abgewinnen konnte – ich tu’s und pfeiffe auf Fußball. Kann mich mal. Gut, ab und an versuche ich, heimlich auf den Liveticker im Telefon zu spechten. Das Ende vom Lied: der VfB gewinnt fünfnull gegen Hertha. Einfach so, souverän den Blinker gesetzt und auf die Siegerstraße abgebogen, während ich mich frage, weshalb der Hund seinen Namen nur kennt, wenn ihn andere rufen. Rufe ich – passiert nix.

    Die Woche drauf, völlig angefixt, weil’s jetzt ja endlich bergauf geht, wieder ins Stadtbadstadion zu Heslach gedribbelt, Stammplatz bei Schorsch eingenommen und “Schalalalala” gedacht. Wahrscheinlich auch gesagt. Ich neige zu derartigen Schrullen.

    Das Stadtbadstadion hat mir gefehlt: immer Topstimmung auch in der Krise. Den Fernsehsender SKY und die Zeitlupenwiederholungen habe ich auch vermisst. Ich mag das. Da kann ich ungefragt “Da! Siehste! Eyy! Mannmannmann!” durch die Kneipe rufen, als ob ich’s beim ersten Mal in Echtzeit schon gesehen hätte. Fernsehen ist toll und die Leute von SKY kümmern sich. Zur Halbzeit fragt mich deren Reklameabteilung sogar, ob ich heute schon geschweppt hätte. Klar, können die nicht wissen. Nächstes Mal weise ich sie trotzdem darauf hin, dass ich schweppen kann, wann immer ich will. Auch toll: da stöckelt in der Halbzeitpause immer eine blonde Frau über den Bildschirm, die von Fußball erzählt. Ich würde ihr gerne zuhören, vergesse es aber meistens. Ich denke, dass sie genau deshalb da rumstöckelt.

    Egal, Hannover steht auf dem Programm. Ich bin aufgeregt, wie es sich das für Leute auf der Siegerstraße gehört. Machen wir’s kurz: zweivier auf den Sack bekommen. Einziges Highlight: die Frau am Tisch. Sie klopft fassungslos auf den Tisch, schaut ratlos und meint “Sag mal, hat der Pogrebnyak seine Schuhe in Stuttgart vergessen?” als Harnik ein todsicheres Ding freistehend vor dem Torwart versemmelt. Der Hund aus der Eifel, die Frau und sogar ich hätten den barfuß versenkt. Pogrebnyak übrigens spieltmittlerweile in England. Trifft nach Belieben. Publikumsliebling.

    Dann wieder der Hund im Eifelgrenzgebiet, der eigentlich Luna heißt und eine heiße Doberfrau ist: während ich Stöckchen durch die Eifel werfe, die Luna nie mir, sondern ihrer Cheffin oder gar nicht wieder bringt, gewinnt der VfB viereins und fast mühelos gegen Freiburg. Luna schaut mich treudoof an und nickt mehrmals mit dem Kopf.

    Eine Woche später-Berlin, Kreuzberg. Soundcheck im Lido. Wir sind auf Tour mit unserer Popgruppe end of green. Soundchecks sind wichtig, machen auch Spaß, liegt daran, dass wir dufte Typen sind – in die Kneipe gehen und Fußball schauen ist da nicht drin. Zumal sich die Hipster in der Nachbarschaft wahrscheinlich nur ManU, Real oder Barcelona anschauen.

    Beim VfB steht aber der HSV auf dem Programm. Nix Glamour, das ist Not gegen Elend und der Geruch von nassem Rasen, Blut, Mobilat und frisch aufgerissenen Erste-Hilfe-Kisten.

    Kollegin Diana, hält mich livetickermäßig auf dem Laufenden – sitzt im Stadtbadstadion. Machen wir’ kurz: viernull. Der VfB Stuttgart fegt den HSV vom Platz und ich seh weder eines der vier Tore, noch das Foul von Guerrero, der nicht nur wie eine sehr alte Frau aussieht, sondern auch ein Arschgeweih (österreichisch: Arschvignette) trägt. Als ob das nicht reichen würde grätscht der Trottel auch noch  ziemlich aggro den Sven Ulreich über den Haufen. Als hätte der ihm absichtlich die “Burt Ward Law” Single von Nick Royale zerkratzt. Ich hab’s erst Sonntagnacht auf Youtube gesehen. Amtlich, mein lieber Herr Gesangsverein.

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    Heute spielt der VfB gegen Kaiserslautern. Ich werde weder beim Soundcheck, noch bei Luna oder ihrer Cheffin sein. Aber Fußball gibt’s für mich heute nicht. Leck mich. Sonst bekommt der VfB am Ende ausgerechnet von der Mannschaft auf den Sack, die ich noch schlimmer als den FC Bayern, Schalke, Otto Rehagel, The Killers und Timo Rost zusammen finde. Das kann ich nicht verantworten. Möge der Aberglaube gewinnen, aber bitte nicht Kaiserslautern. Tut mir Leid,  VfB. Ich komme erst wieder, wenn Du verloren hast. Will Dir nicht zur Last fallen, dich stören. Sag bitte “Danke”, falls Du einen UEFA-Cup Platz holt. Wir wollten schließlich gute Freunde bleiben. Schlampe.

     
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    15 Millionen

    Foto: Stage Entertainment

    Liegt’s an mir oder an der Sache? Ab und an muss man sich diese Frage gefallen lassen. Auch wenn man sie sich selbst stellt. Aber Musicals, Bollywood, Polka oder Franzosen-House zum Beispiel – geht bei mir nicht. Körperlicher und seelischer Schmerz, alleine schon beim flüchtigen Gedanken daran.

    Ich werde jetzt aber einen Teufel tun und versuchen, mich an die Materie Musical ranzutasten. Zu gefährlich. Denn das Apollo- und Palladium Dingens da oben erwartet in Kürze seinen 15 Millionsten Gast seit der Premiere bei „Miss Saigon“ am 2. Dezember 1994.

    Horrorszenario: Ich geh da hin, um’s dann halt doch mal zu versuchen, plötzlich gehen die Scheinwerfer an, jemand drückt mir einen Strauß Blumen in die Hand und ein anderer schreit mir ins Gesicht: “Glücckkkkwuuunnnscchhh. Hier ist ein Saunagutschein und jetzt viel Spaß bei ‘Ich war noch niemals in New York’ oder ‘Rebecca’.”

    Nee, ohne mich. Ich kenne keine Rebecca, mit der ich rumhängen möchte und nach New York gehe ich deswegen auch lieber ohne sie. Ich schenk jetzt dem Kollegen Geiger anonym zwei Karten und hoffe, dass er in die Jubelfeier-Falle tappt. Hat ja schon sein Interview in der neuen Bibliothek voll verbockt.

    In Wahrheit winkt dem 15 Millionen Mann (der Frau natürlich auch) aber Folgendes: die kommenden fünf Jahre darf der/sie plus Begleitung so oft es beliebt ins Musical da oben. Ich hoffe Geiger mag das. Musical-Flatrate.

    Bei der Premiere von Miss Saigon gab’s einen super Tipp-Kollateralschaden einer Prakti-Kollegin von mir: “OB Erwin Rommel war auch bei der Premiere”. Huch! Während ich grübelte, wieso die da oben hunderte von Sofas aufgestellen: “800 Canapées” stand auf der Catering-Liste. Ich für meinen Teil möchte nichts essen auf dem andere Leute rumgesessen sind, auch wenn eine Freundin von mir immer sagt: “Voll lecker. Da könnte ich mich reinsetzen”.

     
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    Bart aber herzlich

    Foto: dpa

    Erst Joachim Gauck, dann das. Die Bombe ist geplatzt, die Würfel sind gefallen, jetzt haben wir den Salat. Gerade haben wir hier noch eifrig die Werbetrommel für Robin T. Treier ge, äh, trommelt, nun schreibt sich die Geschichte schon wieder selbst:

    Christoph Sonntag (“schwäbischer Kabarettist”), beziehungsweise seine Gesichtsbehaarung, wurde vom Bartclub “Belle Moustache” zum Bart des Jahres gewählt. Die Begründung des Bart-Fetischisten-Vereins aus Leinfelden-Echterdingen: Sonntag setze sich in vorbildlicher Weise für Natur- und Umweltschutz ein.

    Skandalös. Mit keinem Wort erwähnt: Robin T., Yusuf Oksaz, Stompin’ Johnson oder Hans-Peter Haag vom Musiccircus. Diese Vorlage muss ich (auch ein bisschen aus gekränkter Eitelkeit) mit einem Okazaki-Seitfallzieher reinmachen: Not My Bart des Jahres. Christoph Sonntags Witze hätten diesen Preis viel eher verdient.

    Als anständiger Bartträger gratuliere ich trotzdem recht herzlich. Und ich werde auch nicht erzählen, wie meine Freunde solche Bärte nennen. Hab’ ehrlich gesagt auch keine Ahnung, ob man das mit “F” oder mit “V” schreibt – huch, fast verplappert. Herrschaftszeiten. Was ist denn heute los?

    Egal. Sei’s ihm gegönnt. Wir können ja schon froh sein, dass Joachim Gauck keinen Bart hat, sonst hätte der da auch noch volle Kanne abgeräumt. Sonntag wiederum, reiht sich nun nahtlos in die Belle Moustache-Ahnengalerie mit solch struppigen Hochkarätern und Visionären wie Designer Luigi Colani, Kevin Kuranyi, Horst Lichter öder Harald Glööckler ein. Auch Steve Jöbs, ‘zeihung, Jobs wurde vom  Bartclub endlich die gebührende Ehre erwiesen: “Bart der Geschichte 2012″. Jaja, “iBart”. Hihi. lol. rofl. Schnell mal gescheit her-liken, den Bartverein.

    Für 2013 fordern wir trotzdem einen Bürgerentscheid. Mehr Bürgerbeteiligung. Kretschmer, übernehmen sie. Bei jedem Mastodon- oder Red Fang-Konzert gibt’s schließlich tausend geilere Gesichtspullis – selbst wenn nur 300 Leute da sind. Unnützes Wissen: der Typ bei ZZ Top, der den kleinsten Bart hat, heißt Frank Beard.

    Achkomm, hier einer von Red Fang. Traumtypen. UND tatsächlich vorbildlich gesichtsbehaart.

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  • 48

    Hypecheck: Lana Del Rey

    Muss jetzt auch mal sein. Kessel.tv greift ein ins allgemeine Inflationär-Gehype um Lana Del Rey. Die Frau ist ja gerade mehr da als der Wulff und der “Russenwinter” zusammen. In aller Munde.

    Das ist auch gleich das größte Problem von Lana Del Rey, der stattlich oberbelippten Bumsliesel-Fantasie vieler geiler Säcke mittleren Alters und notgeiler Hipster. Kaum einer erinnert sich aber an die Lieder der flotten Millionärstochter aus London, wenn die dann nach dreieinhalb Minuten vorbei sind. Eventuell noch Chris Isaak, den man manchmal fast brüllen hört: “Hömma, war das nicht gerade schon wieder eine Idee von mir?”.

    Isaak wiederum wäre zu Recht sauer. Klaut Lana Del Rey nicht nur seine eh schon zweitverwerteten Lieder, sie stiehlt ihnen auch noch den letzten Funken Sex. So wie Twilight es mit den Vampiren gemacht hat. Wirklich miese Nummer: schön in den Hals beissen um Mitternacht, aber ansonsten  – wie JayVee meinte – bloß nicht reinstecken. Mieser Deal. Nicht nur für den rechtschaffenden Vampir von nebenan.

    Mein alter Zivi-Kollege Achim hätte gesagt: “Die sollte lieber Pornos drehen.” Kurz sacken lassen. Nee, wollen wir auch nicht. Es würde schon etwas helfen, würde sie nur aufhören, ständig so viel Müll zu erzählen, “Ruhm ist widerlich” zum Beispiel. Es würde ihre ärgerlich mittelmäßige Platte “Born To Die” ein Stück weit erträglicher machen.

    Wenigstens die paar Meter bis zum Sportheim um die Ecke. Die älteren Herren dort werden sicherlich ganz kringelig werden vor Erotigg und so – Hotpants, Chucks und das Rumfummeln auf der Motorhaube. Da wäre sie dann auch bei der richtigen Zielgruppe: zu doof zum illegal downloaden, wie damals die Frauen bei Norah Jones. ‘Schuldigung. Das hat Stern damals wirklich geschrieben. Egal, wird sich tierisch verkaufen.

    Lana Del Rey wirkt wie eine, die das iPhone anderer Leute mit Hipstamatic fotografiert. Damit’s wenigstens ein bisschen “vintage” aussieht. Ansonsten dreht sich da alles im Kreis, leider nicht, weil sie so gut ist, sondern, weil’s so verflucht durchschaubar, bösartig berechnend und oft auch sehr langweilig bis einfältig ist.

    Die Jungs im Sportheim sind allerdings meine Freunde und Lana Del Rey versucht diese ehrenwerten Herren zu verarschen. Auch mit diesem ständig etwas angefickten Blick und dem tiefgründig dunklen Getue. Sexistisch? Ja. Sie singt Lieder für die kleinen Klischees vom Leben und glaubt tatsächlich, all’ diesen untervögelten Männern und verwirrten Mädchen, die eine Identifikationsfigur suchen, würde dieser himmelschreiende Bockmist tatsächlich auf die Sprünge helfen.

    Faktencheck: “Blue Jeans”, ist ein super Lied. Das weiß eben auch Chris Isaak, bei dem hieß das damals “Wicked Game” und sogar benebelte Finnen wie Ville Valo fanden das spitze. “Video Games” ist auch ein Kracher. Bleib ich dabei. Aber Dreck wie “National Anthem” wäre aber selbst Pink oder Katy Perry zu blöd gewesen und Moloko kennen wir auch. “Kinda Outta Luck” ist wirklich auch sehr ärgerlich, wird sogar von Minute zu Minute schlimmer.

    Lana Del Rey hat manchmal die Tiefe einer Foto-Depesche auf tumblr und wirkt wie eine, die beim Existenzialisten-Stammtisch mit dem Starbucks-Becher reintippelt und “Carpe Noctem” säuselt. “Carpe Diem” wiederum sei das Arschgeweih unter den Lebenmottos, hab’ ich kürzlich auf Facebook gelesen.

    Wenn das alles etwas Gutes hat, dann dass Fiona Apple bald eine neue Platte rausbringen will. Hab’ ich auch gelesen. Das ist dann auch das beste was man über Lana Del Rey sagen kann. Außer vielleicht noch: “Born To Die” wäre eine super Single mit drei Liedern geworden.

    Ansonsten: spitzen Platte, wenn man Musik nicht sonderlich gut leiden kann. Soll lieber was Gescheites lernen, etwas Nachhaltiges. Singen zum Beispiel oder was mit Medien und so, bei letzterem hat sie ja sehr viel Übung.

    LANA DEL REY, “Born To Die” (Universal)

    NACHTRAG: Bei David Letterman war ihre Performance nicht ganz so grausam wie bei Saturday Night Live.

     
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    Yes, we Cann

    Vollgut: Stuttgart zur Primetime ohne Prügel, ohne VfB und ohne Bahnhof. Das muss aber bitteschön in die richtigen Hände gelegt werden. Super Adresse: Carmen Mioska von den Tagesthemen. Die finde ich spitze. Obwohl sie eigentlich Caren Misoga heißt. Fiel mir auch nur zufällig auf. Sie sieht immer ein bisschen aus, als würde sie etwas wissen, das sie in zehntausend kalten Wintern nicht verraten würde. Auch nicht wenn man ihr den Sendeplatz von Günther Jauch geben würde. Noch besser finde ich sie, seit sie die Band Hüsker Dü in einer Talkshow erwähnt hatte und dass sie bei denen mal auf einem Konzert war. Solchen Leuten kann man im Normalfall vertrauen.

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    Ach, egal jetzt. In den Tagesthemen musste sie am Dienstag was anderes sagen: “Integration”. Das TV-Lieblingsthema, wenn Wulff gerade keinen Blödsinn macht, die Klum keine Pressemitteilung schreibt, Heesters schon wieder nicht aufersteht, keine Atomkraftwerke durchschmoren oder halt einfach sonst nix los ist.

    Als Beispiel dafür wurde – Anlass war der Integrationsgipfel in Berlin – dann gleich ein Beitrag aus Stuttgart Bad Cannstatt gesendet. Musterbeispiel, laut den Tagesthemen, wenn’s um Integration geht. Bericht war super. Wie immer wurde da mit aller greifbarer Arroganz genau das Gegenteil betrieben: “Hey Ausländer! Und wie läuft’s so mit der Integration? Merkste schon was?”. Hier geht’s zum Beitrag, startet bei 4:10.

    Gut, aber wenigstens wissen wir jetzt, dass das Cann (“Intergrationshilfe aus Stahlbeton”, yeah), das Jugendhaus in Cannstatt 13,5 Mio. Euro gekostet hat, Startschwierigkeiten hat und dass jeder Dritte der circa 70000 Einwohner in Cannstatt  Migrationshintergrund hat (die Frisur von Timo Gebhart nicht mitgerechnet). Kann man ja immer mal brauchen. Vielleicht fragt der Jauch ja mal nach so was.

    Wem’s nicht so dringend mit den Infos ist, der kann’s bei Bedarf auch wie der Tatort Ermittler aus Wien machen: “Das musst du Dir mal rausgoogeln lassen”, sagte Harald Krassnitzer jüngst zu Gottschalk, in dessen neuer Stammelshow.  Jetzt ist auch mal wieder Schluss mit Fernsehschauen. Lieber raus gehen in kurzen Hosen und FlipFlops. Achso, Sonntag gibt’s wieder einen Wiener Tatort mit Moritz Eisner und seiner Co-Ermittlerin Bibi Fellner. Die wiederum finde ich mindestens so toll wie die Miosga.

    Ich lass mir jetzt mal gescheit einen rausgoogeln und dann Flipflop und so.

     
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    Merkel tritt zurück

    Kurzer Nachzügler: vergangenen Freitag hat die Stuttgarter Zeitung online und äußerst exklusiv vermeldet “Merkel tritt zurück” – leider nur ganze 15 Minuten lang. Stimmte natürlich nicht. Das war eine technische Panne mit dem neuen Redaktionssystem.

    Stelle mir das so vor: einer tippte die Headline und um zu zeigen, wie geil – und vor allem wie schnell – das jetzt mit der neuen Technik funktioniert, den Content online zu stellen, landete das Ding prompt auf der Homepage. Die restlichen 15 Minutes of Fame waren wahrscheinlich mit sehr viel Rumbrüllen, Achherrjeh, Ohgottogott und Hihi gepflastert.

    Kenn’ ich, hab ich bei PRINZ auch mal gemacht und ein Festival angelegt mit den Ramones in Originalbesetzung, Slayer, Dead Kennedys, Madonna, Depeche Mode und als Local Support Gerd Rube. Dufte dann aber nicht auf “Online” klicken.War ziemlich verboten. Mich hat’s trotzdem im Finger gejuckt. Bei mir fand das Ding auf dem Schlossplatz statt. Beginn 17 Uhr, Eintritt frei, bin ja kein Arschloch. Wäre garantiert voll geworden.

    Hier gibt’s den Spiegel-Online Artikel, zu Angela Merkel, die natürlich munter weiter tritt.  Hier ist das Statement von der Stuttgarter Zeitung.

    Hoffentlich kein Versehen: Monty Python drehen wieder einen Film. Hoffentlich eine Ente:  Lothar Matthäus bekommt eine Doku-Soap auf Vox.

     
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    Tod online

    Lieber keine Witze über den Tod machen. Der Drecksack kommt meistens ja eh irgendwann und klopft einem nachträglich auf die Finger. Klar, auslachen funktioniert auch sauber oder wenn er vor der Tür steht, muffelig anraunzen und sagen: “WTF?! Hättste ruhig vorher IMen können, Spaten. Bin gerade megabusy, muss noch achtmal “Somebody I Used To Know” posten. Schau im Herbst nochmal rein, Torfnase.”

    Die gute alte …But Alive-Nummer geht natürlich auch immer: “Klar kannst Du Dich mal melden, halt nur nicht bei mir”.  Der Tod ist und bleibt eine Frage der Lebenseinstellung.

    Wer sich mit dem Drecksack richtig auseinandersetzen möchte, kann sich jetzt locker bei Stuttgart Gedenkt, dem neuen Trauerportal der Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung, einloggen. Da gibt’s wirklich alles rund um die größte Spaßbremse des Lebens.

    Funktioniert so: “Hier können Sie nach Verstorbenen suchen, an sie erinnern und gemeinsam mit anderen Menschen trauern. Sie können kondolieren, Ihre Anteilnahme bekunden und eine Gedenkkerze anzünden. Zudem finden Sie eine Reihe von Trauersprüchen, Vorschläge für Beileidsbekundungen, Danksagungen und Trauerkarten und Ratgeber für diese schwierige Lebenslage.”

    Wer eine Todesanzeige in einer der beiden Zeitungen schaltet, kann sich lockerflockig online ins Trauerportal einloggen. Die virtuelle Gedenk-Kerze gibt’s für schlappe 99 Cent.

    Aber mal ehrlich: mit Premium Membershit für 30 Euro geht da natürlich wesentlich mehr: Die Kerzen sind da kostenlos und heiße Features wie Fotoalben, Videoseiten, Kondolenzbuch, Musik und Co. können ebenfalls gleich angelegt werden. Ich warte jetzt schon gespannt auf die erste GEMA-Klage wegen Urheberrecht bei irgendwelchen Liedern.

    Die Trauerseite sieht derweil ein bisschen aus wie eine Mischung aus MySpace- und Facebook. Hoffentlich ohne Statusmeldungen, außer man ist halt Zombie. Dann geht das schon, beziehungsweise gehört zu zum guten Ton.

    Ohne Traueranzeige in den einschlägigen Zeitungen liegt der Spaß übrigens bei 60 Euro. Für den Fall einer Wiederauferstehungsnummer, posthumem Ärger oder kurzer Trauer: die Kündigungsfrist beträgt drei Monate vor Ablauf des ersten Jahrestags, formlos: “Sorry, ist auferstanden. lol. xoxo. *voll freu*, Eure Maria”.

    Trotzdem: Premium-Membership muss sein. Die Toten milde stimmen. Und außerdem will man sich ja nix nachsagen lassen.

     
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