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Das literarische Herrengedeck
Am 9. Mai 2012, 13:42 Uhr von Aussenreporter
Viele Menschen mögen es, beim wöchentlichen Freigang mit Schmackes über die Stränge zu schlagen, doch nur Kenner wissen jene Art der Ausschweifung zu schätzen, in die sich gleichzeitig auch die Ahnung eines grausamen Endes mischt. Kommt man wie ich aus Pforzheim, trägt man das für immer in sich: Selbst wenn man aus Mitleid in einem VIP-Bereich auf ein Glas Veuve eingeladen wird, weiß man immer, dass man eigentlich ins 10 Biere im Stuttgarter Westen gehört.
Daher freute ich mich wie Bolle, als ich vor zehn Jahren für ein halbes Jahr in einer englischen Kleinstadt studieren durfte. Zwischen brutal starken Bookings in der Fabric, im 93 Feet East oder der Mother Bar war es immer wichtig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Daher hieß das Motto fast jeden Abend „last chance to get a drink“ kurz vor der Sperrstunde in einer Kaschemme.
Zurück in Stuttgart fehlten mir die ehrlichen Londoner Kneipen. Da passte es perfekt, dass mein bezaubernder Arbeitgeber LIFT mich künftig für betreutes Trinken bezahlen wollte: Ich sollte die Serie Schräggastro fortführen, bei der es darum geht, jeden Monat eine ausgewiesen ehrliche Pinte für das Stadtmagazin zu testen. Motto der Serie: Wir gehen dahin, wo Sie sich nicht hintrauen.
Die Kolumnenreihe war von den Dorfältesten bei LIFT kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden worden, als Jungspund war das damals eine große Ehre, diese soziologische Studie fortführen zu dürfen. Dabei entwickelte sich in den folgenden Jahren ein wissenschaftliches Feld, das zu einem eigenen Leerstuhl an der Universalität Stuttgart, Institut für Trinkgeschichte geführt hat.
Vorläufiger Stand der Wissenschaft: Schräggastro ist viel mehr als Bierschwemmen, Schräggastro ist ein Lebensgefühl: Dieses Leben fühlt sich an wie ein Raum mit Holzvertäfelung, majestätischen Bierkronen, eiskalten Kurzen, Flachbildfernsehern und guter Unterhaltung auf Augenhöhe mit dem universalgebildeten Volksmund.
Wie nähert man sich dieser so rustikalen wie ehrlichen Welt am besten? Zu zweit bestreitet man die Ideal-Schlangenlinie, ab drei Schräggastro-Touristen kippt die Stimmung im Laden – ganz alleine hat man manchmal einfach nur Angst.
Die Schräggastro-Recherche gilt deshalb als Königsdisziplin des Journalismus, weil wir uns am nächsten Morgen nur noch schemenhaft an das Erlebte erinnern können. Früher fielen wir dadurch unangenehm auf, dass wir ständig irgendetwas in ein Moleskin kritzelten („Was schreibt ihr da?“ – „Den Einkaufszettel für morgen – Schnaps, Dosenwurst und Knäckebrot.“).
Heute haben wir eine eigene, selbst programmierte Schräggastro-App auf unseren Smartphones, in die wir all die Skizzen und Notizen hacken können, die uns auffallen, bevor wir hackedicht in die Nacht verschwinden.
Bei unseren investigativen Rechercheausflügen geht es übrigens nicht darum, sich über eine Randgruppe lustig zu machen. Erstens sind wir selber eine Randgruppe – Stichwort für immer Pforzheim im Herzen – zum anderen hab ich in den Kneipen dieser Stadt schon mehr gelernt als an anderen Orten, die weitaus trostloser sind, das Stuttgarter Rathaus etwa oder mancher VIP-Bereich.
In den Schrägi-Pinten hat man es mit echten Menschen, echtem Leben und echten Problemen zu tun. Man kann ungestraft zu den Scorpions auf der neuen 107,7 mitnicken, man kriegt am Tag der Arbeit einen Willi spendiert und man schnappt Sätze auf, auf die man in der eigenen Beschränktheit nicht gekommen wäre, „das ist ne Traurigkeit, die kannst du dir nicht vorstellen“, hat mir erst vergangene Woche ein Gast im Treff bei Anna in Heslach zugeraunt.
Recht hat er, der Kurt*, der früher im Sozialamt gearbeitet hat, heute in der Agentur für Arbeit schuftet und 50 Kippen am Tag raucht, um das ganze Elend namens Leben ein bisschen erträglicher zu machen. So eine Begegnung gibt mir meist mehr, als dämlicher Smalltalk im Club oder sonst wo. Wie gesagt: einmal Pforzheim, immer Pforzheim.
Die Texte über Schräggastro wiederholen sich natürlich etwas, die Getränke sind beständig (Herrengedeck), die Themen oft dieselben (VfB, Politik ist Scheiße, das Herrenpils von Hofbräu vom Fass aber ganz geil) und schließlich muss man immer aufpassen, dass die Sozialstudien nicht in Elendstourismus kippen.
Dennoch oder gerade deshalb haben wir uns entschieden, die LIFT-Serie nun auch in Buchform zu klatschen. Gemeinsam mit dem mittelständischen Familienunternehmen Edition Randgruppe haben wir ein Büchlein produziert, das vor allem durch das promille-dynamische Layout von Verleger Uli Schwinge besticht und dank der vielen guten Fotos, die Ronny Schönebaum und Marijan Murat geschossen haben.
Bei den Milieustudien stand mir oft mein Kumpel, Autor und Anwalt Thomas Lang zur Seite. Übrigens sehr zu empfehlen in Fragen des Arbeitsrechts, außerdem ist kürzlich sein erster Roman erschienen mit dem viel versprechenden Titel “Endstation Kuschelparty”, in dem die Geburtstagsparty vom Geiger vergangene Woche beschrieben wird.
Das Buch ist angelegt als eine Marco-Polo-Reiseführer-Verarsche mit Stadtteiltouren, Points of Interest und tollen Icons wie der Pilskrone der Schöpfung usw. Staunt also gemeinsam mit uns, dass das Feuerwasser in Feuerbach flussaufwärts fließt, trinkt ohne Muffensausen in Zuffenhausen und taucht ein in die Zonenrandgebiete der Lebensqualität Hedelfingen, Cannstatt und Co., wo Stuttgart so pittoresk daherkommt wie das Ruhrgebiet an einem romantischen Frühlingstag.
Die Broschüre zur Steigerung der individuellen Lebensqualität wird am kommenden Freitag, 11. Mai ab 20 Uhr von den schrägest boys alive vorgestellt im Schauraum Waschstraße in der Türlenstraße 2 in S-Nord. Wer mir das Stichwort literarisches Herrengedeck zuflüstert, bekommt einen Ouzo aufs Haus. Sehr zum Wohl sein.
(*Name von der Redaktion geändert)
Schräggastroführer Stuttgart erschienen in der Edition Randgruppe für 12,90 Euro Am besten direkt hier bestellen24 Kommentare » -
Roll das Fass rein: Deichkind in der Schleyerhalle
Am 8. Mrz 2012, 12:35 Uhr von Aussenreporter
Bei der Macht von Grayskull: Skeletor hat gestern Abend auch bei Deichkind mitgespielt. Foto: Ronny die Linse Schönebaum
Eigentlich sollten wir erwachsen werden: Deichkind sind für den deutschen Pop so etwas wie die Zeitschrift Neon für den hiesigen Zeitungsmarkt. Mehr Lebensgefühl als Anspruch. Freundliche Ex-Rapper und Bühnen-Casper, die grell geschminkte Fluchtmöglichkeiten aus dem Alltag bieten. Für Bescheidwisser sind Deichkind die Lana del Rey der deutschen Popmusik, der durchschnittliche Berufsjugendliche feiert sie dagegen ab. Kessel.tv versucht sich an einer Erklärung.
1. Bescheidwisser vs. Deichkind
Early Adopter, Twitterer und sonstige Bescheidwisser finden Deichkind doof. Meine Freunde sind alle cooler als ich und haben mich gestern ausgelacht, als ich gesagt habe: „Mach ich Feierabend, geh ich Deichkind.“ Du bist zu alt, haben die einen gesagt (stimmt leider), die sind doch lame, haben die anderen gemeint (stimmt nicht).
Klar sind Deichkind musikalisch mehr als bescheiden und das noch mehr seit Produzent Sebastian Hackert vor drei Jahren gestorben ist. Das neue Album ist streckenweise wirklich schlimm und Textzeilen wie „Die Alte hat genervt, gib Likör. / Den ganzen Tag genervt, ey ich schwör“ (Roll das Fass rein) sind intellektuell vielleicht nicht so herausfordernd wie die superschlauen Tweets eines extraschlauen Stuttgarter Internet-Heinis.
Und es wurde Licht an einem Mittwoch in Bad Cannstatt: Deichkindle live
Deichkind wollen aber tatsächlich nur spielen, sie sind zum Glück kilometerweit weg davon, sich selbst ernstzunehmen. Für einen Mittwochabend in Stuttgart war das Konzert die beste Unterhaltungs-Option, das Publikum war nicht mal halb so schlimm, wie alle im Vorfeld getan haben. Ich kann das beurteilen, denn ich bin „For you for Ort“, schau mir auch Brandenburger Fußvolk gerne beim Feiern an und bin dabei vielleicht mehr Schlecker, als mir lieb ist.
Vielleicht ist das aber auch genau der Punkt: Deichkind wollen nicht mehr als unterhalten und liefern einen ausgezeichneten Vorwand, bereits im Büro den ersten Wodka Redbull zu trinken. Deichkind sind Musik gewordene Discoschorle, das brauch ich manchmal.
Mein Bruder sagt immer, ich müsste langsam mal ernst machen, erwachsen werden, Baum pflanzen, Haus kaufen und so Zeugs. Das will ich aber gar nicht. Lieber will ich in der Schleyerhalle ein unfassbares Varieté aus Gummibooten, Riesenfässern, Disco-Solarien und anderen interessanten Show-Elementen anschauen, dabei drei schlechte Plastikbier trinken und meinen Becherpfand für Viva con Aqua spenden.
2. Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
Allein die Tatsache, dass Deichkind Ferris MC wieder einen Sinn im Leben gegeben haben, finde ich unterstützenswert. Hab mir um den einen Teil der Freaks Association Bremen immer ein bisschen Sorgen gemacht nach „Rolle für HipHop“ und „Im Zeichen des Freaks“. Bei Deichkind den Kasper spielen ist besser als in Castingshows in der Jury dummes Zeug wie Thomas D zu faseln. In der Zugabe rappte Ferris gestern ein paar Strophen seiner Rolle mit HipHop, da ist mir fast eine Träne die Wange heruntergekullert, remember 0711Club 1998, weisch. Was macht eigentlich Afrob?
Das Behinderte an iPhone-Fotografie: Geht nur, wenn genügend Lichtquellen am Start sind
3. Musik ist nicht alles
Der zentrale Vorwurf an Deichkind ist bekannt, die Musik ist Scheiße, voll nicht neu, nach “Aufstand im Schlaraffenland” haben die sich nicht weiterentwickelt undsoweiter. Das stimmt bestimmt, „Leider geil“ ist eigentlich ein leider ziemlich dünner Song. Der Witz dahinter ist aber wiederum überraschenderweise lustig, weil nicht viele deutsche Künstler den Mut haben, auch mal witzig zu sein und dabei dann nicht gleich wie die Atzen klingen müssen.
Gummiboote sind natürlich auch nicht neu, hat man schon beim legendären Deichkind-Auftritt im Rocker erleben dürfen, das führt aber zu einem weiteren Deichkind-Pluspunkt: Vom Schocken über Rocker übers Theaterhaus in die Schleyerhalle ist eine erstaunliche Entwicklung. RTL Eventkino. Pro7 Blockbuster. Ein Happening. Bist du heute Happening, hast du es geschafft (file under Paule). Kann man diskutieren ob man dafür Respekt zollt oder nicht. Ich zumindest geh in die Knie und mach nicht auf supercool.
Auch wenn die Schleyerhalle gestern nicht mal halbvoll war und Deichkind mittlerweile mehr Techno-Kleinkunst als Musik sind: Das war gestern Abend schlicht eine ganz sichere Bank in Sachen Zeit sinnvoll tot schlagen. Wenn ein komplettes Publikum auf Kommando auf die Knie geht und sich dann der gemeinsamen Eskalation hingibt, dann ist das zwar schon wieder nicht neu – mich beeindruckt es aber immer noch.
Bin aber auch wie gesagt mental manchmal mehr Schlecker als DM, daher steh ich auch auf riesige Fässer, die zum passenden Lied durch die Halle wabern, gesteuert von ein paar norddeutschen Techno-Quatschköpfen, getragen von einem Publikum, das heute bestimmt wieder ganz brav im Büro oder der Vorlesung oder wo auch immer sitzt. Außerdem hätte ich gerne so ein Disco-Solarium für mein Wohnzimmer, das blinkt so schön fröhlich.
4. Freikarten
Nach dieser gebrochenen Lanze für Deichkind noch ein kurzer Exkurs als Abbinder: Stuttgarter Konzertveranstalter wie die Konzertagentur C², die gestern Abend für die gute Laune verantwortlich waren, sind nicht nur ausgefuchste Entertainment-Ermöglicher, sie haben auch einen Sinn für Receycling.
Bisher hatte ich mich beim anderen duften Stuttgarter Konzertveranstalter MusicCircus immer erschrocken, wenn ich Freikarten geschnorrt hatte, weil man bei dieser anbetungswürdigen Firma immer fancy Restkarten von obskuren Melodic-Rock-Konzerten bekommt statt der Original-Konzertkarten. Zuck ich jedes Mal zusammen, weil ich denke, ich muss jetzt zwei Stunden Dream Theater statt Mogwai gucken.
Bei Deichkind gestern haben C² als Freikarten Tickets von Die happy rausgegeben. Da ist es mir dann doch auch kurz eiskalt den Rücken hinunter gelaufen.
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Weltunbekanntes DJ-Duo zum Start der Welttournee in Stuttgart
Am 23. Feb 2012, 09:25 Uhr von Aussenreporter
(Auf die Fresse-Pressefoto: www.ronnyschoenebaum.de)
Sie gelten als die Sensation im internationalen Pop-Himmel, Lady Gaga verneigt sich verbal und Jay-Z möchte das Duo unbedingt produzieren, wenn er Anfang Juni mit Kanye in Frankfurt spielt: Finally Famous heißt das neue Pop-Wunder, das im Februar erstmals auf Clubtournee nach Deutschland kommt.
Es klingt wie die Geschichte aus einem Märchen, wie eine unglaubliche Anekdote aus 1001er Clubnacht oder wie das Produkt eines Seminars an der Mannheimer Pop-Akademie: Finally Famous heißt das erste weibliche DJ-Duo der Club-Geschichte.
Das Razzia in Budapest, eine Bar in Friedrichshain. Ivy Lecole und Jane Brown, die beiden Gesichter von Finallly Famous, bitten zum Interview. Die Pressevertreter von Spex, Intro, Rolling Stone und etlichen obskuren Internet-Blogs wie etwa kessel.tv, einer Website, die sich mit Turnschuhen, Partys und Stuttgart 21 beschäftigt, sind in Scharen gekommen. Die aufgestylten Promo-Mitarbeiter der Plattenfirma Ingiversal haben Mühe, die Meute in Zaum zu halten. Wer keine Hornbrille mit Fensterglas trägt, ist ein Außenseiter, Notizblöcke sind verpönt, es sei denn sie sind von Moleskin und wer kein iPhone hat, wird sofort unter strafenden Blicken verstoßen.
Die beiden Mittzwanzigerinnen räkeln sich auf einer verratzten Couch, die einmal so pink wie der gleichnamige Panter war, heute aber Patina auf die Oberfläche tätowiert hat. Lecole und Brown trinken abwechselnd Roederer Cristal Rosé, stilles Fiji Wasser und bitten die Pressevertreter einzeln zum Gespräch. Eine nervöse PR-Mitarbeiterin mit der obligatorischen goldenen Casio-Uhr am spindeldürren Handgelenk, die Haare zu einem strengen Dutt geformt, wacht mit Argusaugen darauf, dass die 15-Minuten-Interviews nicht überzogen werden.
Die Biographien der Popstars klingen genau so geheimnisvoll wie die beiden jungen Stilikonen sich selbst geben: Die Französin Lecole, kurze, braune Locken, wuchs im Pariser Stadtteil Marais auf, arbeitete kurz in der Modebranche, gründete dann eine erfolgreiche Bio-Bäckereikette, wurde vom französischen Label Ed Banger entdeckt, um die Plattenfirma schließlich im Streit wieder zu verlassen.
„Musique sans Scheuklappen ist le plus cool“, haucht sie in das Diktiergerät einer Journalistin der New York Times, während Jane Brown gelangweilt in die Ecke kichert. Brown stammt aus großbürgerlichen Verhältnissen im Londoner West End, Kiez Dusslinga, brach schließlich aus ihrem Elternhaus aus und hatte bereits mit zwölf Jahren als Produzentin unter dem Pseudonym LA Style ihren ersten Eurodance-Hit mit dem bezeichnenden Titel „James Brown is dead“.
Nach einigen Aufenthalten in Drogenkliniken, etwa im bekannten Betty Ford Center, heiratete sie einen englischen Großgrundbesitzer und widmete sich der Schafzucht in Cornwall, um vor kurzem dann ein viel beachtetes Comeback an der Seite von Lecole zu feiern.
„Das Leben auf dem Land war cool, ich möchte mich aber wieder mit meiner Musik ausdrücken und dem uninspirierten Pop neuen Input geben“, diktiert Brown in das Aufnahmegerät eines Journalisten der Berliner Vice-Ausgabe, um in feinstem Cockney-Englisch ein „Music was my first love and it will be my last“ nachfolgen zu lassen.
Feministinnen jubeln, Pop-Theoretiker Friedrich Friedrichsen ist erstaunt angesichts des Einflusses, den das englisch-französische DJ-Duo bereits jetzt in der Popmusik vorzuweisen hat: „Populär sind Finally Famous nicht zuletzt, weil sie immer unübersichtlichere und gebrochene Ereignis- und Objektverkettungen beruhigenderweise zurückführen auf einen Urheber mit einem Eigennamen, auf einen Demiurgen. Das befriedigt restreligiöse Gewohnheiten. Zudem geben Finally Famous Komplexität Gestalt.“
Lecole und Brown zucken angesichts solcher Lobeshymnen nur mit den Achseln. „Mediale Verwertung interessiert uns nicht, wir wollen einfach nur Schubladen sprengen und auf Kessel.tv irgendwie geil aussehen“, sagt Brown mit einem britischen Upperclass-Nuscheln. Stattdessen betonen „Too many DJanes“, wie Finally Famous in Anspielung auf die belgischen Produzenten Too many DJs auch genannt werden, lieber die Zufälligkeit ihres ersten Zusammentreffens.
„Es war auf der Geburtstagsparty von Courtney Love. Lindsay Lohan kannte ich noch aus der Betty Ford Klinik, sie nahm mich mit zum familiären Exzess. Als wir morgens an der Karaoke-Maschine ein Best-of-Nirvana-Medley intonierten, war es Lecole, die das Riff von Smells Like Teen Spirit am besten nachpfeifen konnte. Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Brown.
Heute spielen Finally Famous ihre Shows, in denen sie munter alle Popspielarten zitieren, Robbie Williams auf Ricardo Villalobos mixen und dabei immer auch das Publikum in ihr Set einbinden, in den angesagtesten Clubs der Welt. Die etablierten Pop-Stars stehen Schlange, um mit den beiden Beat-Amazonen zusammenzuarbeiten.
Nachdem Ivy Lecole und Jane Brown bei der Prada-Modenschau in Tokio vor ausgelassenen Japanern ihr gefürchtetes „Fuck the Zeitgeist and the Schublade“-Set abgeliefert hatten, zeigte sich Lady Gaga anschließend euphorisch: „Finally Famous sind für die Clubkultur das, was ich für den Mainstream bin: Eine Provokation auf vier Beinen, Finally Famous killed the YouTube-Star.“
Und Jay Z., bei der Prada-Show ebenfalls in der ersten Reihe direkt am Laufsteg, wollte die beiden Botschafter des alten Europas direkt in seinem New Yorker Studio produzieren. „Die haben ordentlich Swag, Alter“, zeigte sich der HipHopper angetan und nannte sein Kind sogleich nach Ivy mit dem tollen Zusatz Blue davor.
In England werden Finally Famous bereits mit den Gorillaz verglichen, der erfolgreichen Popcombo um Blur-Mastermind Damon Albarn, weil Finally Famous gekonnt mit der Camouflage in der Popmusik spielen. Das DJ-Duo verzichtet konsequent auf Presse-Fotos – nur für kessel.tv machte man eine Ausnahme – und versorgt die Medien stattdessen mit liebevoll gezeichneten Selbstportraits im japanisch beeinflussten Comic-Stil.
Im Februar kommt das Duo nun zum ersten Mal auf Clubtour nach Deutschland. In Berlin spielen die Damen im gefeierten Zwerghain, in Frankfurt im Korkuma-Club mit Sven Späth als Vorband, in München bittet man im angesagten P2 zum Tanz und in Stuttgart präsentiert das Duo am Samstag, 25. Februar sein eklektisches Set im Transit, als Backgroundtänzer konnte Timo Gebhart vom VfB Stuttgart gewonnen werden.
Was die Besucher erwartet? „Nichts weniger als die Neuerfindung des Pops“, sagt Lecole mit einem Augenzwinkern, stößt ein letztes Mal mit einem eiskalten Glas Champagner mit Brown an, bevor auch der allerletzte Pressevertreter in den eiskalten Berliner Winter gejagt wird. Auf Finally Famous wartet bereits ein Learjet – der nächste Pressetermin in Shanghai steht auf der Agenda.
Noch weniger Infos unter finallyfamous.de, echt witzig ist auch der Twitter-Account der Ladys, findet zumindest Martin und der Bushi.
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Der halbe Leibhaftige: Gerhard Mayer-Vorfelder stellt seine Biographie vor
Am 20. Feb 2012, 10:01 Uhr von Aussenreporter
Der Kollege Außenreporter und der Kollege Geiger, beides uneheliche Kinder von Gerhard Mayer-Vorfelder, sind eingeladen zur Buchpräsentation von MVs Biographie, Titel: „Ein stürmisches Leben“. Es moderiert: Günther Oettinger. Zugeschaltet wird ein ehemaliger Bundestrainer aus Los Äintscheles. Außerdem zu Gast: der halbe Reichsparteitag. Karneval in Köln ist Kinderfasching dagegen – ein stürmischer Erfahrungsbericht.
Roadtrip ins Ungewisse. Butterfahrt zur Buchvorstellung. Exkursion ins Extrem. Aussi und Geiger im Landschulheim der Landespolitik. Die beiden Spezialisten waren schon bei der Routenplanung überfordert. Wo soll die Party steigen? Im STEP. Nie gehört. Kurz für Stuttgart Engineering Park. Google Maps zeigt total verrückte Straßen an, die es gar nicht gibt in einem Stadtteil, den es besser nicht geben sollte: S-Vaihingen.
Curiestraße, Wankelstraße, Gropiusstraße, Zusestraße, WTF? Niemandsland zwischen Vaihingen und dem Schattenring. Da hat irgendein Irrer eine Industrie-Trabanten-Fitnessstudio-Siedlung gebaut. Rudi Häussler forever. Wenigstens gibt es Parkplätze und Schinkencroissants satt. Zu letzterem später mehr.
Das STEP, dieser feuchte Traum eines jeden Gewerbegebiet-Architekten, ist herausgeputzt für hohe Gäste an diesem Abend. Ein Parkplatzwächter hält uns an. „4711!“, gibt Geiger die Parole für den Abend vor. Ein herrlicher Moment der Stille entsteht, indem für einen Moment die ganze STEP-Welt stehen bleibt. Parkplatz-Chef verduzt: „Wie meinen? Ist das die Hausnummer, die Sie suchen?“. Geiger souverän: „Nein, das ist der Code, den uns die Stabstelle von MV für die Veranstaltung durchgegeben hat.“
Der Herr der Parkplätze begreift, dass er es mit zwei Vollpfosten zu tun hat und schickt uns ins Parkhaus. Geiger: „Geht die Party schon gut ab?“. Herr Parkplatz: Ja, es ist schon einiges los. Wieso liest MV eigentlich nicht in der Schleyer-Halle? Wäre der passendere Rahmen für den letzten reaktionären Rockstar der Politik gewesen.
„Ist schon einiges los“ war dann eher übertrieben. Außer uns nur einige Nerzmäntel, eine anti-dezente Beleuchtung und der Star des Abends, MV himself. Es liegt dieser ganz besondere Duft von Vorverwesung in der Luft, den man zum Beispiel auch aus dem Augustinerstift am Pragsattel kennt. So riecht Lebenserfahrung. Geiger: „Ist es Schnaps oder Klosterfrau Melissengeist?“ Wir checken gleich mal eine Ausgabe des künftigen Bestsellers und stellen uns brav in die Schlange der anderen Groupies.
Zeit, über das Artwork des Covers nachzudenken. Ist Killer. Wir dachten erst, die vielen Dreier rund um MVs Rübe hätten eine metaphysische Bedeutung, z.B. 333 als Bezug zu 666, der Telefon-Nummer des Satans, weil MV der halbe Leibhaftige ist. Auch subtile Anspielungen an eine Jahreszahl wie 1933 und damit verbundene Ereignisse sind bei MV ja denkbar. Leider beziehen sich die vielen 3er aber nur auf sein Geburtsdatum, 3.3.33. Richtig, nächstes Jahr steht ein Runder ins Haus.
(Aussi fragt Sonja Merz und ihre beiden älteren Geschwister nach ihren Handy-Nummern, Sonja reagiert verhalten)
Ob wir zum Jubelfest nächstes Jahr noch mal eingeladen werden, sei dahingestellt, heute Abend wurden wir zu Tisch gebeten, weil Geiger der Ortsvorsteher der CDU in Heumaden und Aussi früher der Sprecher der Jungen Union Pforzheim war. MV erkennt seine Buben selbstverständlich sofort, ist aber so aufgeregt, dass ihm Aussis Spitzname kurzzeitig entfallen ist. So entsteht folgende muntere Szene:
MV: Schön, dass ihr da seid undsoweiterundsofort, wie war noch mal der werte Name, was soll ich schreiben?
Aussi: Für Aussi bitte!
MV: Hussi?
Aussi: Aussi.
MV: Muschi?
Aussi: Aussi, ich buchstabiere: Abartig ultra stressiger Seggel international.
MV, latent genervt: Voll Moppelkotze, schreiben Sie’s halt auf.
Daraufhin Autogramm-, Wimpel- und Poesiealbum-Tausch, MV paust die Signatur ab, großes Hallo, fetter MV-Schulterklopfer, alle in der Schlange dahinter voll genervt wegen der Verzögerung, sorry an der Stelle noch mal an die Grauen CDU-Panter Filderstadt-Bonlanden.
(Kurz checken: Wie machen das die anderen? „Danke für 1942. Für immer dein MV.“ Alles klar.)
(Ist ganz leicht, A–U–S–S–I, hä, wie meinen?)
(Also ich täte es ungefähr so schreiben, danke, bitte, Küsschen, Küsschen, tschüssi)
Dann geht’s aber auch gleich ordentlich los. Der Aussi kennt wesentlich mehr Leute als der Kollege Geiger. Dem allerdings nickt der Oettinger zu (1:0 Geiger) und begrüßt ihn wie immer mit der Touchfist, weil er sich erinnert, dass beide mal zusammen eine Bierabfüllanlage eingeweiht haben. Also Öttinger hat sie eingeweiht und Geiger hat ihm dabei aus sicherer Entfernung zugesehen.
Dann entdeckt Geiger auch noch Gazi-Chef Eduardo Garcia (70. Minute, 2:0). Doch Aussi gleicht aus: weiß zuerst Günter Schäfers Spitznamen Eisen-Günne, erkennt Wasen-Wirtin Sonja Merz auch außerhalb ihres Dirndls, hat dann ein kleines Téte-a-Téte mit CDU-Darling Stefan Kaufmann, der aber erkältet ist und daher anschließend nicht twittern kann, dass er ein gutes Gespräch mit ihm hatte.
Der beste Spruch des Abends kommt leider nicht von uns, sondern von Promi-Fotograf Sage. Das ist der, der an seinem Arm so viele VIP-Bänder hat wie Wolfgang Petry Freundschaftsbändchen. Sage hat mehr CDU-Streetcredebility als Geiger und Aussi zusammen, winkt hier, grüßt dort und schüttelt reihenweise Händchen, um dann genussvoll in den Raum zu krakeelen. „Herrlich, alle da, ist ja wie beim Reichsparteitag hier!“
Das Programm ist schließlich ausgesucht: Wir hatten gehofft, MV liest uns was aus seinem Buch vor. Aber heute wird nicht gelesen, nur gelobt. Erst der Ötti den MV. Halbzeit – Seitenwechsel – Auftritt Cheerleader aus LA – dann der MV den Oettinger.
Man mag von Oettinger halten, was man will, seine Exzellenz aus Brüssel freestylt eine Dreiviertelstunde lang auf hohem Niveau. Reden kann der Günne, die ersten Sätze klingen wie immer etwas nach Satire-Gipfel, weil man denkt, eine Parodie auf Günter stünde am Pult. Aber nein, stimmt ja, es ist das Original live und in Farbe.
„Lieber Gert, verehrter MV, ich hab mich die ganze Woche auf diesen Termin gefreut, egal ob in Berlin, Istanbul oder Brüssel“, sagt Oetti. „Lieber Gert, verehrter MV, wir haben uns die ganze Woche auf diesen Termin gefreut, egal ob in Botnang, Hedelfingen oder Möhringen“, sagen Geiger und Aussi.
Es folgen Kracher um Kracher: MV höre nicht gerne zu, sei aber ein herausragender Plauderer, ein lebendiger Zeitzeuge und habe alles durchgemacht von A14 bis B9 (geiler Beamtenbesoldungswitz). Oetti und Gert haben sich 1982 kennen gelernt und mögen sich scheinbar echt ein bisschen, auf jeden Fall haut der GOE die Dinger raus, dass Aussi ganz rote Ohren bekommt, während Geiger die Rüstigen um ihn herum zur Ruhe ermahnt – auf Doppelherz kann man sich scheinbar nicht so lange konzentrieren.
Logisch, dass Oettinger auf die legendäre Kondition der baden-württembergischen Antwort auf Franz-Josef Strauß eingeht: Beim Skifahren des Inner-CDU-Circles hatte MV immer die schwächste Kondition und wollte sich nach der ersten Abfahrt erst mal eine Rothändle am Hang anstecken, nachts sei er dann aber zu ganz großer Form aufgelaufen. Schnaps sei allerdings nicht so seins, Bier auch nicht, stattdessen Trollinger, Weißwein und Champus, die heilige Trias des übersäuerten Alkohol-Magens.
Nach Oetti gab es dann eine Live-Schalte, die uns irgendwie an kessel.tv-Lesungen erinnert hat, der Einspieler war großes Kino, durfte doch ein gewisser Jürgen Klinsmann aus Los Angeles seinen MV über den grünen Klee loben: „Du bisch mein väterlicher Freund, ich sag bis heute Präsident zu dir, ohne dich hätt es koi Sommermärchen gebä und koine Leischtungszentren des DFB und koine Weltkarriere von mir und koinen Weltfrieden“, sagt Klinsi, Geiger und Aussi liegen sich vor Rührung weinend in den Armen.
(Great Kino: Klinsi from LA)
Dann schließlich Auftritt MV himself. Die rhetorische Messlatte liegt hoch, der Vito Corleone der Südwest-Politik kann das Niveau anfangs nicht ganz halten, manchmal nuschelt er leider ein bisschen zu sehr die Vokale weg, ein paar Kracher haut der Pate aber auch noch raus: „Das ich ein so interessanter Typ bin, lieber Günther, hätte ich nicht gedacht“, „wenn du wüsstest, wie zuhause bei mir die Glocken klingen“, „vielleicht kommt noch mal ein anderes Fest, lieber Günther, da kannst du die Rede wiederholen.” Schenkelklopfer, Jubelperser, Standing Ovations, Geiger und Aussi machen die Welle, und endlich geht es ans Büffett.
Geiger isst auf MVs Gesundheit 36 Croissants, der kann sich das auch leisten mit seinem Heavy-Metal-Körper, Aussi hält sich wegen seines schwachen Bindegewebes an die Hobbys des Präsidenten, also Puffbrause und Weißwein.
Beim Stehempfang fachsimpeln wir noch etwas über die Machart des Büchles selbst: MV hat erst gar nicht versucht zu behaupten, dass er das Geschoss selber geschrieben hat. Stattdessen hat er das Triumvirat aus Verleger, Ghostwriter und einem dritten Menschen gelobt, dessen Funktion wir nicht kapiert haben. Ohne die drei wäre der Schinken auf jeden Fall nicht entstanden, gibt der Präsident locker zu, um lässig anzufügen: „Ich habe das Buch wirklich gern gelesen.“
Das Schlusswort gehört Karl Allgöwer, der im aktuellen 11 Freunde anerkennend über MV philosophiert: „Auf der Meisterfeier 1984 wollten wir unbedingt erleben, dass der Präsident mal die Segel streicht. Wir haben uns abgewechselt, jeder musste eine Stunde hin und mit ihm feiern, aber wir haben es nicht geschafft.“
Liegt vielleicht am kleinen Geheimnis von MV, das man aber nur herausbekommt, wenn man ihm beim Autogrammtausch sehr, sehr nahe kommt. Ganz leicht, aber wirklich nur ganz leicht, riecht der Don der CDU Baden-Württemberg nach Schwefel. Wie es sich für den halben Leibhaftigen eben gehört.
(Original: So heißt der Seggel in Druckbuchstaben)
(Fälschung: Riecht es hier irgendwo nach Schwefel?)
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Lernen vom Volleyball oder eine kleine Typologie des aktuellen VfB-Kaders
Am 7. Feb 2012, 12:30 Uhr von Aussenreporter
(Hexenkessel Scharrena: Die Stimmung ist kurz vor dem kollektiven Austicken, ähnlich wie bei der letzten KTV-Weihnachtsfeier)
Der VfB ist eindeutig auf dem aufsteigenden Ast. Hört sich komisch an? Nein, ist die Wahrheit. Der eine Punkt bei den Pillendrehern am Samstag war nur der Vorgeschmack, morgen wird Bayern im Pokal rasiert („Alle auf die 10!“ Das wird kein schöner Abend für Arien „Der fliegende Holländer“ Robben) und der Rest der Rückrunde wird dann mit Anstand zu Ende gebracht, bevor im Sommer der Umbruch erfolgt und Fredi & Bruno ein paar Knaller einkaufen (Jarolim, Helmes, Maik Franz?) auf dem Weg zur Deutschen Meisterschaft 2013.
Woher wir das so genau wissen? Kessel.tv war exklusiv dabei bei der teambuildenden Maßnahme des VfBs vergangene Woche. „Wir haben uns mal richtig ausgesprochen und angesprochen, was bisher eher doof war“, erklärte Christian Gentner nach dem sensationellen Unentschieden gegen Ballack 04 Leverkusen am Samstag.
Die Buben haben sich aber nicht nur ausgesprochen, nein, sie haben Anschauungsunterricht genommen bei den Volleyballerinnen von Smart Allianz Stuttgart bei deren Heimspiel gegen Robur Tiboni Urbino, dem FC Barcelona des Damen-Volleyballs aus Italien vergangene Woche.
Wer derzeit Spitzensport in Stuttgart konsumieren möchte, kommt an den Volleyball-Mädels nicht vorbei. Vereinspräsident Bernhard Lobmüller, der Uli Hoeneß des Stuttgarter Volleyballs – nur mit weniger roter Birne – hat sehr Vorzeigbares in der Kurve der Daimler-Arena an den Start gebracht.
Was wir in der Scharrena beim Spiel gegen die Italienerinnen gesehen haben, war ganz großer Sport. Zwar setzte es gegen die Übermannschaft aus Italien eine knappe Niederlage, das Gesamtpaket in der Halle in der Mercedes-Benz Arena in Bad Cannstatt stimmt aber. Eine heimelige Turnhallen-Atmosphäre, die alles andere als piefig ist, unglaubliche Sportlerinnen, die schmettern und Bälle vom Boden kratzen, und ein Hallensprecher, dessen Soundmix in fast jedem Stuttgarter Club bestehen würde.
Party-Mugge olé, keine Sekunde ist Ruhe, am geilsten kommt definitiv „Mein Block“ von Sido bei jedem gelungenen Block der Allianzlerinnen. Mehr HipHop geht an einem Mittwochabend in Cannstatt echt nicht. Das fand wohl auch der halbe Kader des VfB, der nach der Gruppengesprächstherapie im Vereinsheim noch gemeinsam in der Scharrena für Getuschel sorgte.
Alte Herren wie Gerhard Mayer-Vorfelder, der am Freitag übrigens endlich seine Biographie vorstellt, wollten ja deutsche Fußballdamen einst im Damen-Volleyball-Dress antreten lassen. Diesen Vorschlag unterstützt KTV vehement, bei Allianz Stuttgart steht auf jedem Sportlerhintern auch noch Smart, das gefällt uns Smartass-Typen natürlich gleich doppelt (Altherrenwitz-Abzug: 5 Euro ins Phrasenschwein). Den VfBlern aber übrigens auch.
(Kann man zwar nur mit der Lupe erkennen, aber tatsächlich auf diesem Bild: Tasci mit weißer Mütze, Boula mit Smartphone, Molinaro mit Brille und viele weitere Highlights)
Diese Gelegenheit hat kessel.tv genutzt, um erstmals in der Geschichte des deutschen Sportjournalismus eine kleine Typologie des aktuellen Kaders vornehmen zu können, anhand dessen die bisherigen Leistungen der Mannschaft besser einzuordnen sind.
- Serdar Tasci: Hat nur einen Gesichtsausdruck beim Volleballgucken. Gelangweilt. Ist mit dem Kopf immer noch bei Juventus Turin oder sonst wo international. Fragt sich nicht nur in der Scharrena, „Scheiße, was mach ich eigentlich in der Turnhalle hier beim Affentennis, wieso hat Real noch nicht angerufen.“ Kein Wunder kommt Tasci gerne mal gegen direkte Gegenspieler zu spät oder verursacht Elfmeter. Hat bei Spaßaktionen von -> Gentner keinen Spaß, hier fehlt eindeutig die Bindung zur Mannschaft.
- Chrissi Molinaro: Viel zu schlau für dieses Team, sieht mit seiner dünnen Brille aus wie ein BWL-Student mit Migrationshintergrund. Schlägt manchmal über die Stränge, verklopft nach dem Spiel das halbe Team munter mit einer Gummi-Werbebande, der lustige Spaßvogel. Sieht gegen Leverkusen prompt Rot wegen allgemeiner Übermotivierung.
- Kannibale Boulahrouz: Der Typ ist eine einzige Katastrophe. Spielt während der kompletten Volleyballbegegnung an seinem Smartphone rum, schaut kein einziges Mal aufs Spielfeld. Setzt sich irgendwann um und zur Entourage von Gebhart, um dort zu zweit gemeinsam auf das Smartphone zu starren.
- Timo Gebhart: Völlig isoliert von der Mannschaft, schaut sich das Spiel mit zwei unbekannten Schönheiten und einem Kumpel an. Immer wenn das Masskotchen Charly vorbeiläuft, feuert Gebhart Charly an, statt seine Energie für das nächste Spiel zu sparen. Absolute Katastrophe, Teil 2.
(Völlig isoliert von der Mannschaft: Gebhart mit gespreizten Beinen und scharfen Hasen, im Vordergrund Locken)
- Christiano Gentner: Heimlicher Kapitän, nicht nur bei diesem Ausflug. Macht die Mitspieler auf die unglaublichen Aufwärmübungen dreier Volleyballgrazien aufmerksam. Hab nur vom Zuschauen eine Bauchmuskelzerrung bekommen, alle VfBler nicken anerkennend und gruseln sich dabei gedanklich vor Felix Magath. Gentner macht schließlich Quatsch mit einer Deutschlandfahne, die er scheinbar immer bei sich hat. Integrative Kraft im Kader.
- Julian „Juliano“ Schieber: War abzusehen, dass er Samstag trifft. Beim Volleyball-Ausflug war er schon der schönste VfBler. Sah in seinem Strickpulli fast so gut aus wie Tobi Tobsen. Fuck yeah, Julian Schieber: Diese blauen Augen sind wirklich unglaublich. Wird der neue Mario Gomez, wirklich, spätestens zur nächsten Saison. Tickende Zeitbombe!
- Habdenvornamenvergessen Niedermaier: Tritt zu wenig in Erscheinung, um von der Ktv-Redaktion benotet zu werden.
- Hatleiderkeinenvornamen Cacau: Konnte zum Volleyball nicht kommen, weil er Gospelgottesdienst hatte. War aber von Harnik auch erst gar nicht eingeladen.
- Maddin Harnik: Hatte den Ausflug zwar organisiert, dann aber keinen Bock auf die Kollegen, wollte den Kopf beim Zumba-Kurs bei Fitness First freibekommen. Hat dann auch prompt am Samstag getroffen.
(Standing Ovations von Smart Allianz Stuttgart für den Besuch von Wesc Volcom Hofbräu Naturgut am Marienplatz Kessel.tv)
(Nach dem Spiel lassen es die Volleyballerinnen im VIP-Bereich noch krachen, ktv wie immer mittendrin mit einer Apfelschorle)
Fazit: Die Scharrena ist auf jeden Fall einen Ausflug wert. Nicht nur im sibirischen Frühling, sondern auch sonst jederzeit, wenn man Bock hat auf feinen Sport in einer guten Location. Die Saison läuft noch bis Mitte April, nächstes Heimspiel: 15.2. 19:30 in der Scharrena in Bad Cannstatt, gegen den USC Münster. Garantiert auch wieder mit dabei: der ein oder andere VfBler im Publikum – zum Anschauungsunterricht Teil 2.
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Allerfeinste Pop-Nachhilfe: Andy Warhol sein Interview als deutsche Ausgabe
Am 2. Feb 2012, 16:00 Uhr von Aussenreporter
Wie immer unaktuell bis zum Gehtnichtmehr: Kessel.tv. Die Tageszeitung unter Deutschlands Superblogs gibt mit einer Woche Verspätung ihren Senf ab zur spannendsten Neuveröffentlichung im deutschen Journalismus der letzten Jahre (Superlative erzeugen im sibirischen Frühling Wärme).
Vergangenen Freitag erschien erstmals – im guten alten 92er MAX Überformat - die deutsche Ausgabe von Andy Warhol’s Interview. Mitverantwortlich für das Magazin im Überformat ist der Exil-Filder-Warrior Jörg Rohleder, den wir rund um seinen Roman Lokalhelden einige Male auf dem Blog hatten.
Das Echo zum Magazin ist geteilt: Spiegel Online dreht durch und sagt „Interview ist kein Leichtgewicht – und damit der Gegenentwurf zum allgemeinen Digitalisierungstrend.“ Die FAZ dagegen findet die neue Publikation natürlich – muss man machen, wenn man beim inhaltsschwersten Blatt der ganzen Welt arbeitet – eher so mittel und nennt das Magazin „eine leidenschaftliche Unvernunftehe zwischen ästhetischem und intellektuellem Hochsnobismus“, in einem hauseigenen Blog wird sogar richtig abgekotzt.
Und Willi Winkler, das gute Gewissen der Süddeutschen Zeitung, freut sich am meisten über das Interview zwischen Arianna Huffington und Scarlett Johansson und den im Text platzierten Satz „Erst Somalia, dann flache Schuhe“ – Winkler findet es voll doof, dass man das Krisengebiet Somalia und High Heels in einem Text verarbeitet.
Womit wir beim Konzept des Oschos wären. Hauptelement: Ein Promi interviewt einen anderen Promi. Das kann überraschenderweise gut sein, wenn die Promis gut sind, das kann aber auch eher dünn sein, wenn, richtig, Sascha Gerecht Heid Klum interviewt.
Kommt im Heft zwar nicht vor, kann aber nur gruselig sein. In der deutschen Nr. 1 ist zudem noch ein fetter Bonustrack auf mehreren Seiten am Start, der alte Warhol-Interviews beinhaltet, zum Beispiel mit dem jungen Michael Jackson. Der Teil ist allerfeinste Pop-Nachhilfe.
Schöner kessel.tv-Bezug zum Blatt: Der inoffizielle Cosimo-Biograph Moritz Drung durfte an Interview mitarbeiten, weil Kollege Rohleder seine Schreibe für KTV so gut fand (ehrlich jetzt). Jetzt hat Moritz zum Heftstart einen Skater portraitiert und steht im Impressum direkt vor Clint Eastwood. Kann man schon mal machen.
Was man auch machen kann: Interview für sechs Euro am Kiosk seines Vertrauens kaufen, am Samstag schmökern, um abends dann Moritz mit seiner Band Vagabond Stories in Esslingen beim Winterfest im Komma live anzuschauen. Wünsche allen ein gutes Gespräch ganz im Sinne von Stefan Kaufmann.
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Speckgürtel nicht nur um die Hüfte:
Plattform für re.flectAm 22. Dez 2011, 14:00 Uhr von Aussenreporter
LPB war wahrscheinlich massiv auf der Suche nach guten Nachrichten und hatte deswegen keine Zeit für seine re.flect-Kolumne in der Dezember/Januar-Ausgabe. Deswegen bat mich die Redaktion um einen Text für die Plattform auf der letzten Seite. Sagte ich danke, bin gerne Ersatz und sowieso Feuerwehrmann im Herzen. Also auf nach Paris! Sogar ins Echte!
(Das ist fast Paris.)
Ich bin ein Landei und werde es immer bleiben. Provinz im Herzen, Speckgürtel nicht nur um die Hüften und das Hirn ein einziger Vorort. Gerade deshalb muss ich regelmäßig in eine richtige Stadt reisen, um die eigene Bedeutungslosigkeit bei jedem Schritt, in jedem Club, in jedem Laden zu inhalieren.
Mit richtiger Stadt meine ich kein Frankfurt und kein München, Verzeihung, Freunde, Ihr seid auch nur Stuttgart mit mehr Fluss aber weniger Herz. Nein, Paris sollte es dieses Mal sein, mit dem TGV von Kopfbahnhof zu Kopfbahnhof und dann den Kopf an einem langen Wochenende durchpusten. Hat gut geklappt dank astreiner Tipps von Hippstern aus dem Freundeskreis. Architekten, Fashiondealer und Gastronomen im Inner Circle zu haben, ist von elementarer Bedeutung, gerade wenn du selber wie ich ein Dorfdepp bist. Brauchste keinen Reiseführer und keine iPhone-App mehr.
(Das war glaub Paris. Kann mich nicht mehr ganz erinnern. War in dem Bildordner “Ausflug nach Lutter am Baremberge”.)
Erste Erkenntnis: Amerika muss derzeit leer sein, weil alle Amis in Paris herumhängen. Erster Abend Couscous bei Chez Omar, der Tisch so groß wie ein Macbook, Laden voll wie Harald Juhnke zu seinen besten Zeiten, links ein Pärchen aus Italien, rechts die größte Nerdbrille der Welt mit Panzerglas-Glasstärke auf der Nase einer Hippsterin, ihr Gegenüber der schönste Junge der Welt: Hippster-Alarm aus Brooklyn, New York, das hätte man sogar aus dem Elsass noch erkennen können.
Wir mussten unsere Getränke mangels Platz auf ihrem Tisch abstellen, hab ihnen zum Dank die ganze Zeit von unserem Wein nachgeschenkt. Sagt die große Brille plötzlich: „We just met Sofia Coppola, Paris is so tiny.“ Ich so: „Nimmer ganz sauber, oder was. Ich komm aus Stuttgart, das ist tiny.“ Sie wieder: „Stutt-what?“ Ich so: „Egal, aber kennste Casper: ,Und im Radio lief Jay Z immer wieder mit seinem Lied von der großen Stadt erinnert uns wieder wie klein wir sind.‘“ Sie wieder: „Sorry, wir müssen los, der Jetlag.“
Erkenntnis zwei: Es tut gut, auch mal wieder in einen Laden nicht reinzukommen. Eine versteckte Bar hinter einem mexikanischen Imbiss. Erst der Imbiss, dann eine Tür, hinter der man eine Küche vermutet. Gibt es an der Stelle aber nicht, sondern eben eine Styler-Bar, süper cool, le dernier crie.
Wir Touristenhorsts checken es nicht, glotzen rein, laufen außen rum, wollen uns dann reintrauen, als uns an der Tür der zweitschönste Junge der Welt den Weg versperrt. Dachte erst, das wäre ein genauso planloser Gast wie wir. War aber der Bouncer in der schicken Pariser Ausgabe. Er so: „Sucht Ihr was?“ Wir: „Ja, Glück, unendliche Jugend und entweder Ketamin oder Amphetamin oder beides in einem Cocktail. Momentan würde uns aber auch die versteckte Bar reichen.“ Er: „Sorry, heute Abend ist privat.“
Da war es sofort wieder, dieses herrliche Gefühl von Provinz. Hab mich erkannt gefühlt und bin in eine Kleinstadtschockstarre gefallen. Meine Begleitung nicht. Hat dem Türsteher le plus cool erklärt, dass wir nur wegen seiner Bar extra aus Stuttgart gekommen sind (Lüge Nr. 1), dass wir wichtig sind (größte Lüge der Welt) und Journalisten (halbe Lüge) und dass „sorry, heute ist privat“ voll 90er und uninspiriert sei, außerdem seien wir auch privat und nicht geschäftlich unterwegs, müsste also passen. Nach langem Palaver dann der Kompromiss: Wir gehen in eine andere Bar und kommen dann wieder.
Wir waren in einer anderen Bar und kamen dann wieder. Der Bouncer tat, als hätte es die Situation zuvor nie gegeben und wünscht uns auf Deutsch einen schönen Abend. Der Laden ist der Hit, klein, fein, ambitionierte Barkeeper. Gin Tonic mit Monkey 47 für 14 Euro, dann bitte gleich drei, danke, bitte, schönen Abend noch.
Erkenntnis drei: Die wichtigste Währung der Nacht, die Gästeliste, funktioniert Länder übergreifend. Die Jungs vom Rocker 33 sind in einer Fanfreundschaft mit dem Social Club in Paris verbunden und haben netterweise für mich Wicht Plätzchen auf der Liste geschnorrt. Kleinstadt meets also Großstadt, Riesenschlange vor dem Laden, wir dran vorbei, ich zum Bouncer: „I am the Horst from your Nachbarland and I think that I am on the list de la Liberté, Egalité und Fraternité.” Die so: „WTF, verarsché oder was?“ Pause und französisches Stirnrunzeln. „Oh lala, du stehst tatsächlich auf der Listé, dann aber rein mit dir, du kleine, süße Kartoffel.“ Drinnen dann junge Menschen, Tanzen, Gin Tonic, Exzess und blinkende Lichter. Fast wie daheim. Schön.
Zum Abschluss noch in einem jüdischen Feinkostgeschäft mit dem eigenwilligen Namen Panzer gefillte Fische gekauft, tatsächlich dem Pärchen aus Brooklyn wieder über den Weg gelaufen because Paris is so tiny und am Grab von Jim Morrison eine Schweigeminute eingelegt. Bis ein Depp neben mir auf seinem Handy „Stairway to heaven“ abgespielt hat. Hab das Scherzkeks ganz sanft in den Arm genommen und ihm ins Ohr geflüstert: „Na, mein Lieber, kommste auch vom Land?“
Provinz ist halt doch immer da, wo ich bin.
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